Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Amerikas neuer Arbeitskampf „So etwas habe ich noch nie erlebt“: US-Firmen kämpfen erbittert um Arbeitskräfte

Nach Rekordarbeitslosigkeit stehen die USA nun vor dem gegenteiligen Problem: Unternehmen finden keine Mitarbeiter für einfache Jobs. Das kann den Aufschwung gefährden.
22.05.2021 - 13:10 Uhr Kommentieren
Um Geringverdiener ist in den USA ein harter Wettbewerb entstanden. Quelle: dpa
Jobmesse in den USA

Um Geringverdiener ist in den USA ein harter Wettbewerb entstanden.

(Foto: dpa)

New York Seit zwei Monaten hängt das „Help Wanted“-Schild bei „Negril BK“ im Fenster. „Gerade einmal vier Leute haben mir in dieser Zeit ihren Lebenslauf gebracht. Ich finde einfach kein Personal“, klagt Ron, der General Manager des angesagten karibischen Lokals in Brooklyn. „Ich bin seit 25 Jahren in der Branche. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt der drahtige Mann.

Sein Lokal sucht Kellner, Hostessen, Köche. Es zahlt den New Yorker Mindestlohn von 15 Dollar oder mehr – zuzüglich Trinkgeld. Aber keiner kommt. Das liegt nach Ansicht des Managers vor allem an den großzügigen Arbeitslosenhilfen während der Coronakrise: „Die Leute sitzen lieber zu Hause und chillen und bekommen das Geld vom Staat“, sagt Ron, während im Hintergrund karibisch angehauchter Rap spielt.

Auch ehemalige Angestellte, die das Restaurant während der Corona-Schließungen nach Hause geschickt hatte, wollten höchstens Teilzeit zurückkommen, um die staatliche Unterstützung nicht zu verlieren, erklärt er. Andere sprächen von besseren Angeboten der Konkurrenz und verlangten Gehaltserhöhungen. Für Ron steht fest: „In der Pandemie war das Arbeitslosengeld wichtig. Aber genug ist genug.“ Er will, dass die staatliche Unterstützung so schnell wie möglich endet, damit er wieder Mitarbeiter findet. Und er steht damit nicht allein.

Das steht auf einem umgewandelten Uncle-Sam-Plakat nur wenige Blocks weiter in dem Fenster eines Cafés, das ebenfalls erfolglos nach Mitarbeitern sucht. Quelle: Handelsblatt
Baristas, I want you

Das steht auf einem umgewandelten Uncle-Sam-Plakat nur wenige Blocks weiter in dem Fenster eines Cafés, das ebenfalls erfolglos nach Mitarbeitern sucht.

(Foto: Handelsblatt)

„Baristas, I want you!“ steht auf einem umgewandelten Uncle-Sam-Plakat nur wenige Blocks weiter in dem Fenster eines Cafés, das ebenfalls erfolglos nach Mitarbeitern sucht. „Wir glauben alle, dass das zumindest teilweise auch daran liegt, dass die Leute es nicht nötig haben zu arbeiten“, sagt der Besitzer, der seinen Namen nicht im Internet finden will, um seine Chancen auf neues Personal nicht ganz zunichtezumachen. Er braucht das Personal nicht nur, damit er nicht selbst jeden Tag von morgens bis abends im Laden stehen muss. Er muss auch Leute einstellen, wenn er sein Anrecht auf die staatlichen Hilfen als Unternehmer nicht verlieren will.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    1000 Dollar Start-Bonus bei Amazon - neue Verhandlungsmacht der Beschäftigten im Niedriglohnsektor

    Was Amerikas Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor in Jahrzehnten nicht geschafft haben, das scheint nun der Aufschwung nach der Pandemie zu liefern: steigende Löhne im niedrigsten Segment des Arbeitsmarkts. „Die jüngsten Lohnsteigerungen waren in den Niedriglohn-Dienstleistungen am höchsten, wo der Arbeitsmarkt ungewöhnlich eng war“, schreiben Goldman-Sachs-Analysten in einer neuen Studie. Die Arbeiter fühlten sich in einer stärkeren Position, um mehr Geld zu fordern. Neben dem höheren Arbeitslosengeld sei die Nachfrage nach Arbeitskräften im Aufschwung jetzt ein weiterer Grund dafür.

