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Analyse Russland würde es mit Komiker Selenski als Präsident der Ukraine schwerer haben

Die Ukraine hat noch politische Alternativen: Das Land steht vor einer Stichwahl ums Präsidentenamt. Dabei könnte der Konflikt mit Russland mitentscheidend werden.
2 Kommentare
Ukraine: Eine echte Wahl mit offenem Ergebnis Quelle: dpa
Kein Aprilscherz

Wladimir Selenski, ukrainischer Komiker und Schauspieler, liegt bei der Stichwahl für das Präsidentenamt ganz vorn.

(Foto: dpa)

KiewWenn die Ukrainer an diesem Montagmorgen aufwachen, liegt ausgerechnet ein Fernseh-Komiker bei der Stimmenauszählung für die Präsidentenwahl weit vorn – und dann ist auch noch 1. April. Aber es ist kein Aprilscherz, im Gegenteil: Es stehen viele ernste Dinge hinter einem möglichen Sieg des Schauspielers, Produzenten und TV-Komikers Wolodimir Selenski.

Es geht auch um die Sprache, die in Europas größtem Flächenstaat gesprochen wird. Russland wirft der Ukraine die Diskriminierung der russischen Sprache vor. In der Hauptstadt Kiew jedoch sprechen die allermeisten in der Familie und auf der Straße russisch, nur Angestellte und Beamte nutzen das Ukrainische. Die angebliche Teilung der Ukraine anhand sprachlicher Differenzen ist eine gezielte Erfindung bestimmter Kreise.

Selenski selbst, der nach dem Sieg im ersten Wahlgang am Sonntag nun die Stichwahl am 21. April geht, hat in einem der letzten Teil seiner TV-Serie „Diener des Volkes“ die sprachliche Trennung als gezielte und willentliche Teilung der Ukraine durch machthungrige politische Kreise karikiert. Er selbst stammt aus einer südostukrainischen Stahl- und Chemiemetropole, die zu Sowjetzeiten selbstverständlich Kriwoy Rog (Krummes Horn) hieß und heute auf Karten im Ukrainischen als Kriwy Risch eingezeichnet ist.

Der 41-Jährige ist russischsprachig aufgewachsen, hat erst spät in seiner Jugend ukrainisch gelernt – nicht sonderlich schwer angesichts der Nähe. So wechselt er im Fernsehen und im Gespräch mit Wählern leicht und selbstverständlich zwischen beiden slawischen Sprachen hin und her. Einen Akzent kann boshaft nur heraushören, wer seine Reibeisenstimme mal besonders raspeln hört.

Übrigens spricht auch Amtsinhaber Petro Poroschenko beide Sprachen. In der Öffentlichkeit aber vermeidet er es, Russisch zu sprechen. Außerdem will Poroschenko nicht mit der russischen Form „Pjotr“ angesprochen werden. Denn seine Wählerschaft sitzt vor allem im Westen des größten europäischen Flächenstaates, wo schon zu Sowjetzeiten die ukrainische und nationale Identität besonders gepflegt wurden.

Die Sprache jedenfalls ist nicht der trennende Faktor, als der er immer von außen hineingetragen wird.

Einen riesigen Unterschied allerdings gibt es zwischen Russland und der Ukraine: Im kleineren Land gab es eine echte Wahl mit offenem Ergebnis. Dass Selenski klar vorn liegen würde, hatte sich in den Umfragen bereits vor Wochen angedeutet. Etwas überraschend hingegen schafft es Amtsinhaber Poroschenko in die Stichwahl in drei Wochen. In den Befragungen landete er meist auf dem dritten Rang hinter der populistischen Ex-Premierministerin Julia Timoschenko.

Sieg Selenskis auch Niederlage Moskaus

In den vergangenen Wochen stiegen Poroschenkos Umfragewerte, Ex-Premierministerin Timoschenko hingegen ging zunehmend die Luft aus. Poroschenko als erklärter Gegner des Kreml hat kurioserweise von russischen Politikern profitiert, die den Amtsinhaber loswerden wollen. Denn von Putin wollen sich die allermeisten Ukrainer nichts mehr vorschreiben lassen.

