Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Altmaier-Besuch in der Türkei Deutsche Energieunternehmen klagen über türkische Strompreis-Politik – und hoffen doch auf Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit im Energiesektor soll die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei voranbringen. Doch vorher müssen Hürden beseitigt werden.
Kommentieren
Das Forum soll einen Neuanfang in einem Schlüsselbereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit markieren. Quelle: dpa
Bundeswirtschaftsminister in der Türkei

Das Forum soll einen Neuanfang in einem Schlüsselbereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit markieren.

(Foto: dpa)

AnkaraDie Eröffnungszeremonie des „Deutsch-Türkischen Energieforums“ am Freitagvormittag im Marriott-Hotel in Ankara hat hoch offiziellen Charakter. Das Forum soll einen Neuanfang in einem Schlüsselbereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit markieren. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und der türkische Energieminister Fatih Dönmez halten Eröffnungsreden, die von Zuversicht und Freundlichkeit geprägt sind. Denn kritische Anmerkungen an die Adresse des Partners verbieten sich in solchen Situationen.

Doch Eon-Chef Johannes Teyssen, der Altmaier begleitet und als Vertreter der deutschen Energiewirtschaft unmittelbar vor den beiden Ministern spricht, hält mit Kritik nicht hinterm Berg. Es bedürfe „entschiedener und mutiger Schritte“, um im Energiesektor voran zu kommen. Es gehe um die Integrität des Systems und darum, internationale Investoren davon zu überzeugen, dass die Türkei ein zuverlässiger und prosperierender Markt sei.

Die Politik dürfe „nie in die Vergangenheit eingreifen“ und bestehende Regelungen „nie im Nachhinein korrigieren“, sagt Teyssen. Gerade beim Geschäft mit Endkunden sei er nicht sonderlich euphorisch, sagt der Eon-Chef. Es habe in der Türkei „große Rückschritte“ bei der Liberalisierung gegeben.

Nahezu alle Kunden gingen zurück in einen staatlich regulierten Tarif. Dabei sollten diese nur den wirklich schützenswerten Kunden offen stehen, mahnt Teyssen. Man könne wesentlich mehr Kunden „die Wahrheit zumuten“, sagt Teyssen. Und die lautet: höhere Strompreise, die dann für die Energieunternehmen auch rentabel wären.

Der Eon-Chef spricht damit ein grundsätzliches Problem an: Die türkische Regierung betreibt Politik mit dem Strompreis. Um sich die Stromnutzer als Wähler gewogen zu halten, werden Strompreise staatlich reguliert und künstlich niedrig gehalten. Das macht der Branche gerade in Zeiten grassierender Inflation rentierliches Arbeiten schwer.

Gleichwohl verbreitet auch Teyssen gegen Ende seiner Rede Zuversicht: Eon sei entschlossen, seine Investitionen in der Türkei fortzusetzen. Der Energiekonzern versorgt in der Türkei gemeinsam mit seinem türkischen Partner Sabanci neun Millionen Kunden. Gemeinsam haben die beiden Unternehmen in den vergangenen Jahren elf Milliarden US-Dollar in der Türkei investiert. Eon und Sabanci betreiben in der Türkei Verteilnetze, Gas- und Wasserkraftwerke sowie Wind- und Solarparks.

Der Energiebedarf wird in den kommenden Jahren kräftig steigen

Die Liste der deutschen Unternehmen aus der Energiebranche, die in der Türkei aktiv sind, ist lang. Sie reicht von Eon und EnBW über Steag und EWE bis hin zu Mittelständlern. Das Land bietet aus Sicht der Branche grundsätzlich optimale Voraussetzungen.

Trotz der aktuellen Probleme sind die mittelfristigen Wachstumsperspektiven des Landes gut, der Energiebedarf wird in den kommenden Jahren kräftig steigen. Außerdem gibt es – allen politischen Verstimmungen der jüngeren Vergangenheit zum Trotz – gewachsene Wirtschaftsbeziehungen, die sich auch in schwierigen Zeiten als belastbar erwiesen haben.

Zugleich steht der Energiesektor vor einem neuen Strukturwandel, der Investitionen erforderlich macht. Nachdem die AKP im Jahr 2002 die Regierungsgeschäfte aufnahm, begann eine massive Privatisierungswelle von Energieunternehmen im Land.

Aber der Energiebedarf wächst, nach Schätzungen der Regierung bis 2023 um mindestens sechs Prozent pro Jahr. Um das Wachstum zu finanzieren, sind den Schätzungen zufolge bis dahin Investitionen in Höhe von 110 Milliarden US-Dollar notwendig.

