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20 Jahre Tiananmen: Das große Schweigen

Einbetoniert, weggeschafft und abgehört: Auch 20 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung unterdrückt Chinas Führung die Vergangenheitsbewältigung. Doch manche Chinesen wollen nicht vergessen, wie im Juni 1989 rund um den Platz des Himmlischen Friedens die Freiheit von Soldaten und Panzern verjagt wurde - eine Spurensuche.
  • Andreas Hoffbauer
Hundertausende Demonstranten füllten 1989 den Platz des Himmlischen Friedens - bis die Polizei die Proteste blutig beendete. Quelle: Reuters

Hundertausende Demonstranten füllten 1989 den Platz des Himmlischen Friedens - bis die Polizei die Proteste blutig beendete.

(Foto: Reuters)

PEKING/TAIPEH. Sie stehen noch heute dort, die niedrigen Hecken mit den Geranienbüscheln davor. Wie vor 20 Jahren, am Abend des 3. Juni 1989, als an der U-Bahn-Station von Muxidi das Chaos über Peking hereinbrach. "Er muss dort am Nordeingang gelegen haben", sagt Ding Zilin, 72. Sie sitzt in ihrer Wohnung, die ist nur ein paar Hundert Meter entfernt, und streicht sich zitternd durchs graue Haar. Sie kämpft mit den Tränen. An jenem Abend wurde ihr 17-jähriger Sohn in den Rücken geschossen. Er starb hinter dem Beet vor der U-Bahnstation, wo er vor den Soldaten Deckung gesucht hatte.

"Sein Schulfreund war dabei und hat es mir am nächsten Morgen, am 4. Juni 1989, berichtet", sagt seine Mutter. Das Blumenbeet direkt am Eingang haben sie weggemacht, sagt sie, und auch die Hecke, hinter der ihr Junge in Deckung ging, ist unter Asphalt verschwunden. Nichts soll an die Wahrheit von 1989 erinnern, so will es Chinas Regierung.

So gerät langsam in Vergessenheit, was sich in jener Juni-Nacht 1989 an der Muxidi-Station vor den Häusern Nummer 20 und 22 abgespielt hat, als Panzer den Fuxingmenwai-Boulevard hinunterrollten, der direkt zum Tiananmen-Platz führt, wo Studenten und Bürger die kommunistische Regierung sechs Wochen lang herausforderten. Bis die Führung um Deng Xiaoping die Panzer schickte. Aus Westen, über den Fuxingmenwai-Boulevard, rückten sie vor.

An der Muxidi-Brücke versuchten Bürger, die 38. Armee zu stoppen. Nur zehn Minuten sollen die Barrikaden gehalten haben, dann fielen Schüsse. Diesmal nicht in die Luft. Bis heute ist es Staatsgeheimnis, wie viele Menschen 1989 beim sogenannten Tiananmen-Massaker ums Leben kamen. Offiziell waren es nur ein paar Dutzend. Andere Quellen schätzen viele Tausend Opfer - Studenten, Bürger, Soldaten.

Sicher ist, dass es hier in Muxidi, fünf Kilometer westlich von Tiananmen, die meisten Toten gab. Gegen das Erinnern lässt die Regierung bauen. An der U-Bahn hat der Architekt Jean-Marie Duthilleul ein modernes Gebäude aus Glas und Beton errichtet - Pekings neues Stadtmuseum. "Vergangenheit und Gegenwart" sollen sich hier verbinden, wirbt ein Prospekt. Doch in Pekings "Haus der Geschichte" gibt es keinen einzigen Hinweis auf die blutigen Stunden, als Soldaten - quasi vor der Tür - auf Bürger schossen.

DER REFORMER

Nur eine U-Bahnstation stadtauswärts von Muxidi wohnt Bao Tong. Durch eine Nebenstraße, dann vorbei am Gemüsemarkt, dort steht der karge Wohnblock, in dem der damalige KP-Funktionär lebt. Im düsteren Eingang steht ein Schreibtisch mit Radio, Lampe und Teekocher. Dahinter sitzt, wie immer, ein Polizist der Staatssicherheit, der die Namen und Passnummern aller Besucher für den "Herrn im 6. Stock" notiert.

