Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Analyse – Serie „Global Challenges“ Europa muss amerikanischer werden

Die Welt sortiert sich neu. Der alte Kontinent sollte jetzt aus Fehlern lernen, um mit gestärktem Selbstbewusstsein auf die weltpolitische Bühne zu treten.
20.02.2020 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Die USA und Europa sollten wieder erkennen, dass ihre grundsätzlichen Gemeinsamkeiten viel tiefer wurzeln als die zahllosen oberflächlichen Unterschiede. Quelle: dpa
US und EU-Fahnen

Die USA und Europa sollten wieder erkennen, dass ihre grundsätzlichen Gemeinsamkeiten viel tiefer wurzeln als die zahllosen oberflächlichen Unterschiede.

(Foto: dpa)

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz prallten jüngst zwei Welten aufeinander. Empört wies US-Außenminister Pompeo den Vorwurf von Bundespräsident Steinmeier zurück, Washington habe sich vom Multilateralismus verabschiedet und der Idee einer internationalen Gemeinschaft „eine Absage erteilt“.

In Wirklichkeit, konterte Pompeo, verzichte Amerika weder auf Führung noch befinde sich der westliche Multilateralismus in einer Krise. Im Kampf der Systeme garantierten vielmehr gerade die USA, dass „der Westen gewinnt“.

Pompeos verbaler Triumphalismus kann indes über eine fundamentale Erkenntnis nicht hinwegtäuschen: Schon seit geraumer Zeit stecken die USA in einem Dilemma.

Will Amerika im Zeichen des globalen ökonomischen Wettbewerbs seine eigenen Ressourcen nicht überstrapazieren, kann es nur noch eine seiner zwei traditionellen Rollen spielen: entweder Schutzmacht der liberalen Weltordnung bleiben oder seine Stellung als weltweit führende Volkswirtschaft verteidigen. Ausdruck dieses Dilemmas ist die weitverbreitete Furcht vor einem „imperial overstretch“, die Sorge vor einer imperialen Überdehnung.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Deshalb zieht Washington sich verstärkt aus internationalen Abkommen zurück, stellt Bündnisse infrage und richtet seine Politik zunehmend auf die asiatischen Herausforderungen aus. Dieser Prozess hat lange vor Donald Trumps Amtsantritt begonnen – und wird über seine Präsidentschaft hinaus Bestand haben.

    Denn globale politisch-militärische Verantwortung ist für die USA angesichts des geopolitischen Richtungswechsels kein Vorteil mehr, sondern ein Nachteil. Die transatlantischen Beziehungen jedenfalls werden nie mehr so werden, wie sie einmal waren.

    Allianzen nicht in Stein gemeißelt

    Den USA ist längst aufgegangen, dass sie eine „pazifische Nation“ sind – eine Formulierung, die sowohl George W. Bush als auch Barack Obama während ihrer Präsidentschaften gern benutzten. Schon 2007 schrieb der damalige Präsidentschaftskandidat Obama, er würde „die Bündnisse, Partnerschaften und Institutionen umgestalten, die zur Bewältigung gemeinsamer Bedrohungen und zur Verbesserung der gemeinsamen Sicherheit notwendig sind“ und in diesem Zusammenhang auch „neue Bündnisse und Partnerschaften in anderen wichtigen Regionen aufbauen“.

    Verbindungen und Allianzen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs jahrzehntelang die „westliche Welt“ prägten, waren eben nie in Stein gemeißelt. Das gilt umso mehr für die Welt des 21. Jahrhunderts, in der die beiden geopolitischen Antipoden USA und China die internationale Bühne dominieren.

    Anders als Trump wusste Obama jedoch: Die Prioritätenverschiebung der US-Politik würde ein Machtvakuum schaffen, das mit neuen Verträgen und Partnerschaften gefüllt werden wollte. Trump hält das alles für überflüssig. Für ihn ist die Welt nur eine Arena, in der sich der Stärkere durchsetzt.

    Mit dieser vulgärdarwinistischen Sicht der Dinge setzt der US-Präsident allerdings etwas Einzigartiges aufs Spiel: Bislang hatten die Vereinigten Staaten westliche Partner, Alliierte und Freunde. Erst die Fähigkeit zu Bündnissen und dauerhaften Allianzen multiplizierte ja die Kraft und Macht der USA.

    Autoritäre Staaten wie China und Russland hingegen kennen keine Partner und erst recht keine Freunde. In ihrer Geopolitik geht es allein um den Sieg, es gibt nur Gewinner und Verlierer. Unter Trump haben die USA einen vergleichbaren Kurs eingeschlagen.

    Europa sieht sich also mit einem gefährlichen Verständnis von Politik konfrontiert – aus Sicht der USA, Chinas und Russlands sind alle anderen Staaten bestenfalls noch strategische Manövriermasse. Gleichzeitig legt die erodierende Nachkriegsordnung schonungslos die Schwächen des alten Kontinents offen: Weil die Rolle der USA, den Westen zu schützen, viel zu lange als „naturgegeben“ angesehen wurde, ist Europa heute nicht in der Lage, auf der politischen Weltbühne eine tragende Rolle zu spielen.

    Das gilt auch für die digital getriebene Weltwirtschaft. Weder der Europäischen Union noch ihren Einzelstaaten ist es bislang gelungen, eigene Strategien für die zwei gegenläufigen Megatrends unserer Zeit zu entwickeln: Einerseits bewirkt das global orientierte Wachstumsstreben der großen Tech-Konzerne eine Harmonisierung des gesamten Wirtschaftsraums.

    Andererseits aber führt die Strategie chinesischer Konzerne zu einer Polarisierung des Tech-Sektors, wie die Kontroverse um Huawei und die geplante Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G zeigt. Europa ist in diesem Spannungsfeld als Gestalter und Einflussnehmer mehr oder weniger bedeutungslos.

    Neue Weltwährung?

    So formuliert der US-Internetkonzern Facebook inzwischen den Anspruch, auf der Grundlage gewaltiger Nutzerzahlen und Datenakkumulationen eine neue Weltwährung zu schaffen. Das chinesische Unternehmen Alibaba wiederum hat den größten globalen Zahlungsdienst und die weltweit bedeutendste Handelsplattform für Geschäfte zwischen Unternehmen (B2B) aufgebaut. Der alte Kontinent aber steht bloß am Spielfeldrand.

    In der digitalen Weltwirtschaft hat Europa sich zur reinen Anwendergesellschaft degradieren lassen, deren Wahlmöglichkeiten darauf beschränkt sind, sich zwischen verschiedenen Payment- oder Cloudlösungen zu entscheiden. Der Preis dafür ist hoch: Er wird bezahlt mit einem Verlust an Autonomie, Sicherheit und gesunkener außenpolitischer Bedeutung.

    Denn die globale Relevanz Deutschlands und Europas leitet sich heute eben nicht mehr in erster Linie aus dem humanistischen Erbe, den Errungenschaften der Aufklärung und den Integrationsleistungen nach zwei Weltkriegen ab. Globale Bedeutung basiert jetzt vor allem auf wirtschaftlicher Stärke. Weder der technologische Harmonisierungs- noch der geopolitische Polarisierungsprozess spielt Europa in die Karten.

    Wir glauben zwar an die europäische Idee und daran, dass statt Konflikt und Abschreckung Kooperation und gegenseitiger Respekt die Grundlage für Frieden und Wohlstand bilden. Wir glauben auch an Bündnisse und Verträge. Doch genau hier beginnt unser großes Dilemma: Europa kann die Welt nur nach seinen Prinzipien und Vorstellungen verändern, wenn es die globale Realität des politischen Machtkampfs und das Hegemoniestreben in der digital getriebenen Weltwirtschaft anerkennt – mithin seine Rolle als Akteur in einem Spiel sucht, das der alte Kontinent eigentlich verachtet.

    Zugespitzt formuliert: Europa muss bei der Durchsetzung seiner Interessen amerikanischer werden. Und die USA müssen ihre europäischen Wurzeln wiederentdecken. Es wird keine unilateralen Antworten mehr geben auf die Klimakrise, wirtschaftliche Disruption, Migrationsbewegungen und mögliche globale Rezessionen.

    Die Verschiebungen in der weltweiten Machttektonik haben das Spiel „bowling alone“ auf beiden Seiten des Atlantiks in ein gefährliches Abenteuer verwandelt. Trotz Trump müssen die USA und Europa wieder erkennen, dass ihre grundsätzlichen Gemeinsamkeiten viel tiefer wurzeln als die zahllosen oberflächlichen Unterschiede. Wir mögen oft das Problem des jeweils anderen sein. Doch viel öfter noch könnten wir gemeinsam die Lösung finden.

    Mehr: Wie der alte Kontinent Europa gegen die USA und das aufstrebende China seine Interessen zur Geltung bringen kann. Ein Beitrag aus der neuen Reihe „Global Challenges“

    Startseite
    Mehr zu: Analyse – Serie „Global Challenges“ - Europa muss amerikanischer werden
    1 Kommentar zu "Analyse – Serie „Global Challenges“: Europa muss amerikanischer werden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • ich stimme dieser Analyse zu...das Grund Dilemma der Menschheit: Im Wettbewerb gegeneinander solidarisch zueinander finden...dieses Grund Dilemma muss besser verstanden und aufgelöst werden. Amen ;-)

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%