Abstimmung am Sonntag Serviert die Schweiz bald faires Essen per Gesetz?

Die „Fair Food“-Initiative will faire und nachhaltige Lebensmittel in der Verfassung des Landes verankern. Die Gegner warnen vor empfindlichen Konsequenzen.
Kommentieren
D ie Fair-Food-Initiative fördert nachhaltiges und regionales Essen. Quelle: dpa
Obst und Gemüse

Die Fair-Food-Initiative fördert nachhaltiges und regionales Essen.

(Foto: dpa)

ZürichIsst die Schweiz fair genug? Nein, sagen die Initianten der „Fair Food-Initiative“, über die bis Sonntag in der Eidgenossenschaft abgestimmt wird. Sie wollen, dass sich der Staat stärker für fair produzierte Nahrungsmittel einsetzt. Statt Massenware soll mehr Freilandeier von glücklichen Hühnern oder Salat vom Bio-Bauernhof auf die Teller.

„Die Fair-Food-Initiative will erreichen, dass es ein größeres Angebot an Lebensmitteln gibt, die von guter Qualität sind und die umweltschonend, tierfreundlich und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden“, sagt Maya Graf, Co-Präsidentin des Initiativkomitees. Doch die Gegner warnen vor empfindlichen Konsequenzen: Es drohten Konflikte mit Handelspartnern wie der Europäischen Union, auch würden Lebensmittel noch teurer.

Die Initiative will, dass der Staat für ein stärkeres Angebot von Lebensmitteln sorgt, die umweltschonend, tierfreundlich und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden. Dazu soll der Bund etwa regionale und saisonale Lebensmittel fördern.

Die Initiative zielt auch darauf ab, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Derzeit landen in der Schweiz rund ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall. Das soll sich ändern, indem der Staat regionale Lebensmittel fördert und so für kürzere Transportwege sorgt. Auch soll krumm oder zu klein gewachsenes Obst und Gemüse wieder in die Nahrungsmittelkette einbezogen werden.

Neue Vorschriften sollen zudem für bessere Informationen über Produktion und Herkunft sorgen. Die Fair-Food-Regeln sollen grundsätzlich auch für Importe gelten. Lanciert wurde die Initiative von den schweizerischen Grünen, unterstützt wird sie von Umweltverbänden und Kleinbauern.

Doch die Regierung und das Parlament lehnen die Pläne ab, ebenso wie die großen Wirtschaftsverbände. „Auch Bundesrat und Parlament wollen nachhaltig produzierte Lebensmittel fördern“, sagte Bundesrat Ueli Maurer. „Dafür braucht es aber keinen neuen Verfassungsartikel.“ Die Anforderungen für in der Schweiz produzierten Lebensmittel seien bereits hoch.

Die Regierung warnt zudem vor einem drohenden Handelskonflikt. Denn die geforderten Mindeststandards könnten als einseitiges Handelshemmnis interpretiert werden – und den Zugang zum internationalen Markt beschränken.

Fairer Handel statt Ausbeutung

Die Macher der Initiative haben ihre ursprünglichen Pläne deshalb leicht abgeschwächt: Die Vorgaben des Staates sollen „grundsätzlich“ auch für importierte Lebensmittel gelten, heißt es im Initiativtext. Sie zielen auf einen Mittelweg zwischen Protektionismus und freiem Handel ab. Denkbar wären etwa höhere Zölle auf Produkte, die diese Standards nicht erfüllen.

Tatsache ist, dass der schweizerische Agrarmarkt schon heute stark reglementiert ist. Laut einer Studie im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) liegen die Zölle auf Agrargüter im Schnitt bei 30 Prozent. Die OECD lässt an den geltenden Regeln der Eidgenossen kaum ein gutes Haar: Die Bürger profitierten davon kaum, stattdessen sorgten sie für Fehlanreize und hohe Preise.

Fürs Essen müssen Schweizer schon heute tief in die Taschen greifen. Ein Steak kostet im Supermarkt auch mal 17 Franken (circa 15 Euro), die 250-Gramm-Schale mit Heidelbeeren wechselt für sechs Euro den Besitzer. Das mag Besucher überraschen, doch die meisten Schweizer haben sich daran gewöhnt. Die Kritiker der Fair-Food-Initiative warnen davor, dass Lebensmittel nach deren Umsetzung noch teurer werden dürften.

Meinungsforscher attestieren der Fair-Food-Initiative mäßige Chancen: Zwei Wochen vor der Abstimmung gaben immerhin 53 Prozent der Schweizer an, mit Ja stimmen zu wollen. Doch im Vergleich zur ersten Umfrage hatte die Initiative an Unterstützung verloren. „Alles andere als eine Ablehnung wäre eine Überraschung“, schreibt das Meinungsforschungsinstitut GfS Bern.

Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass die Schweizer zugleich über ein weiteres Vorhaben zu Ernährungsfragen abstimmen: die Initiative für Ernährungssouveränität. Es besteht Verwechselungsgefahr, denn auch die zweite Initiative will regionale Produkte stärken.

Bei ihr geht es aber um konkrete Forderungen zur Agrarpolitik. So soll der Staat etwa in die Preisbildung eingreifen und für „gerechte“ Löhne im Agrarsektor sorgen. Demoskopen räumen dem Vorhaben aber noch schlechtere Chancen ein als der Fair-Food-Initiative.

Startseite

Mehr zu: Abstimmung am Sonntag - Serviert die Schweiz bald faires Essen per Gesetz?

0 Kommentare zu "Abstimmung am Sonntag: Serviert die Schweiz bald faires Essen per Gesetz?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%