    Die Arbeitslosenquote ist stark gesunken auf saisonbereinigt zuletzt 6,1 Prozent im April - ein Jahr zuvor waren es mit 14,8 Prozent noch mehr als doppelt so viel.

    Grafik

    Um die Geringverdiener ist ein harter Wettbewerb entstanden. Konzerne wie McDonald’s, Walmart und Amazon stellt das genauso vor ungeahnte Schwierigkeiten wie Negril BK in Brooklyn und andere kleine und mittelständische Unternehmen. Die Probleme bei der Stellenbesetzung gefährden den Aufschwung in Teilbereichen. Dass im April nicht mehr neue Jobs entstanden sind, führen Ökonomen unter anderem darauf zurück, dass es nicht genügend Interessenten gab. Wenn aber Unternehmen nicht genügend Personal finden, können sie nicht wachsen, ihre Umsätze nicht steigern und damit nicht zum Vorkrisenniveau zurück finden. Der Kampf um das Personal wird so zum Konjunkturrisiko.

    Große Unternehmer sind dabei in einer besseren Ausgangsposition, den Bieterwettkampf zu gewinnen. So will Amazon 75.000 Mitarbeiter einstellen, wie das Online-Kaufhaus vergangene Woche mitteilte. Dafür zahlt der Konzern in einigen Städten 1000 Dollar Start-Bonus. Die Fast-Food-Kette Chipotle zahlt Mitarbeitern einen Bachelor, den sie im nebenberuflichen Studium absolvieren können.

    McDonald’s will in den kommenden drei Monaten 10.000 neue Beschäftigte für Restaurants einstellen, die dem Fast-Food-Konzern selbst gehören und nicht wie die meisten über Franchise-Unternehmer geführt werden, was nur fünf Prozent der Filialen entspricht. Bei diesen sollen die Stundenlöhne auf 15 Dollar pro Stunde steigen. Der vorgeschriebene Mindestlohn in den USA liegt derzeit bei 7,25 Dollar pro Stunde, Bundesstaaten können jedoch höhere Sätze festlegen.

    „Die Wirtschaft boomt“: Arbeitsrückkehrbonus statt höherer Arbeitslosenhilfe in einigen US-Bundesstaaten

    Doch viele Amerikaner wollen nicht zurück in ihre alten, oft schlecht bezahlten und ausbeuterischen Jobs. So offen wie nie machen sie ihrem Ärger über die Arbeitsbedingungen Luft. „Sie wollen wissen, warum wir geschlossen haben?“, steht auf einem Blatt Papier an einer Chipotle-Filiale. „Dann fragen sie unsere Zentrale, warum sie ihre Mitarbeiter dazu zwingt, über acht Stunden ohne Pause in ausbeuterischen Bedingungen zu arbeiten. Wir sind überarbeitet, unterbesetzt, unterbezahlt und werden nicht wertgeschätzt.“ Ähnliche Botschaften machen auch von Wendy’s und anderen Schnellrestaurants die Runde in den sozialen Medien.

    Die aufgestockte Arbeitslosenhilfe aus Washington stärkt das Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer. 300 Dollar pro Woche zusätzlich bekommen Arbeitssuchende, im Schnitt liegen die Hilfen damit bei 750 Dollar pro Woche. Das ist oft mehr, als sie bei McDonald’s und Co. verdienen würden. Am 6. September soll dieser zusätzliche Puffer auslaufen. In Washington wird derzeit darüber gestritten, ob die US-Regierung unter Joe Biden die zusätzlichen Hilfen nicht schon früher stoppen sollte. Einige republikanische Gouverneure haben angefangen, die Hilfen in ihren Bundesstaaten zu streichen oder sie in Boni für Arbeitsrückkehrer umzuwandeln.

    „Die Wirtschaft in Texas boomt“, sagte etwa Gouverneur Gregg Abbott in dieser Woche zur Begründung, warum er die zusätzlichen Gelder aus Washington nicht mehr abrufen will. Die Unternehmen brauchten die Arbeitnehmer. Der Republikaner-Chef im US-Senat, Mitch McConnell, kritisierte die Extra-Hilfen als „Bonus für Arbeitslose, die zu Hause bleiben wollen“. 

