61,31 Prozent für „Nein“ „Wird es gar kein Geld mehr aus den Automaten geben?“

Das „Nein“ der Mehrheit der Griechen stärkt der Links-Rechts-Regierung von Premier Alexis Tsipras den Rücken. Der lässt sich feiern wie ein Popstar. Viele seiner Landsleute fürchten nun aber den Gang zum Geldautomaten.
Update: 06.07.2015 - 07:32 Uhr 13 Kommentare

„Das Geld der Deutschen ist verloren“

Hans-Werner Sinn: „Das Geld der Deutschen ist verloren“

AthenMit einer überraschend deutlichen Mehrheit haben die Griechen per Volksabstimmung die Sparvorgaben der internationalen Gläubiger abgeschmettert. Nach Auszählung der abgegebenen Wahlzettel stimmten 61,31 Prozent mit „Nein“ und unterstützten damit den Konfrontationskurs von Ministerpräsident Alexis Tspiras. Nur 38,69 Prozent sprachen sich am Sonntag dafür aus, unter den Konditionen der Geldgeber weiter zu verhandeln, wie das Athener Innenministerium am Sonntag mitteilte.

Tsipras hatte seinen Landsleuten versprochen, ein mehrheitliches „Nein“ stärke seine Verhandlungsposition. In Deutschland warfen Politiker aus Union und SPD nach Bekanntgabe der Auszählungsergebnisse dem Ministerpräsidenten eine Irreführung der eigenen Bevölkerung vor.

Alexis Tsipras ließ sich bereits bei der Stimmabgabe feiern wie ein Popstar. Dabei wusste der griechische Ministerpräsident zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass er der große Gewinner des Referendums sein wird. Kaum jemand in Griechenland hatte damit gerechnet, dass die Bürger des von der Staatspleite bedrohten Landes der Sparpolitik mit einer derart klaren Mehrheit eine Absage erteilen würden und die Geldgeber damit vor den Kopf stoßen würden.

Griechen jubeln „Oxi! Oxi!“
OXI-Party
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Die Griechen haben sich am Sonntag klar gegen die Spar- und Reformauflagen der internationalen Kreditgeber ihres fast bankrotten Landes entschieden. Auf den Straßen feiern die Menschen das „Nein“, auf griechisch „Oxi“.

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Nach der offiziellen Hochrechnung des Innenministeriums erreichten die Nein-Stimmen einen Anteil von mehr als 61 Prozent, hieß es auf Grundlage von Teilergebnissen.

Greece referendum
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Das wäre ein klarer Sieg für die Linksregierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras, der sich massiv für das Nein eingesetzt hatte, weil er sein Volk durch die Auflagen der Geldgeber gegängelt sieht. Allerdings ist damit völlig unklar, wie es mit Griechenland weiter gehen soll.

OXI-Party
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Denn Vertreter der Kreditgeber - Europäische Union, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds - hatten vorab erklärt, ein Nein mache eine Einigung über neue Hilfen extrem schwierig.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Montag in Paris mit dem französischen Präsidenten François Hollande die Konsequenzen aus dem Referendum beraten.

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Die Zeit drängt: Die griechischen Banken sind bereits seit einer Woche weitgehend geschlossen, der Zugang der Bürger zu ihrem Geld ist stark beschränkt, der Staat offenbar so gut wie zahlungsunfähig.

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Finanzminister Gianis Varoufakis beriet nach Angaben seines Ministeriums bei einem Krisentreffen mit Bankern, welche Forderungen man an die Europäische Zentralbank stellen könne.

Die Griechen ignorierten die Warnungen von EU-Politikern, die bei einem „Nein“ in der Volksabstimmung ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone prophezeit hatten. Vielmehr stärkten sie ihrem Regierungschef mit einer überraschend klaren Mehrheit den Rücken.

Die kurzfristige Ansetzung des Referendums brachte Tsipras in anderen EU-Staaten viel Kritik ein. In Griechenland hatte er die etablierten Parteien der Konservativen und der Sozialisten und fast alle großen Medien des Landes gegen sich.

Tsipras schien allein gegen alle zu kämpfen. Aber er verstand es, sich den Wählern nicht als ein Quertreiber, sondern als ein Vorkämpfer eines neuen Europas zu präsentieren. „Ich bin sicher, dass wir für alle Völker Europas einen neuen Weg öffnen werden“, verkündet er auf einem Podest, das im Wahllokal aus Paletten für ihn errichtet worden war.