Die Tür zum Lift öffnet sich. Bao kommt in Hausschuhen über den Kachelboden der Eingangshalle geschlurft. "Habt ihr alles?" fragt der 76-Jährige den Zivilpolizisten.

Bao Tong war 1989 engster Vertrauter von Parteichef Zhao Ziyang. Der wollte mit den Studenten, die sich nach Freiheit sehnten, eine friedliche Lösung finden, weswegen er abgesetzt und kaltgestellt wurde. Bis zu seinem Tode 2005 lebte Zhao unter Hausarrest, auch Bao Tong steht unter 24-Stunden-Bewachung. Er hat kein Internet, seine Post wird geöffnet, das Telefon abgehört.

Der Aufzug kommt oben an, Bao bittet in sein Drei-Zimmer-Reich. Er habe sich mit seinem Leben im Käfig arrangiert, sagt er, die Augen fixieren sein Gegenüber. Doch Frieden hat er noch lange nicht geschlossen mit den Kommunisten. Mao und seine Partei nennt er eine "Katastrophe" für China, den Reformer Deng Xiaoping nennt er einen "Hexer", der das Volk verführt habe.

Und Jiang Zemin, Zhao Ziyangs Nachfolger, war in Bao Tongs Augen nichts als ein "Unterdrücker".

Die Lehren von 1989, die seien offensichtlich, sagt Bao Tong, der einst die Reden für Parteichef Zhao Ziyang schrieb. China brauche ein Mehrparteiensystem: "Eine Partei kann nicht gleichzeitig politische Partei, Regierung und Verwaltung sein." Bei solchen Sätzen lehnt sich Bao in seinem roten Sessel zurück. Er hat nicht verlernt, wann Pausen wichtig sind, um ein Argument zu stärken.

Plötzlich kann man sich gut vorstellen, wie er damals mit Parteichef Zhao über eine neue Welt, ein offeneres China debattierte. Vom Traum ist ein Farbfoto geblieben, das auf dem Holzregal steht: Zhao, herzlich lachend in blauer Mao-Jacke. Der Mann, der ein anderes China wollte.

Doch als am 3. Juni 1989 die Schüsse in Muxidi fielen, war Zhao schon zurückgetreten, saß Bao bereits im Gefängnis. Sieben Jahre verbrachte er im Straflager. Bao Tong ist der ranghöchste Politiker Chinas, der wegen der Proteste von 1989 verurteilt wurde.

Heute gestattet ihm die Partei zum Leben noch 50 Quadratmeter.

DIE STUDENTEN

Auf dem Campus der Peking-Universität kennt kaum noch einer Bao Tongs Namen. In der Morgensonne radeln Studenten zur Vorlesung, einer mit Designerbrille auf der Nase sitzt mit Laptop auf dem Rasen. Nicht weit von hier stand 1989 die "Mauer der Demokratie": Studenten schrieben ihre Wünsche auf Poster, die sie auf die Mauer klebten. Auch dieses Stück Geschichte ist weg, die Mauer längst abgerissen.

Nun steht hier stattdessen die Mauer des Schweigens. Nur wenige wollen was sagen. 1989? "Darüber weiß ich nicht viel", sagt ein Chemiestudent, lacht verlegen, geht weiter. Ein Wirtschaftsstudent reagiert nervös. "Damals ist sicher Unrecht passiert", sagt er, "aber das ist vergangen. Ich finde, wir sollten in die Zukunft schauen."

Der Übergang zu einer Demokratie brauche Zeit, da sind sich Chinas Studenten einig. Aber wie lange noch? 1989, als es die Massen nicht nur in Peking, sondern auch in Nanjing oder Schanghai auf die Straße trieb, waren sie noch Kinder.

Trotz des amtlich verordneten Schweigens wissen alle über den 4. Juni Bescheid. Im Internet werden, meist anonym, die Diskussionen von damals weitergeführt, sagt Ling Cangzhou, der in Peking an einer Privat-Uni unterrichtet: "Die wissen alle, wie man die Online-Zensur umgeht." 1989 war er auf dem Tiananmen-Platz mit dabei. Er trug sogar mal ein Plakat mit dem Spruch "Freiheit für China", sagt er. "Aber ich war nur einer der vielen Mitläufer, blieb darum nachher weitgehend verschont." Zur "Besinnung" musste er ein Jahr lang in einem Bergwerk nahe Peking schuften.

