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Analyse-Serie: „Global Challenges“ Corona und das Ende des deutschen Geschäftsmodells

Die Coronakrise stellt das deutsche Modell des exportgetriebenen Wachstums auf den Prüfstand und könnte ein nachhaltiger Strukturbruch sein.
28.05.2020 - 08:39 Uhr Kommentieren
Laut einer aktuellen Umfrage will jedes dritte Unternehmen in Deutschland nach den jüngsten Erfahrungen Lieferketten umstrukturieren. Quelle: dpa
Export

Laut einer aktuellen Umfrage will jedes dritte Unternehmen in Deutschland nach den jüngsten Erfahrungen Lieferketten umstrukturieren.

(Foto: dpa)

Viele Jahrzehnte ist Deutschland gut damit gefahren, die Welt mit leistungsstarken Autos und hochwertigen Maschinen zu versorgen. Dank überragender technologischer Wettbewerbsfähigkeit prägt die deutsche Volkswirtschaft bis heute ein großer, stark exportorientierter Industriesektor, in dem jeder vierte Erwerbstätige beschäftigt ist.

Seit den 1950er-Jahren kamen entscheidende Impulse für hohe Wachstumsraten und konjunkturelle Erholungen durchweg von der kräftigen Ausfuhr. Der Ökonom Hans-Werner Sinn sprach deshalb von einer deutschen Wirtschaft, die „wie ein Korken auf der Weltkonjunktur schwimmt“.

Mit keinem anderen Land vergleichbar, trimmte die hiesige Industrie ihre Produktion auf Effizienz, um trotz hoher Arbeitskosten ordentliche Gewinne erzielen zu können.

Konsequenterweise wurden viele Komponenten an Zulieferer aus Niedriglohnländern outgesourct – entsprechend intensiv ist die Bundesrepublik in die internationale Arbeitsteilung integriert. Kein Staat hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 so stark von dem massiven Globalisierungsschub profitiert wie Deutschland.

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    Vor diesem historischen Hintergrund scheint aus Sicht vieler Bürger und Politiker exportgetriebenes Wachstum „werthaltiger“ zu sein als ein Wirtschaftsplus, das auf privatem und staatlichem Konsum beruht. Lange trug man hierzulande den Titel „Exportweltmeister“ wie eine Monstranz vor sich her.

    Kritik an den chronisch überhöhten deutschen Leistungsbilanzüberschüssen wurde und wird oft als ketzerisch zurückgewiesen, ob sie nun von anderen Staaten der Europäischen Union kommt, dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank.

    Dabei ist die Kritik durchaus berechtigt. Denn die Überschüsse bedeuten nichts anderes, als dass in Deutschland verdientes Geld im Ausland angelegt wird, statt es im Inland für Investitionen oder Konsum zu nutzen. Gleichzeitig stehen Defizitländern mehr Mittel zur Verfügung, als es ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit entspricht. Das wird zum Problem, wenn diese Länder dauerhaft über ihre Verhältnisse leben – Südeuropa lässt grüßen.

    Zu Beginn der vom Corona-Shutdown ausgelösten weltweiten Rezession hofften viele Ökonomen, der von 2009 bis 2019 anhaltende Aufschwung werde nur von einem kurzen, heftigen Einbruch abgelöst, den man schon im kommenden Jahr wieder kompensieren könnte.

    Derzeit ist die Hoffnung auf einen V-förmigen Verlauf allerdings der Erkenntnis gewichen, die gesamtwirtschaftlichen Verluste nicht vor Mitte 2022 aufholen zu können. An die Stelle des V ist ein weites U getreten.

    Nachhaltiger Strukturbruch durch Coronakrise

    Es spricht zwar wenig dagegen, dass Deutschland die bevorstehende tiefe Rezession schneller als andere große EU-Länder oder die USA hinter sich lassen wird.

    Dennoch dürfte das einst so erfolgreiche deutsche Modell exportgetriebenen Wachstums künftig nicht mehr wie gewohnt funktionieren. Denn vieles deutet auf einen nachhaltigen Strukturbruch hin.