    US-Präsident Joe Biden bestreitet, dass die Gelder zu mehr Zurückhaltung bei der Jobsuche geführt hätten. „Wir sehen nicht viele Beweise dafür“, sagt der Demokrat. „Amerikaner wollen arbeiten.“

    Joe Biden spielen die steigenden Löhne in die Hände - Doch die Angst vor einer höheren Inflation wächst

    Ganz so einfach sind die Gründe in der Tat nicht zusammenzufassen. Einige Arbeitssuchende, vor allem Frauen, verweisen auf mangelnde Kinderbetreuung. Und gerade bei den schlecht bezahlten Jobs bleibt kein Budget für Babysitter übrig. Andere sorgen sich um die Gesundheit ihrer Familie und scheuen daher den Weg zurück in den Job, gerade jetzt, wo die Maskenpflicht weitgehend aufgehoben wurde.

    Die Coronakrise hat zudem viele Amerikaner dazu gebracht, über ihr Leben neu nachzudenken. 66 Prozent der Arbeitslosen haben während der Pandemie ernsthaft überlegt, nicht mehr in ähnliche Jobs zurückzukehren, wie eine Umfrage des Analysehauses Pew Research zeigt. Deutlich mehr als während der Finanzkrise 2008.

    Biden spielt die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt in die Hände. Der Demokrat hat sich für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen starkgemacht. „Solange die Arbeitnehmer ihre Forderungen aufrechterhalten, erhöht das den Druck auf die Löhne. Und wenn sie einmal gestiegen sind, dann lassen sie sich so schnell nicht wieder kürzen“, gibt Daniel Alpert zu bedenken, der Makroökonomie an der Cornell Law School lehrt und einen Index zur Qualität von Arbeitsplätzen mit entwickelt hat.

    Doch die Strategie ist riskant. Seine billionenschweren Programme für die Wirtschaft, gepaart mit der ultralockeren Geldpolitik der Notenbank Federal Reserve, könnten die Wirtschaft überhitzen und zu hoher Inflation führen, warnt der frühere Finanzminister und Parteikollege Larry Summers. Auch „finanzielle Instabilitäten“ seien nicht ausgeschlossen. Summers geht davon aus, dass die Fed zu einem abrupten Einschreiten gezwungen werden könnte. Die Folge: „Schäden für die Stabilität des Finanzsystems und der Realwirtschaft.“

    Der Lohndruck ist nur ein Faktor, der derzeit die Sorgen wegen steigender Preise antreibt. Überall in der Wirtschaft zeigen sich Knappheiten, von Computerchips über Stahl bis Bauholz, was ebenfalls die Preise in die Höhe treibt. Fed-Chef Powell hatte lange Zeit betont, dass er den Inflationsdruck nur für vorübergehend hält. Er werde sich auflösen, sobald sich die Produktionsengpässe auflösen und die zusätzlichen Arbeitslosengelder der Regierung auslaufen. Die am Mittwoch veröffentlichten Sitzungsprotokolle zeigten jedoch, dass sich die Notenbanker auf einen Rückgang der Anleihekäufe vorbereiten, mit denen sie die Wirtschaft stützen.

    Die Mitarbeiter von McDonald’s zog es am Mittwoch unterdessen auf die Straße. In 15 Städten demonstrierten sie für einen einheitlichen Einstiegslohn von 15 Dollar pro Stunde, der auch für alle Franchise-Restaurants gelten soll. Auch der frühere Präsidentschaftskandidat, Senator Bernie Sanders, sowie die demokratische Abgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez schlossen sich den Demonstranten an. Sie nutzen das neue Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer für politischen Druck. „Wir werden nicht aufhören, Druck auszuüben“, kündigte Ocasio-Cortez an. Ein Mindestlohn von 15 Dollar die Stunde „sollte ein Menschenrecht in den USA sein. Ihr habt es verdient.“

    Mehr: Das gefährliche Schuldenexperiment des Joe Biden

    Startseite
    Mehr zu: Amerikas neuer Arbeitskampf - „So etwas habe ich noch nie erlebt“: US-Firmen kämpfen erbittert um Arbeitskräfte
    0 Kommentare zu "Amerikas neuer Arbeitskampf : „So etwas habe ich noch nie erlebt“: US-Firmen kämpfen erbittert um Arbeitskräfte"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%