Ägäis-Inseln Griechenlands Flüchtlingslager versinken im Chaos

In den Auffanglagern in der Ägäis werden die Zustände immer katastrophaler. Jetzt drohen die Gesundheitsbehörden mit der Schließung des berüchtigten Camps Moria.
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Die Hotspots wie das Camp Moria auf Lesbos dürfen die Asylbewerber zwar tagsüber verlassen, nicht aber die Inseln. Quelle: Reuters
Flüchtlinge in Griechenland

Die Hotspots wie das Camp Moria auf Lesbos dürfen die Asylbewerber zwar tagsüber verlassen, nicht aber die Inseln.

(Foto: Reuters)

AthenWas die Gesundheitsinspektoren im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Ägäisinsel Lesbos notieren, liest sich wie ein Report aus einem Land der Dritten Welt: „Unkontrollierbare Mengen von Abfall“ und „überquellende Müllcontainer“ fanden die Prüfer.

Stinkende Fäkalien aus gebrochenen Toilettenrohren fließen durch das Camp, ergießen sich in einen Bach und auf die nahegelegene Landstraße. Mücken und Ungeziefer überall. In den rund zwölf Quadratmeter großen Wohncontainern leben bis zu 15 Menschen, in manchen Zelten hausen 150 Personen.

Seit Jahren prangert Christiana Kalogirou, Regionalpräfektin der nördlichen Ägäis, die katastrophalen Zustände in Griechenlands größtem Hotspot Moria an. Bewirkt haben die Proteste bei der Regierung in Athen wenig.

Jetzt macht die Politikerin Druck: Das Lager sei „ungeeignet“ sowie „gefährlich für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt“, stellt die Präfektin in einem Schreiben an Migrationsminister Dimitris Vitsas fest. Wenn die Mängel nicht innerhalb von 30 Tagen beseitigt seien, werde sie das Lager schließen lassen, so der Beschluss der Präfektin.

Moria ist einer von fünf Hotspots. In diesen Auffanglagern auf den Inseln Lesbos, Kos, Samos, Chios und Leros werden die Flüchtlinge und Migranten registriert, die tagtäglich in Schlauchbooten aus der Türkei über die Ägäis kommen.

Sie müssen so lange in den Lagern bleiben, bis über ihre Asylanträge entschieden ist. Damit wollen die griechischen Behörden sicherstellen, dass abgelehnte Asylbewerber wieder in die Türkei zurückgebracht werden können, wie es das Flüchtlingsabkommen der EU mit Ankara vorsieht.

Aber weil es an qualifiziertem Personal fehlt, ziehen sich die Asylverfahren unendlich hin. Manche Antragsteller sitzen bereits seit zwei Jahren in den Hotspots fest. Viele von ihnen sind Wirtschaftsmigranten ohne Aussicht auf politisches Asyl, aber findige Anwälte reizen den Instanzenweg bis ins Letzte aus.

Wegen der schleppenden Asylverfahren funktionieren auch die Rückführungen in die Türkei nicht so, wie es im Flüchtlingsabkommen vorgesehen ist. Im ersten Halbjahr 2018 schickten die griechischen Behörden nach eigenen Angaben 4778 Menschen zurück.

Aber zugleich steigt die Zahl die Neuankömmlinge stark an: Von Januar bis Juni kamen 22.936 Flüchtlinge und Migranten über die Ägäis und auf dem Landweg aus der Türkei. Das waren rund vier Mal so viele wie im ersten Halbjahr 2017.

Noch im Juli hatte Migrationsminister Vitsas versprochen, er werde die überfüllten Lager auf den Inseln entlasten und mehr Asylsuchende aufs Festland umsiedeln. Bis zum September sollte die Zahl der Lagerbewohner auf den Inseln nicht größer als 10.000 sein, kündigte Vitsas vor zwei Monaten an.

Damals lebten in den Insellagern 17.800 Menschen. Inzwischen sind es über 20.000. Allein im Lager Moria hausen rund 8800 Menschen. Ausgelegt ist das Camp für die Unterbringung von 3100 Personen.

Jetzt räumt auch Vitsas ein, die Situation in Moria sei „grenzwertig“. Doch das klingt eher wie eine Verharmlosung. Seit langem gilt das Camp als Schandfleck. Die BBC bezeichnete Moria in einem Report als „schlimmstes Flüchtlingslager der Welt“. Moria sei das „Guantanamo Europas“, protestierten Migranten kürzlich mit einem selbstgemalten Plakat.

In einem in dieser Woche publizierten gemeinsamen offenen Brief von 19 Hilfsorganisationen an die Athener Regierung ist von „beschämenden Zuständen“ die Rede: Es gebe zu wenig Personal, die Unterkünfte seien überfüllt, die sanitären Einrichtungen und die medizinische Versorgung unzureichend. Die Organisationen appellieren an die Regierung, den Bewohnern von Moria endlich „menschenwürdige Lebensbedingungen“ zu gewähren.

Wie er die drohende Schließung des Lagers durch die Regionalbehörde abwenden will, hat Migrationsminister Vitsas bisher nicht erklärt. Möglicherweise hält er das Ultimatum für eine leere Drohung.

Tatsächlich ist schwer vorstellbar, wie die Präfektin Kalogirou eine Schließung des Lagers in der Praxis durchsetzen will. Eine Räumung des Camps würde wohl im Chaos enden – wohin mit den Menschen?

Immer häufiger entlädt sich die Frustration der Lagerbewohner in Gewaltausbrüchen. Helfer der Organisation Ärzte ohne Grenzen berichten von sexuellen Übergriffen gegen Frauen und Kinder sowie von Selbstmordversuchen, auch unter Jugendlichen und Kindern.

Die Hotspots dürfen die Asylbewerber zwar tagsüber verlassen, nicht aber die Inseln. Die Fähr- und Flughäfen auf den Flüchtlingsinseln werden von der Polizei überwacht, damit niemand unerkannt aufs Festland gelangt. Wer das schafft, ist dem Ziel Europa schon einen großen Schritt näher.

Zwar ist die Balkanroute seit Anfang 2016 offiziell dicht, aber die Schleuser kennen Schleichwege über Albanien und Mazedonien. Eine weitere Route führt von Griechenland über die Adria nach Italien.

Immer häufiger versuchen Migranten auch, mit falschen Pässen per Flugzeug aus Griechenland nach Westeuropa zu kommen. Schleuser verkaufen gefälschte Reisedokumente und die dazugehörigen Flugtickets für einige tausend Euro. Die Flugreise beginnt bevorzugt auf Inselflughäfen. Denn dort gelten die Kontrollen wegen des großen Urlauberandrangs als weniger scharf als etwa in Athen.

Inzwischen zeigt die Polizei aber auch auf den Insel-Airports verstärkt Präsenz. Allein am vergangenen Montag wurden auf den Flughäfen von Mykonos, Santorin, Rhodos und Kos 25 Migranten mit gefälschten Ausweisen festgenommen.

Tags darauf versuchten 16 Migranten auf der Insel Samos, mit falschen Papieren eine Maschine nach Deutschland zu besteigen. Doch niemand weiß, wie groß die Dunkelziffer jener ist, die trotz der Kontrollen mit gefälschten Papieren an Bord gelangen und so in andere EU-Länder reisen.

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