Russland wird es im Falle eines Selenski-Sieges schwerer haben. Denn der Kreml wird nicht mehr behaupten können, russischsprachige Ukrainer würden unterdrückt, die Ukraine sei per se antirussisch. Im Gegenteil: Der mit dem ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojski verbandelte Selenski hat sogar über die Offshore-Firmen seiner TV-Produktionsfirma „Kwartal 95“ Geschäfte in Russland.

Der Westen wiederum hat sich durch das EU-Freihandelsabkommen mit der Ukraine, den IWF-Hilfsmilliarden und der US-Unterstützung an die Seite Kiews gestellt. Trotzdem stellt sich die Frage, ob Europa und die USA die Ukraine wirklich im Angesicht innereuropäischer und transatlantischer Spannungen so ernst genommen haben, wie sie es strategisch wichtig wäre. US-Präsidenten-Berater Zbigniew Brzezinski hat einmal definiert: Wer die Wiedergeburt der kommunistischen Sowjetunion verhindern wolle, müsse ein neuerliches Zusammengehen Russlands und der Ukraine stoppen.

Versagen des Westens

Das ist nicht Post-Kalte-Kriegs-Rhetorik, sondern gerade für Europa ein extrem wichtiger Faktor. Es wurde bei weitem nicht genug getan, um die EU sicherheitspolitisch gut aufzustellen. Die USA haben einstmals die BRD mit massiven Investitionen zum Schaufenster für die DDR ausgestattet, um den Kommunismus und eine feindliche Militärmacht zum Einsturz zu bringen.

Russland hat die Ukraine durch Krim-Annexion und Donbass-Invasion längst zum Frontstaat gemacht. Noch immer ist unklar, ob der Westen das auch erkannt – und entsprechend genug in die Ukraine investiert hat, um einer solchen Konfrontation standzuhalten. Die Antwort muss lauten: Vermutlich nicht.

Dazu hätte der Westen der Ukraine ökonomisch deutlich mehr bei Reformen, Ent-Oligarchisierung und Justizumbau helfen müssen. Die Menschen in Osteuropa müssen spüren, dass es sich in einer Demokratie besser lebt als in Russlands Einflusssphäre – ob in der Ukraine oder auf dem Balkan.

Es ist unwahrscheinlich, dass die führenden EU-Politiker das begreifen und entsprechende Mittel mobilisieren. Aber wie sagen es Ukrainer, Russen und Polen – in ihrer jeweiligen Sprache – gleichlautend: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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2 Kommentare zu "Analyse: Russland würde es mit Komiker Selenski als Präsident der Ukraine schwerer haben"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • treffend, kurz, knapp und auf den Punkt. Statt sich mit den Insulanern und ihrem Brexit zu beschäftigen, hätten die europäischen Regierungen sich seit 2010 (neben ihrem Verhältnis zu China und einer nachhaltigen Lösung der Flüchtlingsfrage) vor allem um eine vernünftige Ukraine Politik kümmern müssen. Aber bei Strategie, Aufmerksamkeitsspanne, Kompetenz, Bandbreite und Umsetzungsgeschwindigkeit sind demokratisch gewählte Regierungen aggressiven Vorstößen von Autokraten/ Diktatoren aus Moskau und Peking hilf- und tatenlos ausgeliefert.

  • Das Wahlergebnis ist ein Tiefschlag für alle im Westen, die immer noch auf einen Poroschenko gesetzt haben. Neutrale Quellen berichten, dass Dieser nicht einmal 10% der Stimme auf sich vereinen konnte. Die kleine Opposition berichtet, dass Wahlscheine gebündelt in die Urnen geworfen wurden sind und da spricht das Handelsblatt von einer ganz demokratischen Wahl. Hätte man wirklich eine freie Wahl gewollt, hätte man den alten Amtsinhaber antreten lassen müssen. Diese Katastrophe musste man natürlich vermeiden. Die Stich Wahl wird natürlich mit einen Sieg des Schokoladen Königs enden, natürlich gaaanz demokratisch !!!