Ein Teil der Griechen kann den Optimismus des Ministerpräsidenten nicht nachvollziehen. Die Tsipras-Gegner befürchten, dass dessen Linie des „Ochi“ (Nein) zu den Forderungen der Gläubiger das Land aus der Euro-Zone hinausführen und in ein Wirtschaftschaos stürzen werde. „Ich möchte nicht in die 60er und 70er Jahre zurückgeworfen werden“, sagt eine Athener Rentnerin auf dem Weg ins Wahllokal. Eine Begleiterin pflichtet ihr bei: „Ich auch nicht, auf keinen Fall. Ich will weiterhin zu Europa gehören.“

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13 Kommentare zu "61,31 Prozent für „Nein“: „Wird es gar kein Geld mehr aus den Automaten geben?“"

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  • Da halten zehn fette Griechen einen armen Rentner hoch und betteln um Geld. Mal sehen, wie lange sie den noch hochhalten können, ohne ihm etwas von ihrem eigenen Geld abgeben zu müssen.

  • Die Strategie der griechischen Regierung war doch bereits in dem Moment klar, als sie die Vereinbarungen der Vorgängerregierung bezüglich des alten Hilfspakets, kurz vor der 3. Tranche, einfach gekündigt hatten, übrigens ein völkerrechtlich denkbarer Vorgang: Sie wollen ihre Schulden los werden, den lästigen Euro mit seinen Spielregeln (was Brüssel daraus macht, ist ein ganz anderes Kapitel!) auch, aber in den Augen ihrer Wähler, die ja mehrheitlich den Euro behalten wollen, als Opfer dastehen. Den griechischen Wählern sei gesagt "there is no free lunch".

  • @ Herr Gerhardts: aufschlussreicher Artikel, könnte viel dran sein.

  • Goldman Sachs berät neben Griechenland auch Merkel und zieht maßgeblich mit an den Fäden der EU-Politik.
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    Man sollte sich also fragen warum das Großkapital Griechenland dermaßen unter Druck setzt und in den Dreck fährt… vielleicht weil sie an die griechischen Ölreserven in der Ägäis wollen?!?!!!…
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    http://www.claro.de/magazin/der-verborgende-oel-krieg-trieb-die-usa-griechenland-mit-absicht-in-die-pleite-762/

  • Eine ketzerische Schlagzeile könnte lauten: Wird Griechenland das 17. Bundesland von Deutschland?

  • Demokratie und Volksabstimmung ist eine schöne Sache, aber es muss dann auch etwas sinnvolles dabei herauskommen....diesen Eindruck hat man allerdings im Fall von Griechenland nicht.
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    Die Griechen müssten endlich erkennen, dass sie ihren Staat von auf Grund umgestalten müssten und endlich mit modernen itteln auch Geld verdienen....denn sei Jahren sind die Griechen HARTZ IV Empfänger im grossen Stil !!!
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    Noch Eines ist seltsam...die Schuldner bei Griechischen Banken sollen aber ihre Schuld zurückzahlen, aber Griechenland selbst will seine Schulden nicht begleichen !?!?

  • nu denn, die Wahlbeteiligung betrug 61%

    Somit ergibt sich folgendes Bild

    39% der Griechen fanden die Frage zu kompliziert oder zu undurchsichtig
    3,5% der Griechen haben ihren Wahlzettel ungültig gemacht fallen wohl ins gleiche Eck wie die oberen 39%
    35,34 % der Griechen haben mit Nein gestimmt - ziemlich genau die Anhänger der Syritza-Gruppe
    22,17% der Griechen haben mit Ja gestimmt

    die überwiegende Mehrheit der Griechen hat deutlich gemacht, dass sie nicht bereit sind die Spielchen von Tsipras mitzuspielen. über 42% haben sich schlicht verweigert!

  • wie hoch war die Wahlbeteiligung?

  • Leider wird es wie immer weitergehen: Der EU-"Elite" um Juncker, Merkel, Hollande, Dijsselbloem, Martin Schulz und last but not least Draghi (weiland Goldman Sachs) wird in unbegründeter "Sorge um den Euro" schon etwas einfallen, um - wie seit Jahren - unsere Steuern irgendwie nach Hellas dirigieren zu können. Wer das nicht will, muss (per Mail oder Telefon) schon mal bei seinem Abgeordneten (MdB) in Berlin Druck machen.

  • Griechenland hat sich für Untergang entschieden, lasst sie also einfach untergehen!

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