24-Stunden-Besuch Großbritannien hofft auf den Deal mit Trump – und fürchtet seine Ausfälle

Donald Trump kommt zum ersten Mal als US-Präsident nach London. Nach dem Brexit könnten die Briten ein Handelsabkommen brauchen – doch Trumps Manieren passen ihnen gar nicht.
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Großbritannien hofft auf Deal mit US-Präsident Donald Trump Quelle: AFP
Donald Trump und Theresa May

Nach dem Treffen der beiden Regierungschefs beim Nato-Gipfel am Mittwoch besucht der US-Präsident am Freitag die britische Premierministerin.

(Foto: AFP)

LondonEs sei „der schlimmste Moment in seinem Leben gewesen“, als er in New York mit Donald Trump verwechselt worden sei, sagte Boris Johnson einmal. Das ist lange her. Mittlerweile spricht Johnson von dem US-Präsidenten in den höchsten Tönen – und der kündigte an, bei seinem 24-Stunden-Besuch in London seinen „Freund“ besuchen zu wollen.

Eine Männerfreundschaft, die für die britische Regierung ein Alptraum ist. Schließlich ist Johnson am Wochenanfang Knall auf Fall von seinem Amt als Außenminister zurückgetreten und hat damit Premierministerin Theresa May brüskiert. Ein Treffen würde das nur noch verstärken.

Die britische Premierministerin könnte nach dem Regierungschaos der vergangenen Tage positive Schlagzeilen brauchen – aber der Besuch des US-Präsidenten wird diese wohl nicht liefern, fürchten viele. Im Gegenteil: Weil der US-Politiker für viele Briten ein rotes Tuch ist, wollen Tausende gegen seinen Besuch protestieren. Die Regierung hat sich deswegen eine spezielle Taktik überlegt: eine Landpartie. In den gut 24 Stunden soll der US-Präsident möglichst wenig in der Hauptstadt sein.

Es ist ein Besuch mit vielen diplomatischen Fallen. Dabei preisen britische Spitzenpolitiker seit Generationen die „besondere Beziehung“, die zwischen den beiden Ländern herrscht. Auch wenige Stunden vor Trumps Ankunft verkündete Kabinettschef David Lidington, dass die Beziehung zwischen Großbritannien und den USA „vermutlich die engste ist zwischen allen westlichen Demokratien“. Aber das ist eine Illusion – nicht erst, seit Trump im Weißen Haus das Sagen hat.

Wenn Winston Churchill heute der britischen Premierministerin begegnen würde, schrieb der britische Publizist Max Hastings kürzlich zu dem Thema, dann würde er sie zweifelsohne davor warnen, von irgendeiner amerikanischen Regierung einen Gefallen zu erwarten, nur weil die Amerikaner (das alteigesessene Londoner Luxuskaufhaus) „Fortnum & Mason lieben, (den Geburtsort von William Shakespeare) Stratford-upon-Avon oder die Farbe ihrer Augen“.

Der frühere US-Botschafter in London, Raymond Seitz, habe bereits 1991 erklärt, dass man nie vergessen dürfe, „dass die Vereinigten Staaten von Amerika nur an Großbritannien interessiert sind, solange das Land eine Rolle in Europa spielt“. Und auch die britische Presse seufzt, dass die „Special Relationship“ zu den USA wohl mittlerweile zu einer „Relation Spéciale“ geworden sei, nachdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron von Donald Trump zum Liebling erkoren wurde.

Doch öffentlich will man das in der Regierung nicht zugeben. Schließlich hofft die Premierministerin auf ein Handelsabkommen mit den USA, das die Folgen des Brexits auf die britische Wirtschaft lindern könnte. Aber mehrfach bekamen die Hoffnungen der Briten in den vergangenen Monaten einen Dämpfer verpasst.

Etwa, als Berichte die Runde machten, der US-Präsident möge die britische Premierministerin nicht, weil diese ihn immer „wie eine Schuldirektorin“ herunterputze. Beim letzten G7-Treffen wollte er nicht mit ihr am Rande plauschen, und als er nach dem Gipfel aufzählte, mit welchen wichtigen Politikern er bei der Konferenz in Quebec gute Beziehungen pflege, fehlte Mays Name.

Darüber hinaus ist auf der Insel nicht gut angekommen, dass sich der US-Präsident für Strafzölle für Bombardier aussprach, einem kanadischen Unternehmen, das auch in Nordirland Fabriken hat und dort Tausende Briten beschäftigt. Auch die Aussicht, dass nach einem Handelsabkommen mit dem mächtigen Partner in britischen Supermarktregalen Chlorhühnchen liegen könnten, sorgt bei vielen Briten für Unbehagen.

Zu all dem kommt der Unmut über die Politik des Amerikaners sowie dessen Tweets. Seit Monaten liefern sich zudem der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan und Trump eine Art Privatfehde über die Londoner Sicherheitspolitik und die Behandlung von Muslimen. Da wunderte es nicht, dass Khan höchstpersönlich eine besondere Protestaktion gegen den US-Präsidenten genehmigte: Am Freitag wird für zwei Stunden weithin sichtbar ein sechs Meter großer Heliumballon in Form eines Riesenbabys mit Trump-Charakteristika über dem britischen Parlament schweben.

Es ist bei weitem nicht die einzige Protestaktion gegen den US-Präsidenten auf der Insel. 50.000 Demonstranten werden in London erwartet, weitere in Cambridge, Bristol, Leeds und vor dem gut 100 Kilometer von London entfernten Blenheim Palace, dem stattlichen Geburtshaus von Winston Churchill, in dem für den US-Präsidenten und seine Frau ein Dinner mit 100 Gästen abgehalten wird.

Doch ob der hohe Besuch aus Amerika von den Protesten etwas mitbekommt, ist fraglich. Bei der Planung des Besuches – der wegen der Proteste auch offiziell nicht als „Staatsvisite“ deklariert wurde –, habe die Regierung versucht, dem umstrittenen Gast beeindruckende Sehenswürdigkeiten Großbritanniens zu präsentieren – die möglichst weit weg von London seien, lästern die Briten.

So wird Trump nach seiner Ankunft auf dem kleinen Londoner Flughafen Stansted zunächst den US-Botschafter in dessen – gut vor der Öffentlichkeit abgeschirmten – Residenz treffen, wohin das Präsidentenpaar auch nach dem Dinner zurückkehrt. Am Freitagmorgen ist der Besuch einer Militärbasis geplant, am späten Mittag dann ein Arbeitslunch auf dem Landsitz der Premierministerin in Chequers.

Am Nachmittag wird das Präsidentenpaar bei der Queen im Windsor Castle zum Tee empfangen. Und danach, gut 24 Stunden nach der Ankunft in England, reist der US-Präsident mit seinem Gefolge für ein privates Wochenende schon wieder nach Schottland ab, wo seine Mutter geboren wurde und wo er zwei Golfplätze hat.

Auch dort soll es Proteste geben. Aber das, seufzt man in London erleichtert auf, ist dann nicht mehr Sache der britischen Regierung. Was ihr bleibt, sind die immensen Kosten von gut zehn Millionen Euro. Und vielleicht, so hofft man insgeheim in London, bietet der US-Präsident ja doch ein gutes Handelsabkommen an. Großbritanniens Premierministerin könnte es gut brauchen.

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