Alexandria Ocasio-Cortez

Ihre Anhänger feiern „AOC“ ähnlich wie einst Barack Obama.

(Foto: AP)

Alexandria Ocasio-Cortez Ein junge Latina wird zum Superstar der US-Demokraten

Mit Linkspopulismus macht sich Alexandria Ocasio-Cortez bei den US-Demokraten beliebt. Sie wird wohl die jüngste Kongressabgeordnete aller Zeiten.
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WashingtonAm Ende des Tages ist ihr Kleid ramponiert, von 500 Kilometern im Wahlkampfbus, vom Schieben durch Jubelmassen, vom Klettern über Bühnentreppen. Eine Naht hat sich gelöst, der Saum hängt runter.

Das hindert Alexandria Ocasio-Cortez nicht daran, euphorisch ihr drittes Publikum in Folge zu begrüßen. „Ich sehe eine Bewegung, die niemand aufhalten kann“, ruft sie ins Auditorium der Wayne-Universität in Detroit. Das klingt in einem Saal mit 600 aufgekratzten Studenten, die Schlange stehen für ein Selfie, nicht mal übertrieben.

Vor einem Jahr arbeitete „AOC“, wie sie von ihren Fans genannt wird, noch in einer Tacos-und-Tequila-Bar in Manhattan. Ab Herbst wird sie mit ziemlicher Sicherheit die jüngste Frau sein, die jemals in den US-Kongress gewählt wurde.

Die 28-jährige Demokratin ist binnen weniger Wochen zum Superstar ihrer Partei aufgestiegen. Sie stärkt jenen Flügel, der nach der traumatischen Niederlage gegen Donald Trump auf Erneuerung drängt, auf laute und linke Botschaften, die den US-Demokraten Relevanz, Kampfeswille, Leidenschaft einflößen sollen.

Seit Ocasio-Cortez in New York einen reichen und doppelt so alten Amtsinhaber in einer Vorwahl besiegte, tourt sie durch die Nation, sorgt in Kalifornien, Kansas oder Michigan für volle Häuser. Medien schwärmen über den „Ocasio-Effekt“, Bernie Sanders, Wortführer der Progressiven, preist sie als „außergewöhnlich“.

Ihre Agenda als „demokratische Sozialistin“ ist vergleichbar mit linker Sozialdemokratie in Europa. Aber in einem Land wie den USA, in dem College-Absolventen verschuldet in den Beruf starten und ein Klinikbesuch eine Familie in den Ruin stürzen kann, sind ihre Forderungen nach einer staatlichen Jobgarantie und steuerfinanzierter Gesundheitsversorgung besonders radikal.

Damit ist Ocasio-Cortez ein Symbol für die veränderte Parteienlandschaft in den USA. Wie sich die Republikaner mit Trump nach rechts orientieren, so steht AOC für einen Linksruck der Demokraten. In der Mitte findet sich momentan wenig. Das gefällt nicht allen in der Partei.

Doch verwehren können sie sich dem nicht. Der amerikanische Politik-Professor David Schultz von der Hamline-Universität in Minnesota sieht in Ocasio-Cortez’ Erfolg ein erstes Anzeichen für einen längerfristigen Trend. „Wir erleben in den kommenden fünf bis zehn Jahren einen Generationenwechsel in der Wählerschaft“, sagt er. „Wenn die Demokraten den Wandel hin zu einer linken, progressiven Partei verpassen, werden sie in Teilen sterben.“

Millenials, also jüngere Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern, „haben andere politische Werte als die Babyboomer. Sie sind nicht vom Kalten Krieg geprägt und können mit modernen, linken Ideen mehr anfangen.“

 „Ich wurde zwei Jahre ignoriert“

Ein Blitzaufstieg wie der von Ocasio-Cortez sei auch durch Fehler des Partei-Establishments zu erklären. „Hillary Clinton hat Bernie Sanders unterschätzt, später unterschätzte sie Donald Trump. Das wiederholte sich im lokalen Rahmen, als der New Yorker Amtsinhaber Joe Crowley seine junge Konkurrentin ignorierte“, sagt Schultz.