Ling gehört zur neuen kritischen Generation in China. Er unterzeichnete - wie Bao Tong - die Charta 08, eine Art Verfassungsentwurf für die Volksrepublik, in der China als Demokratie neu entworfen wird. Unter der aktuellen Parteiführung erwartet er keinen Wandel: "Aber in 20 oder 30 Jahren wird unser Land hoffentlich demokratisch sein", sagt Ling.

Ein wenig Fortschritt erkennt er bereits. Chinas Medien seien heute freier als je zuvor, sagt Ling. "Aber es gibt zwei streng verbotene Themen: Falun Gong und der 4. Juni." Wer darüber berichte, werde "sofort wie von einem Starkstromschlag getroffen".

DER ANFÜHRER

Einer der Stars von 1989 blickt heute vom 55. Stock hinunter auf die Welt. Wu'er Kaixi hat sein Büro in einem der schicksten und höchsten Gebäude der Welt, im Wolkenkratzer 101 in Taipeh. Von seinem Schreibtisch blickt er weit über die Stadt bis zu den Bergketten von Taiwan. "Bei klarem Wetter kann man China sehen", flachst er und zeigt lachend in die Ferne.

Das stimmt natürlich nicht, das Festland ist zu weit entfernt. Aber Wu'er liebt die Zuspitzung. China ist für ihn heute ohnehin unerreichbar. Das "Enfant terrible" von 1989 darf nicht in die Volksrepublik, seine alten Eltern dürfen nicht hinaus. Das passt in sein Bild von Chinas Führung: "Es ist unmenschlich, dass ich noch immer unter den Folgen von damals leiden muss", schimpft Wu'er.

Damals, mit 21, gehörte er zu den Anführern auf dem Tiananmen-Platz. Und schon damals war er eine schillernde Figur. So gab Wu'er im teuren "Beijing Hotel" ausländischen Reportern Interviews, er galt als Lebemann und Angeber. Berühmt wurde er aber durch seinen Auftritt in der Großen Halle des Volkes, als er bei einem der Treffen der Studenten mit der Parteiführung Premier Li Peng ins Wort fiel und zurechtwies. Die Szene wurde im Fernsehen ausgestrahlt, Wu'er hatte sein Millionenpublikum.

Auch im Exil sorgte Wu'er für Schlagzeilen. Über Hongkong und Frankreich war er nach 1989 in die USA gelangt, wo er ein Stipendium für Harvard bekam. Doch er gab das Geld lieber für Partys aus. Nach einem Semester wurde das Stipendium gestrichen.

Seitdem kämpft Wu'er Kaixi aus dem Ausland für das Ende der KP-Herrschaft. "Für China ist die einzige Lösung Demokratie", sagt er.

Politisch überlebt haben Chinas Führer seiner Meinung nach das Blutbad von 1989 nur, weil sie danach ein Abkommen mit dem Volk trafen: wirtschaftliche Öffnung und damit wachsenden Wohlstand gegen stillen Gehorsam. Das funktioniere - aber nur auf Zeit. "Viele junge Leute wissen eben doch, dass da was war."

Irgendwann würden Fragen kommen, ist sich Wu'er Kaixi sicher, dann werden die Schatten von Tiananmen China einholen: "Man kann die Wahrheit nicht verbergen."

Zum Jahrestag heute wird sich der Studentenführer von einst mit ein paar alte Tiananmen-Kumpeln in Washington treffen. Seine Appelle für Demokratie und Menschenrechte finden seit Jahren im Ausland ein großes Publikum. In der Dissidentengemeinde bleibt Wu'er Kaixi jedoch umstritten. Dass er zum Jahrestag - mit Sinn für den großen Auftritt - den Einstieg in Taiwans Politik plane, das weist er zwar zurück. Aber zugetraut hat es ihm jeder.

Wu'er war nie der Meinung, dass man unbedingt als Asket für die Demokratie kämpfen müsse. Nach einem Politikstudium in San Francisco heiratete er 1996 in die Familie eines taiwanesischen Multimillionärs ein. Plötzlich wohlhabend, wurde er rasch zum Partner einer amerikanischen Risikokapitalgesellschaft. Die residiert im 55. Stock des Wolkenkratzers 101 in Taipeh.

