Analyse Nordkoreas Gesprächsangebot gibt der Diplomatie noch eine Chance

US-Präsident Trump hat mit der Absage des US-Nordkorea-Gipfels Freund und Feind überrascht. Doch Diplomaten haben noch die Chance, die Scherben zu kitten.
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Die prompte Antwort Nordkoreas zeigt, dass die Diplomatie im Korea-Konflikt weiterhin eine Chance hat. Quelle: AP
Kim Jong Un

Die prompte Antwort Nordkoreas zeigt, dass die Diplomatie im Korea-Konflikt weiterhin eine Chance hat.

(Foto: AP)

TokioEines hat US-Präsident Donald Trump mit seiner Absage des US-Nordkorea-Gipfels geschafft. Er nötigte Nordkoreas Führer Kim Jong Un dazu, seinerseits offen Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Nur machte er es, anders als Trump, nicht persönlich. Wie schon vorige Woche schickte er Vizeaußenminister Kim Kye-gwan vor.

Damals durfte der 74-jährige Spitzendiplomat noch mit einer Absage des Gipfels drohen. Am Freitag teilte er über Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA der Welt Kims Bedauern über Trumps Entscheidung mit. „Wir sind bereit, uns von Angesicht zu Angesicht mit den USA zusammenzusetzen und Fragen jederzeit und in jedem Format anzusprechen.“

Die prompte Antwort Nordkoreas zeigt, dass die Diplomatie im Korea-Konflikt weiterhin eine Chance hat. Trump selbst hatte in seinem Brief die Tür für Verhandlungen offengehalten. Wenn Kim seine Meinung ändere, solle er bitte nicht zögern, „mich anzurufen oder mir zu schreiben“, schrieb Trump. Doch die große Streitfrage ist, was die beiden Parteien nun eigentlich wollen.

Tom Nichols, Professor am Naval War College, meint, dass Nordkorea mit seinem Gesprächsangebot nach Trumps überraschender Absage nur „dem Ein-mal-Eins der Diplomatie“ folge. „Dadurch erscheint man selbst als die vernünftigere Streitpartei.“ Und genau diesen Versuch spiegelt die Wortwahl des Diplomaten Kim auch wieder.

Er bezeichnete Trumps Brief als überraschend und sagte, sie entspräche nicht den Idealen der Menschheit, die Frieden auf der koreanischen Halbinsel und der Welt fordere. Er interpretierte Trumps Brief als Zeichen, wie schwierig die Lage und wie notwendig Gespräche seien. Nordkorea habe gehofft, dass die „Trump-Methode“ die Anliegen beider Staaten lösen könne. Und Führer Kim habe sich alle Mühe gegeben, sich auf den Gipfel vorzubereiten. Kim soll sogar gesagt haben, dass der Gipfel mit Präsident Trump ein guter Start wäre.

Als Zeichen der Dialogbereitschaft hatte Kim am Donnerstag auch vor den Augen von 30 ausländischen Journalisten Nordkoreas Atomtestzentrum in Punggye-ri gesprengt. Die Bilder der Explosionen flimmern nun pünktlich zu Nordkoreas Gegenangebot durch das Internet.

Das Problem bleibt, dass weder genau klar ist, was Nordkorea und die USA eigentlich wollen. Kim beispielsweise hatte zuletzt die Unterhändler der USA einfach sitzen lassen und auf Anfragen der USA nicht mehr reagiert. Ein Teil der Experten unterstellt Nordkorea daher, dass ein Scheitern des Gipfels dem Regime sogar gelegen käme. Denn es wolle sein Atomwaffenarsenal gar nicht aufgeben, die Allianz zwischen den USA und Südkorea spalten sowie China, Südkorea und Russland zu einer Lockerung der Sanktionen bewegen.

Andere sehen immerhin die Möglichkeit, dass sich beide Seiten auf einen langsamen, schrittweisen Prozess einigen, der zu einer Eindämmung des Atomwaffenarsenals und des Risikos führt. Nun kommt es auf die verbliebenen Diplomaten wie Südkoreas Präsident Moon Jae-in an, die Gespräche am Leben zu halten. Denn nur so können die USA noch herausfinden, welche Kompromissmöglichkeiten es wirklich gibt.

Erschwert wird dies allerdings durch das andere Problem in dem Atompoker: US-Präsident Trump und sein Hang zu plötzlichen Entscheidungen. Zur Überraschung der Diplomaten hatte er im März aus einer Laune heraus ein loses Gesprächsangebot von Kim Jong Un angenommen. Nun erzählen amerikanische Medien bereits minutiös nach, wie sehr ihn die jüngsten Probleme frustrierten und wieder zu einer Spontanhandlung trieben.

Der Fernsehsender „NBC“ und die „Washington Post“ berichten, dass Trump Kim mit einer Gipfelabsage zuvorkommen wollte. Zuvor scheinen allerdings Trumps nationaler Sicherheitsberater John Bolton, ein absoluter Hardliner, und Außenminister Pompeo an Trump gezerrt zu haben.

Letztlich ging alles ganz schnell. Zwischen sieben und neun Uhr morgens habe Trump seine Entscheidung gefällt. Um 9.43 Uhr ging sein Brief an Nordkorea hinaus. „Die Entscheidung geschah so abrupt, dass die Regierung nicht einmal die Führer im Kongress oder wichtige Alliierte vorab informieren konnten“, schreibt NBC News.

Auch die Nordkoreaner wurden anscheinend überrumpelt. CNN-Reporter Will Ripley, der als einer der Auserwählten die Sprengung des Atomtestzentrums bezeugen durfte, las den nordkoreanischen Aufpassern Trumps Brief vor. Dies hätte die Nordkoreaner wirklich geschockt, berichtete er. Sie hätten sofort zu Telefonen gegriffen und ihre Führung informiert.

Trump steht damit wie schon beim Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran vor dem diplomatischen Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat. Viele Experten kritisieren, dass er erst durch die Annahme des Gesprächsangebots und erst recht durch die Absage die Position der USA enorm geschwächte habe.

Denn nun er läuft Gefahr, Nordkorea und damit letztlich auch Chinas Position zu stärken und seinen Alliierten Südkorea zu vergraulen. Schließlich hatte Moon sich enorm für eine Verhandlungslösung eingesetzt. Das wäre ganz nach Chinas und Nordkoreas Geschmack, die beide am liebsten die Allianz zwischen den USA und Südkorea spalten wollen.

Trump mag das egal sein. Aber der Welt bleibt nur noch zu hoffen, dass die Diplomaten in den USA und vor allem in Südkorea und China die Scherben noch einmal kitten können. Gelingt es ihnen, kann es vielleicht zu Gesprächen über realistische Lösungen und später einem Gipfeltreffen kommen. Scheitern sie, droht der Korea-Konflikt wieder aufzuflammen.

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