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Ahmed Hussen In Kanada macht ein einstiger Flüchtling die Einwanderungspolitik – und wirbt in Europa für seinen Ansatz

Kanada will weiter ein Einwandererland sein und setzt auf Migranten. Ein Punktesystem setzt die Standards. Das könnte ein Vorbild für Europa sein.
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Der kanadische Minister erläuterte den Einwanderungsplan Kanadas. Quelle: imago/ZUMA Press
Ahmed Hussen

Der kanadische Minister erläuterte den Einwanderungsplan Kanadas.

(Foto: imago/ZUMA Press)

OttawaDie Debatte über ein Einwanderungsgesetz für Deutschland lenkt den Blick nach Nordamerika – aber nicht auf die USA. Für Kanada ist Einwanderung ein wesentlicher Teil seiner Geschichte, aber auch ein Garant für Erfolg in der Zukunft. Denn die Zahl der Immigranten soll steigen: Von 310.000 in diesem Jahr auf 340.000 im Jahr 2020.

Zuständig für Einwanderung, Flüchtlinge und Staatsbürgerschaft ist der 42 Jahre alte Minister Ahmed Hussen, ein gebürtiger Somalier. Hussen kam als 16-jähriger Flüchtling aus Mogadischu nach Kanada. Er besuchte in Hamilton die Schule, studierte an der York-Universität in Toronto und wurde an der Universität Ottawa zum Rechtsanwalt ausgebildet. Im Oktober 2015 wurde er ins Parlament gewählt und ist seit Januar 2017 Minister für Einwanderung.

Jetzt kehrte Hussen von einem Besuch Europas nach Ottawa zurück. In Großbritannien, Belgien und Deutschland sprach er mit Politikern und Unternehmern. Dabei erläuterte er Kanadas auf mehrere Jahre angelegten Einwanderungsplan, mit dem Talente nach Kanada geholt werden sollen.

„Einzigartige Fähigkeiten von Migranten“

Der Minister habe seine Gesprächspartner „ermutigt, innovative Perspektiven, unternehmerischen Geist, globale Erfahrungen und einzigartige Fähigkeiten von Immigranten zu erkennen“. Angesichts von Populismus und Fremdenfeindlichkeit an vielen Orten sei er froh, dass er „Kanadas positive Erfahrungen mit Vielfalt und Immigration teilen konnte“, sagte Hussen.

Kanada baut darauf, mit Zuwanderung einem künftigen Arbeitskräftemangel und der Überalterung entgegentreten zu können. Das klassische Einwanderungsland hatte zwischen 2006 und 2015 meist zwischen 250.000 und 270.000 Einwanderer, zu denen auch die Flüchtlinge zählen, aufgenommen.

Durch die Aufnahme syrischer Flüchtlinge direkt nach Amtsantritt der liberalen Regierung von Premierminister Justin Trudeau war die Zahl auf 300.000 gestiegen. Im vergangenen Jahr wurde ein Dreijahresplan vorgelegt, der eine Steigerung um jeweils 10.000 bis 20.000 Immigranten vorsieht, sodass 2020 insgesamt 340.000 neue Einwohner kommen können.

Bekannt ist Kanada für sein Punktesystem, das mehrmals geändert wurde. Eine einschneidende Änderung brachte 2015 die Einführung des „Express Entry“-Systems. Potenzielle Einwanderer können nun über die Website des Ministeriums ein Profil erstellen mit Informationen über ihre Qualifikation, Schulbildung, ihre Sprachkenntnisse und ihr Alter. Aufgrund dieser Angaben werden Punkte vergeben.

So erhalten Interessierte zwischen 20 und 29 Jahren 100 Punkte, ein 39-Jähriger dagegen nur noch 50 Punkte. Damit wird ein „Pool“ möglicher Einwanderer geschaffen, aus dem in regelmäßigen Abständen entsprechend ihrer Qualifikation Kandidaten aufgefordert werden, sich für eines der Einwanderungsprogramme formal zu bewerben.

Besonders interessant ist aus europäischer und deutscher Perspektive das „Federal Skilled Workers“-Programm für Fachkräfte. In dieser zweiten Stufe wird je nach Programm wieder ein Punktesystem angelegt. Diesmal können maximal 100 Punkte erreicht werden, es müssen aber mindestens 67 Punkte sein. So gibt es für die Sprachkenntnisse maximal 28 Punkte, für die Ausbildung bis zu 25 Punkte. Weitere Kriterien sind „Anpassungsfähigkeit“, Berufserfahrung, Alter und in Aussicht gestellte Arbeitsplätze. Das Verfahren soll weniger als sechs Monate dauern.

Die „Economic Class“ ist die größte Gruppe der Immigranten. Etwa 50 Prozent der Einwanderer gehören in diese Klasse der „Wirtschaftsimmigranten“ aus verschiedensten Berufen mit Ausbildung und Qualifikation, einschließlich ihrer Familienangehörigen, die etwas mehr als die Hälfte ausmachen. 2016 waren es rund 70.000 Hauptantragsteller und rund 86.000 Familienangehörige.

Meiste Einwanderer von den Philippinen

Zudem gibt es die „Familienklasse“: 2016 holten Kanadier fast 80.000 Angehörige aus dem Ausland zu sich. Die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge lag 2016 bei 60.000. Die akzeptierten Einwanderer und Flüchtlinge erhalten ein permanentes Aufenthaltsrecht. Die meisten Einwanderer kamen von den Philippinen, aus Indien, Syrien, China und Pakistan. Aber selbst aus den USA zogen 8400 Menschen nach Kanada.

Kanada hat derzeit etwa 37 Millionen Einwohner. Die Anhebung der Einwanderungszahlen bedeutet, dass die Bevölkerung allein durch Immigration jährlich um annähernd ein Prozent wachsen wird.

Während die geregelte Immigration politisch weitgehend unumstritten ist, erlebt Kanada aber derzeit eine heftige Debatte über „irreguläre“ Einwanderung. In vergangenen Jahr kamen rund 25.000 Flüchtlinge, die vor allem aus zentralamerikanischen und afrikanischen Ländern stammen, aus den USA nach Kanada, da ihnen in den USA die Abschiebung in ihre Heimat droht.

Sie überqueren die Grenze nicht an offiziellen Grenzstellen, sondern ziehen über Feldwege und Felder nach Kanada und beantragen dann Asyl. Die Konservativen sprechen von einer „Krise“ und „illegaler Einwanderung“, die Trudeau durch seinen Tweet ausgelöst habe, Flüchtlinge seien in Kanada willkommen. Die Liberalen dagegen sprechen nur von einer „Herausforderung“ durch eine Einwanderung, die sie nicht illegal, sondern „irregulär“ nennen und werfen den Konservativen eine Angstkampagne vor.

Kanada, das von drei Ozeanen umgeben ist und nur eine Grenze zu den USA hat, hat anders als europäische Länder den Vorteil, seine Einwanderung weitgehend regulieren zu können.

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