Und so trifft man den alten Tiananmen-Rebellen, der am 3. Juni in Muxidi "an vorderster Front" dabei war, 20 Jahre später als leitenden Mitarbeiter einer "Heuschrecke" wieder, an einer der feinsten Adressen Taiwans. Wu'er findet das nur logisch: Seine Firma investiere schließlich auch Millionen auf dem Festland, rechtfertigt er sich, sein Aufstieg sei nur ein weiterer Schachzug im Kampf gegen die KP Chinas. Doch diesmal klingt Wu'er Kaixi wenig überzeugend.

DIE MUTTER

Auf dem Friedhof Wan'an im Westen Pekings weht Sommerwind durch die Bäume. Es riecht nach Gras und Pinien, Vögel zwitschern. Am Eingang wachen zwei Löwen aus Stein. Das Grab von Yuan Li liegt ganz weit hinten, der zweite Stein von links in seiner Reihe. Das Bild auf dem Grab zeigt einen schmalen, jungen Mann mit runder Brille. Darunter liegt eine vertrocknete Rose. "Er war noch keine 30 Jahre alt, als er dieser Welt plötzlich entrissen wurde", ist in Gold in den weißen Marmor graviert.

Man muss lange suchen, bis man hier die Gräber mit dem Sterbedatum 4. Juni 1989 findet. Sie gehören zu den Spuren, die Chinas kollektives Vergessen überlebt haben. Nach den Unruhen sollen viel mehr Opfer auf den Friedhöfen West-Pekings beigesetzt worden sein, als sich heute dort noch finden. Als die Behörden merkten, dass in mancher Urnenhalle ganze Reihen nur dieses eine Datum aufwiesen, wurden die Überreste vieler Opfer weggeschafft.

Nicht einmal die Seelen der Toten von Tiananmen dürfen zur Ruhe kommen. Ding Zilin sitzt in ihrer Wohnung in Muxidi und schüttelt den Kopf. Die alte Frau kämpft seit 20 Jahren um ihr Recht, trauern zu dürfen. Seit 1995 schreibt sie jedes Jahr an Chinas Führung, bittet um Rehabilitierung der Tiananmen-Opfer. "Ich habe nie Antwort bekommen", sagt sie leise.

Ihr Kampf ist zur Anklage gegen Chinas Umgang mit Bürgerrechten geworden. Jahrelang hat die von ihr mitgegründete Gruppe "Mütter vom Platz des Himmlischen Friedens" Opfernamen gesammelt und betroffenen Familien geholfen. Für Ding ist dies der einzige Weg, ihre Trauer auszudrücken. "Die Einschusslöcher der Kugeln kann man kitten, aber das Blut der Geschichte kann man nicht wegwaschen", sagt sie.

Auch sie steht unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit. Ihre Wohnung hat die frühere Philosophie-Professorin geschmackvoll mit chinesischen Möbeln eingerichtet. Dort, wo früher das Bett ihres Sohnes stand, hängt ein Foto, das ihren Jungen mit seinen Schulfreunden zeigt - im Mai 1989. Voller Enthusiasmus ziehen sie da mit roten Stirnbändern gen Tiananmen-Platz. "Der mit der Fahne, das ist er", sagt Ding.

Rechts daneben ruht eine Säule aus Holz. "Da ist seine Asche drin", sagt die 76-Jährige und atmet schwerer. Auch hier ist in goldener Farbe ein Spruch eingraviert: "In diesen kurzen 17 Jahren hast du wie ein wahrer Mann gelebt." Langsam streicheln die krummen Finger von Ding Zilin über die Schriftzeichen. "Ich sehe ihn so oft im Traum."

Gestern Abend wollte Mutter Ding zur U-Bahnstation Muxidi gehen, um mit anderen Müttern der Opfer von Tiananmen zu gedenken. Doch an der Station wimmelte es von Polizisten, Ding Zilin kam doch nicht her. Dabei wollte sie nur am Nordeingang, nicht weit von den Hecken mit den Blumenbeeten, Kerzen anzünden, am Straßenrand sitzen und trauern. Dort, wo ihr Sohn vor 20 Jahren gegen 23 Uhr verblutete.

Und der Traum der Demokratie starb.

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