Er lobt Ocasio-Cortez’ Ansatz, sich auf Nichtwähler zu konzentrieren; als mobilisierende Kraft könne sie sicher auch bundesweit einen Einfluss haben. „Sie ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt der Professor. Was die Demokraten bräuchten, sind viele solcher Ocasio-Cortez’, starke Kandidaten vor Ort, damit sie die Mehrheit im Kongress wiedererlangen können.

Alexandria Ocasio-Cortez proklamiert eine „Bewegung, die keiner aufhalten kann“. Quelle: AP
Progressiv

Alexandria Ocasio-Cortez proklamiert eine „Bewegung, die keiner aufhalten kann“.

(Foto: AP)

Für das Präsidentenamt darf Ocasio-Cortez wegen der gesetzlichen Altersgrenze frühestens 2024 kandidieren, doch moderaten Demokraten bereitet ihr Blitzerfolg schon jetzt Kopfschmerzen. Drei Monate vor den wichtigen Kongresswahlen zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich und befeuert den Richtungsstreit der US-Demokraten.

Der Hype um Alexandria Ocasio-Cortez liegt wohl auch an ihrem spektakulären Werdegang, ihrem Triumph im 14. Bezirk von New York, der die Bronx und große Teile von Queens umfasst. Dort schlug sie Joe Crowley, einen Lokal-Titan, der schon als Sprecher des Repräsentantenhauses gehandelt wurde.

Nach zehn Wiederwahlen war sich Crowley seiner selbst so sicher, dass er zu Debatten mit Ocasio-Cortez gar nicht erst auftauchte. Denn in Umfragen lag die Kandidatin 35 Prozentpunkte hinter ihm. Er hatte mehr als eine Million US-Dollar gesammelt, sie nur 130.000. Doch Crowley irrte sich. Am Wahlabend hatte er 15.000 Stimmen Rückstand.

„Ich wurde zwei Jahre ignoriert“, sagt Ocasio-Cortez dazu, „dann habe ich es allen gezeigt“. Tatsächlich berichteten Spitzenmedien wie die New York Times nur am Rande über die als aussichtslos geltende Kandidatur. Mit einer auf Jung- und Nichtwähler ausgerichteten Low-Budget-Kampagne verknüpfte sie ihre Lebensgeschichte authentisch mit ihrer Politik. So viel überregionale Begeisterung hat es bei den Demokraten seit Barack Obama nicht mehr gegeben.

Als Tochter einer puertoricanischen Mutter, Blanca, und eines Vaters aus der Bronx, Sergio, passt sie in ihren Heimatbezirk, der viele ethnische Minderheiten, Einwanderer und Arbeiter beherbergt. Ihre potenziellen Wähler verdienen im Schnitt 53.512 US-Dollar pro Jahr, das ist unter Bundesniveau. Ocasio-Cortez lebt in einer Einzimmerwohnung. „Frauen wie ich sind nicht dazu bestimmt, für ein Amt zu kandidieren“, sagt sie.

Dabei bewies ihre Biografie zunächst, dass das amerikanische Aufstiegsversprechen funktionieren kann. Als Alexandria fünf Jahre alt war, sammelten ihre Eltern mit Hilfe von Verwandten Geld für die Anzahlung eines Hauses im benachbarten Westchester County.

Dort konnte sie auf eine Schule gehen, die damals „fast nur von weißen Kindern besucht wurde“, erinnert sich Ocasio-Cortez. Über Jobs und Stipendien finanzierte sie ihren Uniabschluss in Wirtschaftswissenschaften in Boston, mit 22 beantragte sie ein Start-up-Darlehen und gründete einen Buchverlag.

Doch nachdem ihr Vater an Lungenkrebs starb, jobbte ihre Mutter als Putzkraft und Busfahrerin; das Haus war nicht zu halten, ein Umzug innerhalb New Yorks angesichts der explodierenden Mieten utopisch. Blanca Ocasio-Cortez verließ die Stadt schließlich für einen Sekretärinnenjob in Florida.

