Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Analyse Die deutsch-französischen Beziehungen sind vom Krisenmodus weit entfernt

Nur, weil Macron das deutsche Wirtschaftsmodell kritisiert, steckt das Verhältnis der Länder nicht in der Krise. Das Balkan-Treffen beweist das.
Kommentieren
Die beiden Staatsoberhäupter scheinen sich bestens zu verstehen. Quelle: dpa
Angela Merkel und Emmanuel Macron

Die beiden Staatsoberhäupter scheinen sich bestens zu verstehen.

(Foto: dpa)

ParisDie politisch-mediale Öffentlichkeit verfügt nur über einen begrenzten Wortschatz, wenn es um das deutsch-französische Verhältnis geht: Wir erleben entweder einen „engen Schulterschluss“ oder eine „tiefgehende Entfremdung“. Seit mit Emmanuel Macron ein frischer Wind durch Paris weht, schienen die Klischees begraben.

Doch nun steigen sie wie Zombies aus der Gruft. Weil Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor einigen Tagen das deutsche Wirtschaftsmodell kritisiert hat, stecken wir jetzt gerade angeblich im Krisenmodus. Ein deutsches Nachrichtenmagazin will gar entdeckt haben, dass Macron die zweite Hälfte seiner Amtszeit unter die Überschrift der „Konfrontation mit Deutschland“ stelle.

Müssen wir fürchten um die deutsch-französische Zusammenarbeit? Sind Merkel und Macron auf dem Weg, ziemlich beste Feinde zu werden?

Dazu passt nicht so ganz, dass Macron am Montag in trauter Eintracht mit der Bundeskanzlerin den Regierungschefs der Balkanstaaten in Berlin die Ohren langgezogen hat, weil die keine Politik der Entspannung betreiben.

Einige Experten wollten aber auch bei diesem Treffen ein fundamentales Zerwürfnis ausmachen:  Merkel wolle einigen Balkanstaaten die Perspektive des EU-Beitritts eröffnen. Macron sei komplett dagegen. Dumm nur, dass Macron in seiner Sorbonne-Rede vom September 2017 genau das vorgeschlagen hat: eine Beitrittsperspektive für den Westbalkan.

Das deutsch-französische Verhältnis braucht keinen Fälscher wie den vielfachen Preisträger und Ex-Spiegel-Reporter Claas Relotius, um durch Fake News entstellt zu werden. Es geht auch anders: Ein oft ungewolltes Zusammenspiel von penetranten Lügnern wie beispielsweise der Rassemblement-National-Chefin Marine Le Pen und Schnellschuss-Journalisten produziert Falschmeldungen am Fließband.

So hat Le Pen über Wochen behauptet, mit dem neuen Aachener Vertrag bereite Macron die Abtretung des Elsass an Deutschland vor, außerdem werde er auf den französischen Sitz im UN-Sicherheitsrat verzichten und werde keine Positionen mehr in der UNO vertreten, ohne sie vorher von Berlin absegnen zu lassen. Viele französische Medien wiederholten diese Hirngespinste, ohne vorher in den Vertrag zu schauen und dann auf die Verbreitung falscher Darstellungen zu verzichten.  

Ein Profi-Verhältnis

Die Fehlwahrnehmung in manchen medialen Köpfen, Radau und Konflikt verkauften sich per se gut, begünstigt Pawlow’sche Reflexe wie im Falle der Reaktion auf Le Pen. Was sie übersehen: Im Leben der meisten Menschen gibt es ausreichend Konflikte, und die Welt ist beunruhigend genug. Wer heute (noch) Medien konsumiert, sehnt sich nicht nach Hysterie, sondern nach Zuverlässigkeit.

Womit wir wieder beim deutsch-französischen Verhältnis wären. Ist alles nur von Harmonie und Konsens geprägt? Nein. Viele in der französischen Regierung sind zutiefst enttäuscht darüber, dass die deutsche Regierung die Chance eines – endlich! – zu mehr europäischer Integration bereiten Präsidenten nicht besser nutzt. Und auf deutscher Seite ärgert man sich darüber, dass „der Präsident vieles vorschlägt, eine Erwartungshaltung aufbaut und dann von uns verlangt, dass wir liefern“, wie es ein deutscher Diplomat formuliert.

Aber: Merkel und Macron sind Profis. Macron und seine Getreuen verstehen, dass „die lange Phase Merkel zu Ende geht und es dauern wird, bis sich die politischen Verhältnisse in Deutschland geklärt haben“, wie es ein Mitarbeiter des Präsidenten formuliert. Der Ärger darüber, dass eigentlich viel mehr ginge, wenn die Berliner Koalition und die Parteien nicht so zerstritten wären, sitzt tief.

Die Macron-Leute verbeißen sich dennoch nicht in eine Trotzreaktion, sondern suchen nach dem, was geht. Das ist – trotz der Verstimmung auf beiden Seiten - eine ganze Menge. In der Handelspolitik, in der Reaktion auf Trump, in der Einschätzung von China und der Schlinge, die es mit der „Neuen Seidenstraße“ auslegt, in der Stärkung der Verteidigung, in Rüstungsprojekten, bei der Entwicklung einer gemeinsamen Sicherheitsdoktrin, bei der Bewältigung der digitalen Wende, bei der Förderung von Start-ups, sind sowohl Paris als auch Berlin über ihren Schatten gesprungen und arbeiten in einem Umfang und einer Intensität zusammen, wie es sie früher nicht gab.

Allein schon Macrons Einladung an Merkel, mit von der Partie zu sein, als er mit Chinas Herrscher Xi Jinping sprach, wäre noch unter François Hollande unmöglich gewesen.

Kritik und die Bereitschaft zu lernen

Trotzdem gibt es Kritik von Macron am deutschen Modell, das zu einem gehörigen Teil auf Exporten von Autos basiert. Er bezeichnet es als „Auslaufmodell“. Na und? Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, als eine von Bismarck gefälschte „Emser Depesche“ sogar den Vorwand für einen Krieg abgeben konnte.

Kritik und Bereitschaft, vom Nachbarn zu lernen, finden gleichzeitig statt im deutsch-französischen Verhältnis. Frankreich musste sich lange anhören, es bekomme wirtschaftlich nichts gebacken. Nun wächst die französische Wirtschaft fast doppelt so stark wie die deutsche. Dennoch sagen französische Politiker tagein, tagaus, wie sehr sie den deutschen Mittelstand bewundern.

Und ein führender französischer Minister nimmt sogar die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in Schutz, deren Antwort auf die Macron-Vorschläge angeblich in Paris für tiefe Verstimmung gesorgt hat: „Es gibt viel Konvergenz mit den Vorschlägen von Annegret, darüber wird zu wenig geredet, und zu viel über irritierende Aspekte.“ Frankreich könne „mit Annegret etwas aufbauen“.

In dieser Woche wollen der deutsche und der französische Wirtschaftsminister, Peter Altmaier und Bruno Le Maire, über die gemeinsame Batterieförderung beraten. Vielleicht schwingt dann das mediale Pendel wieder zurück zum „engen Schulterschluss“.    

Brexit 2019
Startseite

Mehr zu: Analyse - Die deutsch-französischen Beziehungen sind vom Krisenmodus weit entfernt

0 Kommentare zu "Analyse: Die deutsch-französischen Beziehungen sind vom Krisenmodus weit entfernt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote