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Analyse-Serie: „Global Challenges“ Aus Alt macht Neu: Die Kooperation mit Start-ups ist wichtiger denn je

Die europäische Industrie muss gerade in Coronazeiten verstärkt mit Start-ups kooperieren. Sonst droht dem Kontinent technologisch der Rückfall.
14.05.2020 - 08:40 Uhr Kommentieren
Gerade die Kooperation von Industrie und Start-ups würde das Krisenmanagement erleichtern. Quelle: obs
Start-up-Unternehmer

Gerade die Kooperation von Industrie und Start-ups würde das Krisenmanagement erleichtern.

(Foto: obs)

Geostrategen haben die entscheidende Rolle von Schlüsseltechnologien und Innovationen als Instrumente globaler Einflussnahme längst erkannt. Im Kampf zwischen den USA und China um den künftigen Mobilfunkstandard 5G etwa zeigt sich das hegemoniale Ringen wie unter einem Brennglas vergrößert. Verändert das Coronavirus nun die Gefechtslage? Und wie sollten Deutschland und Europa auf die externen Gefahren reagieren?

Als Innovationstreiber hat die Start-up-Wirtschaft eine besondere strategische Bedeutung. Die aber wird von Corona gefährdet – wie ein Blick auf die Weltfinanzkrise vor gut zehn Jahren zeigt: Damals verloren junge deutsche Unternehmen laut einer Studie der Technischen Universität München und der KfW Bankengruppe unter rund 2000 Tech-Start-ups massiv Aufträge.

Frisches Wagniskapital konnte die wegbrechenden Umsätze nicht kompensieren – vor allem Tech-Start-ups mit dem größten Wachstumspotenzial verringerten ihre Investitionen deutlich und froren Innovationsprojekte ein.

Diese Entwicklung darf sich in der gegenwärtigen Coronakrise nicht wiederholen. Um einer Pleitewelle vorzubeugen und den Ausverkauf von Unternehmen ins Ausland zu verhindern, sind die von Wirtschaftsminister Peter Altmaier avisierten zwei Milliarden Euro zur Unterstützung deutscher Start-ups ein wichtiger Beitrag.

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    Frankreich und Großbritannien setzen ebenfalls auf milliardenschwere staatliche Hilfen für Start-ups. Ohne diese jungen Unternehmen würde der europäischen Wirtschaft schließlich ein immenser Schaden entstehen: Neben Technologien gingen auch Talente, Innovationsgeist und Know-how verloren.

    Ann-Kristin Achleitner ist, Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU München und Mitglied in zwei Konzernaufsichtsräten. Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt
    Die Autorin

    Ann-Kristin Achleitner ist, Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU München und Mitglied in zwei Konzernaufsichtsräten.

    (Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

    Europa würde sich auf lange Zeit schwächen – und so im geopolitischen Wettlauf um Innovationen die Konkurrenz aus den USA und China stärken. Doch staatliche Unterstützung ist selbst in der Corona-Pandemie nur eine Seite der Medaille. Die andere muss die Wirtschaft selbst prägen.

    Dabei sollte für die etablierte Industrie der Grundsatz gelten: nicht mit Wehmut in die Vor-Corona-Zeit zurückblicken, sondern mutig nach vorn schauen und in die Zukunft investieren. Der Perspektivwechsel gelingt am besten durch konkrete Kooperation mit kreativen Start-ups.

    Coronakrise als Fast-Forward-Erlebnis

    Nie war diese Kooperation von „Alt“ und „Jung“ so wichtig wie heute. Selbst die gegenwärtigen Probleme traditioneller Unternehmen sprechen nicht gegen, sondern für Zusammenarbeit, weil sie Teil der Lösung sein können – zum Beispiel um Effizienzreserven zu heben und gleichzeitig das Problem wegbrechender Aufträge bei Start-ups zu entschärfen.

    Um sich das gewaltige Kreativpotenzial vor Augen zu führen, reicht schon ein Blick auf die Webseite „Start-ups against Corona – Start-up solutions for Corona problems“. Dort findet sich beispielsweise das Start-up 4tiitoo, das Vorreiter für Augensteuerung in der Computerbedienung ist und damit auch die Infektionsrate senkt.