Es ist denn auch der Alltag ohne Sicherheitsnetz, den Ocasio-Cortez heute anprangert und der für Millionen US-Amerikaner Realität ist. Sie führt einen Klassenkampf mit modernen Mitteln, finanziert ihre Kampagne über Kleinspenden, ohne Organisation, die für sie sammelt, ohne Konzerngelder.

Ihre Plakate erinnern an Heldinnen-Serien auf Netflix, ihr Werbespot, der 3,5 Millionen Mal im Netz abgerufen wurde, kostete nur 10.000 US-Dollar. „Es geht um Menschen gegen Geld“, sagt Ocasio-Cortez darin. „Wir haben die Menschen. Sie haben das Geld.“

Die linkspopulistische Botschaft zieht. In einer Highschool in Grand Rapids, zwei Autostunden vor Detroit, schaut sie in ein gemischtes Publikum: jung und alt, schwarz und weiß, alle entflammt für ihre Ideen.

Auf den Wahlplakaten ähnelt die 28-Jährige einer Heldin in einer Netflix-Serie. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
Wahlplakate

Auf den Wahlplakaten ähnelt die 28-Jährige einer Heldin in einer Netflix-Serie.

(Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

Ocasio-Cortez hat das perfekte Instagram-Gesicht und braucht keinen Filter. Doch sobald sie auf einer Bühne steht, steht da kein Postergirl, sondern das Versprechen für einen Neustart. „Seid ihr bereit, die Zukunft für dieses Land zu übernehmen?“, ruft sie. „Sie haben 300 Millionen Dollar, ihr habt 300 Dollar. Lasst euch nicht klein halten.“ Applaus frisst sich durch den Saal, ein Anhänger brüllt: „Du bist eine von uns!“

Für Wirtschaftsliberale sind ihre Forderungen ein Schreckgespenst, das die Konsumgesellschaft USA in kürzester Zeit in einen Hungerstaat wie Venezuela verwandeln würde. „Nenne mir ein Land, in dem Sozialismus jemals funktioniert hat“, lästerte Senatoren-Tochter Meghan McCain. Ocasio-Cortez’ Agenda enthält klassische Umverteilung, sie drängt auf einen modernen „New Deal“ gegen die Armut und ein massives öffentliches Beschäftigungsprogramm.

Eine höhere Körperschaftsteuer, eine CO2-Steuer und eine Reichensteuer sollen in kostenfreie Bildung und die Bekämpfung von Obdachlosigkeit fließen. Wer arbeitslos oder unterbeschäftigt ist, soll für ein „angemessenes Gehalt“, das von der Regierung finanziert wird, Brücken reparieren, Schulen streichen, Kranke pflegen, Kinder betreuen. „Wohnen als Menschenrecht“ ist ein Leitspruch ihrer Kampagne; die US-Einwanderungsbehörde ICE will sie in ihrer jetzigen Form abschaffen.

Schrecken des Establishments

Teile ihres Umfelds wollen noch weiter gehen – und den Kapitalismus kippen. Nick Hayes, 21, und Natasha Fernandez-Silber, 34, arbeiten für „Means“ in Detroit. Die Firma produzierte den viralen Werbespot von Ocasio-Cortez, nachdem Nick sie auf Twitter anschrieb.

Auch wenn sie das Kamerateam in ihre Wohnung ließ, gibt Ocasio-Cortez über Privatleben und Beziehungsstatus nichts preis. Für ihre Anhänger ist das irrelevant. „Sie ist zugänglich. Sie spricht mit allen. Sie will verstehen. Das ist selten in der Politik“, sagt Nick. „Meine Frau und ich sind aus Puerto Rico“, ergänzt Natasha. „Als Alexandria gewonnen hat, sind wir in Tränen ausgebrochen.“

Beide haben früher gut verdient, Natasha war Anwältin in New York, Nick drehte Werbung für Auto- und Tech-Konzerne. „Eines Tages stand ich mit meiner Kamera in einer riesigen Fabrik für Plastikbecher“, erinnert sich Nick. „Um mich herum diese eklige Luft. Als ob man Plastik isst. Da dachte ich: Das ist furchtbar. Kapitalismus verschwendet nur menschliche Ressourcen.“ Kurze Zeit später gründete er „Means“.

