Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Altmaier auf Türkeireise Wie die Wirtschaft helfen soll, die deutsch-türkischen Beziehungen zu kitten

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist mit einer Wirtschaftsdelegation nach Ankara gereist. Es geht dabei um mehr als um Investitionen.
Update: 25.10.2018 - 17:56 Uhr Kommentieren
Der zweitägige Besuch in der Türkei soll einen Beitrag zur Verbesserung der angespannten bilateralen Beziehungen leisten. Quelle: dpa
Peter Altmaier vor dem Mausoleum des Staatsgründers der Türkei Mustafa Kemal Atatürk

Der zweitägige Besuch in der Türkei soll einen Beitrag zur Verbesserung der angespannten bilateralen Beziehungen leisten.

(Foto: dpa)

AnkaraPeter Altmaier braucht gerade einmal 15 Minuten um zu erklären, warum er ein neues Kapitel in den deutsch-türkischen Beziehungen aufschlagen will. So viel Zeit nimmt sich der Bundeswirtschaftsminister zum Auftakt seines Besuchs in Ankara am Donnerstagmittag für eine Visite bei FarHym, einer Tochter des deutschen Autozulieferers und Wohnmobilherstellers Hymer.

Er sei sehr beeindruckt von den Leistungen, die bei FarHym erbracht würden, sagt der Minister, und kommt dann gleich zum Wesentlichen. Er wolle in einer „schwierigen Gesamtlage“ einen Beitrag leisten, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei „stärker in den Mittelpunkt zu rücken“, sagt Altmaier.

Zuvor hat er der mitreisenden Delegation bereits erklärt, Deutschland und die EU hätten ein ausgeprägtes geostrategisches Interesse an einer guten Zusammenarbeit mit der Türkei: „Wir brauchen an der Südostflanke Europas Stabilität“, sagt er.

Altmaier verbringt zwei ganze Tage in der Türkei, um die bilateralen Beziehungen zu kitten. Das Programm ist gut gefüllt: Altmaier trifft Finanzminister Albayrak, Handelsministerin Pekcan, Industrieminister Varank sowie Parlamentspräsident Yildirim. Außerdem hat Altmaier den Vertretern der deutschen Stiftungen einen Besuch versprochen, will sich mit türkischen Rückkehrern aus Deutschland unterhalten die Vertreter türkischer Menschenrechtsorganisationen um ihre Einschätzung bitten. Begleitet wird Altmaier von einem Tross deutscher Wirtschaftsbosse, darunter Eon-Chef Johannes Teyssen.

Nach Monaten der Anfeindungen und dem Deutschland-Besuch von Staatspräsident Erdogan, dessen Ergebnisse eher kläglich ausfielen, versucht es der Minister nun über das diplomatische Vehikel, das seit Jahrhunderten funktioniert: Handel.

Es gebe eine gute Basis für den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, etwa bei erneuerbaren Energien, bei der Infrastruktur oder im Handel. Die Türkei sei zudem wichtig für die Stabilität in der Region, erklärte Altmaier auf einer ersten Pressekonferenz am Donnerstag, an der auch Finanzminister Albayrak teilnahm.

Neue Phase der deutsch-türkischen Beziehungen

Albayrak sagte, die Türkei wolle eine neue Phase in den Beziehungen mit Deutschland eingehen. „Dass Herr Altmaier heute mit hochrangigen Geschäftsführern von mehr als 30 sehr wichtigen deutschen Firmen hier ist, ist ein sehr, sehr wichtiges Zeichen dafür.“

Die Türkei ist für Deutschland ein wichtiger Markt, umgekehrt gilt das Gleiche. Das bilaterale Handelsvolumen liegt bei rund 37 Milliarden Euro pro Jahr, die Mehrheit besteht aus deutschen Exporten.