    Zum einen hat die Dynamik des Welthandels schon seit Jahren deutlich abgenommen – nun lässt die Corona-Pandemie auch noch die tiefe Verletzlichkeit vieler Volkswirtschaften wie unter einem Brennglas vergrößert zutage treten. Die Verletzlichkeit war und ist umso größer, je intensiver die Unternehmen auf offene Absatzkanäle und grenzüberschreitende Zulieferungen angewiesen sind.

    Es überrascht daher nicht, dass laut einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung EY in Deutschland mehr als jedes dritte Unternehmen nach den jüngsten Erfahrungen Lieferketten umstrukturieren und so die Liefersicherheit erhöhen will. Die Konsequenz: Gerade deutsche Unternehmen werden künftig weniger profitabel arbeiten.

    Zum anderen hat sich die deutsche Automobilwirtschaft viel zu lange auf ihren früheren Erfolgen ausgeruht, zu zögerlich neuen Mobilitätskonzepten zugewandt und so ihre internationale Vormachtstellung aufs Spiel gesetzt. Der Ruf nach staatlichen Subventionen wirkt umso hilfloser, als das Führungspersonal gerade dieser Branche in jüngster Vergangenheit viel Reputation verspielt hat.

    Drittens laufen Deutschland und die Europäische Union Gefahr, im Ringen der USA mit China um die globale ökonomische Vorherrschaft marginalisiert zu werden – zumal Corona wie ein Brandbeschleuniger im bislang nur schwelenden Wirtschaftskrieg zwischen Washington und Peking wirkt.

    Die beiden Hegemonialmächte werden ihren Handelspartnern neue Spielregeln diktieren und vor allem eigene Interessen verfolgen: America first, China first. Wie nach dem Ersten Weltkrieg droht eine lange Phase der Deglobalisierung – oder deutlicher: des Protektionismus.

    Wahrscheinlich ist, dass die USA künftig verstärkt auf selektive Einfuhrverbote setzen werden. So könnten sie ausländische Unternehmen, die weiter Produkte auf dem weltgrößten Absatzmarkt verkaufen wollen, zwingen, den Regierungswünschen entsprechend in den USA zu investieren.

    Washington würde dabei zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Realkapitalausstattung des Landes könnte modernisiert und zugleich die eigene Importabhängigkeit verringert werden.

    Peking wiederum ist dabei, mit seinem neomerkantilistischen Projekt der „Neuen Seidenstraße“ ein weltweites Netz von Produktionsstandorten und Absatzmärkten zu knüpfen, das vor allem dem Vorteil Chinas dienen soll.

    Zusammengenommen laufen diese Entwicklungen darauf hinaus, dass der freie Welthandel zugunsten einer bipolaren Wirtschaftsordnung deutlich an Bedeutung verlieren wird. Damit aber nimmt die Zukunftsfähigkeit des auf freie Märkte setzenden deutschen Geschäftsmodells rapide ab.

    Hat Deutschland diese Gefahr erkannt? Der jüngste Vorstoß von Kanzlerin Angela Merkel, den von Corona besonders stark betroffenen EU-Staaten 500 Milliarden Euro als nicht rückzahlbare Hilfen gewähren zu wollen, die langfristig aus dem EU-Haushalt zu tilgen wären, deutet darauf hin.

    Der Vorstoß zielt klar über die Idee der Vergemeinschaftung von Schulden hinaus auf eine stärkere politische Integration der Staatengemeinschaft. Tatsächlich wäre die forcierte wirtschaftliche und politische Integration Europas ein Stück weit Ersatz für das kriselnde Exportmodell seines stärksten Mitglieds – und für den alten Kontinent wohl auch die letzte Chance, im geopolitischen Ringen der beiden Supermächte nicht unterzugehen.

    Mehr: Wie eine Corona-Ökonomie aussehen muss, lesen Sie im im Gastkommentar von Hans-Werner Sinn.

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