Doch nicht nur das Wachstum bereitet Schmerzen. Die Türkei ist traditionell auf Energieimporte angewiesen. Das soll sich künftig ändern. Einerseits werden in dem Land derzeit zwei Kernkraftwerke gebaut. Andererseits setzt das Land auf erneuerbare Energien. Im März hatte der damalige Energie- und heutige Finanzminister Berat Albayrak den Bau des ersten türkischen Offshore-Windparks angekündigt und eine Ausschreibung für ein Volumen von 1.200 Megawatt bekanntgegeben. Das entspricht etwa der Leistung eines Kernkraftwerks.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier betont auf dem Energieforum, gerade beim Ausbau der erneuerbaren Energien könnten deutsche Unternehmen eine wichtige Rolle spielen. Man dürfe dieses Feld nicht allein den Asiaten überlassen. Energieminister Dönmez nimmt den Ball auf: „Wir freuen uns sehr, wenn deutsche Unternehmen sich an Ausschreibungen beteiligen“, sagt er.

Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen zuletzt nicht gerade verbessert. Die Verfassungsänderung in der Türkei hin zu einem Präsidialsystem hat nicht nur Auswirkungen auf die politische und gesellschaftliche Landschaft. Die Konzentration der Macht in der türkischen Hauptstadt Ankara wirkt sich auch auf die Chancen für deutsche Unternehmen aus, etwa im Bereich Windenergie.

Deutsche Manager vor Ort berichten, es sei deutlich schwieriger geworden, Lizenzen für den Bau oder den Betrieb von Windparks im Land zu erhalten. „Früher reichte es fast schon aus, bei der lokalen Forstbehörde das Stück Land zu pachten, um darauf zu bauen“, erzählt der Vertreter eines ausländischen Unternehmens, das seit über einem Jahrzehnt in der Türkei aktiv ist. „Jetzt geht jeder Antrag nach Ankara, wird dort wochenlang geprüft und am Ende manchmal sogar an ein anderes Unternehmen vergeben.“

Hinzu kommt: Häufig müssen die Unternehmen ruinöse Preise anbieten, um eine Ausschreibung zu gewinnen. Das heißt, dass gar nicht klar ist, ob sich Bau und Betrieb eines Windparks am Ende rentieren. Große Unternehmen wie Siemens, die sich erst kürzlich einen Großauftrag der türkischen Regierung gesichert haben, können diese Last auf viele Projekte weltweit verteilen.

„Die Energiesicherheit Europas führt über die Türkei“

Deutsche Mittelständler mussten sich in der jüngeren Vergangenheit häufig zurückziehen, weil die Konditionen nicht rentabel waren. Nach Informationen des Handelsblatts überdenken derzeit mindestens zwei deutsche Unternehmen, die in der Türkei aktiv sind, ihr Engagement in dem Land.

Und das, während ohnehin die Stimmung bei den Unternehmern noch lange nicht so ist, wie sich der Wirtschaftsminister das wünscht. Der Energiekonzern EWE aus Oldenburg sucht verzweifelt nach einem Käufer für sein Türkei-Geschäft. Das Unternehmen musste nach einem Putschversuch zwei lokale Geschäftsführer entlassen, weil ihnen Nähe zu den mutmaßlichen Putschisten nachgesagt worden war. Ein EWE-Manager begleitet Altmaier auf dessen Türkei-Reise.

Doch die deutsch-türkischen Beziehungen im Energiebereich haben noch einen ganz anderen Aspekt. Die Türkei will eine wichtige Rolle im Erdgas-Geschäft spielen. „Die Energiesicherheit Europas führt über die Türkei“, sagt Energieminister Dönmez. Und auch Minister Altmaier sieht die Türkei als „Gas-Drehscheibe“ der Zukunft.

Mit der Pipeline Tanap kommt künftig Gas aus dem kaspischen Raum ins Land, das Projekt Turkstream bringt russisches Gas in die Türkei. In ihren ersten Ausbaustufen werden die Leitungen allerdings nur sehr begrenzte Bedeutung für den europäischen Markt haben.

Mittelfristig aber könnten sie einen nennenswerten Beitrag auch für die europäische Versorgung leisten. „Wir haben Interesse an einer Diversifizierung unserer Gasbezugsquellen“, sagt Altmaier. Es sei daher sinnvoll, das türkische Pipelinesystem mit dem der EU zu verbinden.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Altmaier-Besuch in der Türkei - Deutsche Energieunternehmen klagen über türkische Strompreis-Politik – und hoffen doch auf Zusammenarbeit

0 Kommentare zu "Altmaier-Besuch in der Türkei: Deutsche Energieunternehmen klagen über türkische Strompreis-Politik – und hoffen doch auf Zusammenarbeit"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.