Sie sitzen in einem Café, in dem der Preiselbeer-Muffin knapp vier Dollar kostet. Eine Seitenstraße weiter dösen Obdachlose bei 30 Grad in Schlafsäcken. „Aber viele junge Leute fragen sich: Soll ich Katzenfutter essen, wenn ich 70 bin? Selbst wenn man alles richtig gemacht hat, aufs College geht und nicht komplett arm ist, gibt es keine Sicherheit. Keine Gewerkschaften, keine bezahlbare Krankenversorgung, kein Rentenkonzept“, sagt Natasha.

Sie schauen irritiert, wenn man den tödlich-totalitären Sozialismus der DDR oder Nordkoreas erwähnt. „Die USA könnten zum Anführer eines modernen, menschlichen Sozialismus werden“, sagt Nick und meint: Ausbeutung stoppen. Die Kontrolle der Wirtschaft in die Hände der Arbeiter legen. Eine wertebasierte Politik für jedes Individuum.

In den etablierten Demokraten-Kreisen Washingtons sorgen Strömungen wie diese für Unruhe. Der Mittlere Westen, wo Trump 2016 besonders erfolgreich war, sei nur zu erobern, wenn man wirtschaftlich liberale und kulturkonservative weiße Wähler nicht verschrecke, sagte die Senatorin Tammy Duckworth. Ocasio-Cortez stehe „für die Zukunft der Partei, aber vor allem in der Bronx“. Die Demokratenchefin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, rief dazu auf, sich vom Lokalsieg in New York nicht „mitreißen“ zu lassen.

Ocasio-Cortez nährt ihren Erfolg genau aus der Abgrenzung zum Establishment ihrer Partei. „Ich höre nicht auf Leute, die meinen, ein Sieg im Mittleren Westen sei mit meinen Botschaften unmöglich“, sagt sie. „Wir können nicht einfach blaue Stimmen in rote verwandeln, sondern müssen Nichtwähler zu Wählern machen.“

Im aufgeheizten politischen Klima der USA provoziert Ocasio-Cortez damit auch den Widerstand in rechtskonservativen Kreisen. Sie gilt dort als ideale Hassfigur, als hübsches Geschenk des Gegners. „Wir überlegen ernsthaft, ob wir bei jeder Story über sie das Geschenkpaket-Emoji einbauen“, witzelte Breitbart-Chef Alex Marlow. Der Waffenverband NRA arbeitet sich an ihr ab, das Portal CRTV verbreitete eine gefälschtes Interview, das auf Facebook eine Million Mal abgerufen wurde.

Zuweilen macht es die Jungpolitikerin ihren Kritikern zu einfach. Ocasio-Cortez wehrt sich nicht gegen das Etikett der jungen Demokratenhoffnung, doch sobald sich der politische Rahmen öffnet, kann sie die hohen Erwartungen kaum erfüllen. In einem Fernsehinterview kam sie ins Straucheln, als sie die Finanzierung ihrer Wahlversprechen knapp erklären sollte; als sie nach ihrer Meinung zur Zweistaatenlösung gefragt wurde, wehrte sie ab: „Ich bin keine Expertin für Geopolitik.“

Nach ihrem Auftritt in Detroit, von wartenden Studenten umringt, verteidigt sie sich gegen Kritik. „Vor kurzem war ich eine Frau, die jobbt und sich politisch engagiert. Vielleicht bin ich nicht die medienerfahrenste Kandidatin, aber ich vertrete Botschaften, die die meisten Menschen verstehen.“

Spätestens als Kongressabgeordnete wird sie in vielen Bereichen sprechfähig sein müssen. Ihr Einzug ins Repräsentantenhaus bei den Wahlen im November gilt als sicher, da in der Bronx und in Queens kaum republikanisches Klientel wohnt.

Für Ocasio-Cortez ist dieser Schritt in die Bundespolitik nur der Anfang. „Solange es eine arbeitende Bevölkerung gibt, gibt es Hoffnung für die progressive Bewegung. Wenn wir jetzt unsere kleinen Hintern bewegen, müssen wir nicht zehn Jahre auf einen Umschwung warten.“

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