    Demodesk bietet ein intelligentes Werkzeug für Onlinetreffen im kundenorientierten Dialog. Und das Wiener Start-up Prewave identifiziert Risiken in der Lieferkette, bevor sie auftreten.

    Schon diese drei Beispiele veranschaulichen den Win-win-Effekt, der sich aus der Kooperation von „Klassik“ und „Moderne“ ergeben kann. Wichtig ist aber ein grundsätzlicher Aspekt: Die Coronakrise bietet ein Fast-Forward-Erlebnis. Prozesse, die bereits in der Wirtschaft angelegt waren, werden nun stark beschleunigt.

    So ist vor allem die Bedeutung der Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft in Coronazeiten unübersehbar geworden. Unternehmen, aber auch Bildungseinrichtungen, die bereits eine belastbare digitale Struktur vorweisen können, kommen besser durch die Krise als jene, die noch keine solche Struktur haben.

    Finaler Durchbruch für den 3D-Druck

    Und sie sind fitter für eine Zukunft, die deutlich höhere digitale Anforderungen stellen wird. Gleiches gilt für Unternehmen und den gesamten Bereich des Internets der Dinge.
    Ein weiterer Treiber ist der 3D-Druck, mit dem dreidimensionale Gegenstände produziert werden können.

    Deutschland kann durchaus stolz sein auf seine eigenen Entwicklungen in diesem Hightech-Bereich. Dennoch hat die Technologie in den vergangenen Jahren nur schrittweise an Bedeutung gewonnen. Im Lichte der durch die Pandemie schlagartig erhellten Problematik weltweiter, störanfälliger Lieferketten sollte dem 3D-Druck nun in Deutschland und Europa der finale Durchbruch gelingen. Schließlich ermöglichen die digitale Schnittstelle der 3D-Drucker und der automatisierte Fertigungsprozess dezentrale Produktion.

    Spricht man in diesen Tagen mit Unternehmern, so hört man oft die Klage, das Krisenmanagement nehme fast ihre gesamte Arbeitskraft in Anspruch. Das ist angesichts der derzeitigen Ausnahmesituation und der bevorstehenden tiefen Rezession auch nachvollziehbar.

    Allerdings würde ja gerade die Kooperation von Industrie und Start-ups das Krisenmanagement erleichtern. Die Industrie sollte sich hier deutsche Familienunternehmen zum Vorbild nehmen. Zwischen ihnen und Start-up-Unternehmen funktionieren die Schnittstellen häufig bereits sehr gut.

    Deutschland muss europäisch denken

    Beide Seiten profitieren dabei von der regionalen Wirtschaftsstruktur Deutschlands, die „Nähe“ erlaubt. In Frankreich und Großbritannien hingegen konzentriert sich die Innovationstätigkeit auf wenige Zentren.

    Trotz dieses Vorteils sollte ein Punkt nicht übersehen werden: Selbst Deutschland als stärkste Volkswirtschaft des Kontinents ist bei Innovationen auf die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ländern, Universitäten und Forschungsinstituten angewiesen.

    Allein auf sich gestellt, hätte Deutschland im geopolitischen Rennen um Schlüsseltechnologien gegen die Giganten USA und China nur Außenseiterchancen. Dazu braucht es schon Europa. Daher ist es gut, dass der Europäische Innovationsrat noch in diesem Monat einen dreistelligen Millionenbetrag bereitstellt, um Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen bei der Entwicklung und Einführung innovativer Lösungen in der Coronakrise zu unterstützen.

    Außerdem werden hochwertige Bewerber, die der Innovationsrat nicht finanzieren kann, mit einem speziellen Exzellenzsiegel ausgestattet, um eine andere Finanzierung zu ermöglichen.

    Wir sollten nicht nationalstaatlich, sondern europäisch denken. Wir müssen Wissen zusammenbringen und dürfen uns nicht in nationalen Quarantänen abschotten.

    Mehr: Softbank-Ausgründung SBI plant Millioneninvestments in europäische Start-ups.

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