Doch die vergangenen Jahre waren kein Spaziergang. Die jüngste Währungskrise, bei der die Lira in der Spitze um 40 Prozent an Wert verloren hatte, verteuerte auch die Importe aus Deutschland. In der Folge sanken die Ausfuhren von Deutschland in die Türkei im August um 27 Prozent.

Hinzu kommen gerade in jüngster Vergangenheit hilflose Versuche der Regierung, die Finanzkrise mittels fragwürdiger Regulierung einzudämmen. „Die deutschen Unternehmen haben zwei Jahre lang tapfer durchgehalten, aber die Dekrete irritieren jetzt viele“, erklärt Markus Slevogt, Präsident der Außenhandelskammer Istanbul.

Ein weiteres Problem ist das Image der Türkei. Eine Umfrage des Verbandes türkischer Automobilzulieferer (Taysad) unter deutschen Managern ergab: Wer bereits mit türkischen Zulieferern zusammengearbeitet hatte, stellte Probleme wie Menschenrechte in den Hintergrund und lobte viel mehr die niedrigen Produktionskosten. „Es ist besonders gut zu erkennen, dass es in der Wahrnehmung eine deutliche Abweichung gibt“, erklärt Taysad-Präsident Alper Kanca.

Dieter Kempf, Präsident des deutschen Industrieverbandes BDI, formuliert es drastischer. „In der Türkei ist vor allem eine Rückkehr zu Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit dringend notwendig“, erklärte er am Donnerstag. Demokratische Strukturen seien maßgeblich, um das Vertrauen der Investoren wieder zurückzugewinnen. „Nur so wird sich das Potenzial unserer bilateralen Beziehungen voll nutzen lassen.“

Für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag DIHK sind Rechtssicherheit, Investorenschutz und die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank ebenfalls wichtige Anliegen. DIHK-Chef Martin Wansleben glaubt allerdings, intensivierte wirtschaftliche Beziehungen könnten dazu beitragen, Probleme in dem Land zu lösen, sagte Wansleben im Deutschlandfunk. „Herr Erdogan braucht selbstverständlich deutsche Unternehmen.“ Genauso brauche allerdings auch Deutschland als alternde Gesellschaft die Türkei.

Ein politischer Pfad voller Hindernisse

Es ist ein politischer Pfad mit vielen Hindernissen, den Altmaier betritt. Er trete mit „selbstbewusster Empathie“ in Ankara auf, erklärte er auf dem Hinflug. Soll heißen: Altmaier will Probleme benennen, aber nicht als Lehrmeister auftreten. Offen, aber freundschaftlich, so lautet die Devise. Und so stürzen sich der CDU-Politiker und seine türkischen Gesprächspartner auf die Themen, die vielversprechend sind.

Für den deutschen Wirtschaftsminister bietet der Besuch trotz aller Fallstricke mehr Chancen als Risiken. Einerseits liegt ihm das Verhältnis zur Türkei tatsächlich am Herzen; seit Jahren pflegt Altmaier Kontakte zu dem Land und seinen Menschen. Außerdem weiß er sehr wohl, dass ihm ein großer Auftritt im Ausland in der immer dringlicher erscheinenden Frage nach der Merkel-Nachfolge Pluspunkte bringen kann.

Auf die bohrende Kritik an der Lage der Menschenrechte, der massiven Beschneidung der Pressefreiheit und mangelnder Rechtsstaatlichkeit in der Türkei hat Altmaier allerdings nur eine Standardantwort parat: „Es gibt Fragen, die man unter Freunden bespricht und nicht in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert“, sagte er im Beisein von Albayrak. Der ist übrigens gleichzeitig Erdogans Schwiegersohn.

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Altmaier auf Türkeireise - Wie die Wirtschaft helfen soll, die deutsch-türkischen Beziehungen zu kitten

0 Kommentare zu "Altmaier auf Türkeireise: Wie die Wirtschaft helfen soll, die deutsch-türkischen Beziehungen zu kitten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.