Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Analyse US-Konjunktur: Trump schlägt sich selbst

Rezession? Nicht mit den USA. Gegen alle Prognosen bleibt die US-Wirtschaft unter Dampf. Zum Problem könnte ausgerechnet der Verursacher werden: Donald Trump.
5 Kommentare
Der US-Präsident bei einem Besuch des Industriebetriebs Derco in Milwaukee. Quelle: dpa
Donald Trump

Der US-Präsident bei einem Besuch des Industriebetriebs Derco in Milwaukee.

(Foto: dpa)

New York, Washington, Frankfurt Es war Ende Oktober 2016, als die Frage unter Ökonomen und Investoren plötzlich ernsthaft diskutiert wurde: Was passiert, wenn nicht Hillary Clinton, sondern Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewinnt? Die Antwort, da waren sich fast alle einig, würde nicht positiv ausfallen.

„Die Aktienmärkte werden wahrscheinlich einbrechen und die Welt in eine Rezession schicken“, argumentierte Simon Johnson, Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) nur wenige Tage vor der Wahl. Trumps Einstellungen zur Handelspolitik „würden einen starken Abschwung verursachen“, so der MIT-Experte weiter. Dadurch würde auch die fragile Wirtschaft in Europa in eine Rezession stürzen.

Johnson war nicht allein. Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup, sah es ganz ähnlich. Sollte Trump gewinnen, würde das die US-Wirtschaft ein knappes Prozentpunkt Wachstum kosten, schrieb er in einer Analyse. Ethan Harris, Chefökonom der Bank of America, prophezeite eine L-förmige Bewegung an den Märkten: zuerst steil nach unten und dann seitwärts auf niedrigem Niveau. Noch in der Wahlnacht fielen die Preise der Futures auf den Aktienindex S&P 500 um fünf Prozent und erreichten die maximale Schwankungsbreite. Der erste Handelstag nach der Wahl sollte tiefrot starten.

Doch es kam anders. Die Aktienmärkte drehten ins Plus, der S&P schloss gar auf einem Rekordhoch. Die US-Wirtschaft feiert in diesem Monat den längsten Aufschwung seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1854. Im zweiten Quartal 2019 lag die Arbeitslosigkeit bei 3,6 Prozent, dem niedrigsten Wert seit einem halben Jahrhundert.

Trump hat das eingehalten, was er im Wahlkampf versprochen hat: Steuern runter, Schulden rauf. Die Aktienmärkte erreichten Anfang vergangener Woche schon wieder einen neuen Höchststand. Die gewagte Wirtschaftspolitik des Republikaners ist, bei aller Kritik an seinen politischen Entscheidungen und seiner Rhetorik, bislang aufgegangen.

„Rückkehr der US-Industrie“

Wenn Trump in diesen Tagen durchs Land reist, ist der anhaltende Aufschwung eine seiner wichtigsten Botschaften. Mitte Juli trat der US-Präsident beim Luft- und Raumfahrtproduzenten Derco in Milwaukee auf, einer Tochterfirma des Rüstungskonzerns Lockheed Martin. 250 Mitarbeiter jubelten ihm zu, als er zur Schmalzballade „God bless the USA“ die Bühne in einer mit blauen Stoffbannern dekorierten Werkshalle betrat.

„Wir tun alles, um die Fließbänder voll ausgelastet zu halten“, rief Trump und pries die „triumphale Rückkehr der amerikanischen Industrie“. Die Welt blicke „neidisch auf unsere Wirtschaft, wir werden nicht mehr ausgelacht und verspottet“. Und jeden Tag, sagte er zum Abschied, „bauen Sie die grenzenlose Zukunft unserer Nation auf, mit amerikanischen Händen, amerikanischen Herzen und amerikanischem Stahl“.

Trump hat sich über seine vielen Kritiker hinweggesetzt. Ende 2017 noch drückte seine Partei umfassende Steuersenkungen durch. Und das, obwohl die Wirtschaft eigentlich gar keinen zusätzlichen Anschub brauchte. Der befürchtete Anstieg der Inflation blieb aus, obwohl die Senkung des Unternehmensteuersatzes und andere Erleichterungen den Staat jedes Jahr Milliarden kosten.

Die Inflation lag zuletzt bei 1,6 Prozent – und damit weiterhin deutlich unter dem avisierten Zwei-Prozent-Ziel. Das kommt dem US-Präsidenten zugute. Nach einem zwischenzeitlichen Aufschwung sind auch die langfristigen Zinsen wieder auf dem niedrigen Niveau von rund zwei Prozent.

Selbst Trump-Kritiker wie Larry Summers und Olivier Blanchard gehen davon aus, dass die USA daher mehr Staatsverschuldung vertragen als früher. Jan Hatzius, Chefökonom von Goldman Sachs, sieht weder für dieses noch für das kommende Jahr eine Rezession in den USA.

Doch das größte Risiko für die Wirtschaft ist ausgerechnet der Präsident selbst. Der anhaltende Handelsstreit mit China hält Märkte und Unternehmen in Atem. Unternehmen aus dem Ausland spülen weniger Kapital in die USA, zuletzt gingen die Direktinvestitionen um 13 Prozent zurück.

Vor allem das verarbeitende Gewerbe, das für Importschranken besonders anfällig ist, scheint unter dem Handelskrieg zu leiden. Die jüngsten Jobzuwächse speisten sich zum Großteil aus der Serviceindustrie, im produzierenden Gewerbe hingegen verlangsamten sich die Neueinstellungen. Auch die Auftragslage – ein Indikator für die Nachfrage nach amerikanischen Gütern – sank im Juni auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahren.

Bisher scheint sich die Miniflaute auf das verarbeitende Gewerbe zu beschränken, trotzdem macht sich Trumps Handelskrieg vielfältig bemerkbar. Produktionskosten klettern, Verbraucherpreise steigen, Bauern verlieren aufgrund von Vergeltungszöllen ihre Exportmärkte. Und ein Ende der Protektionismusspirale scheint nicht in Sicht. Erst am Dienstag vergangener Woche schürte Trump Ängste vor einer Eskalation. Amerika und China seien noch weit von einer Einigung entfernt, sagte er am Rande einer Kabinettssitzung. Damit kippte die Stimmung an den Märkten.

Hilft die Notenbank?

Unterstützung für seinen wirtschaftlichen Kurs könnte er Ende des Monats ausgerechnet von US-Notenbankchef Jay Powell bekommen, den er seit gut einem Jahr immer wieder dazu drängt, die Zinsen zu senken. Nach schwachen Arbeitslosenzahlen im Mai und überraschenden Zolldrohungen gegenüber Mexiko signalisierte Powell die Bereitschaft, zum ersten Mal seit der Finanzkrise die Zinsen wieder zu senken.

Die Fed hatte, anders als die EZB, bereits Ende 2015 wieder damit angefangen, die Zinsen schrittweise anzuheben, nachdem sie in der Krise auf null gesenkt wurden. Sie liegen derzeit bei einer Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent. Die Fed „wird sich so verhalten, wie es nötig ist, um den Aufschwung aufrechtzuerhalten“, betonte Powell bei einem Auftritt in Paris.

Der Ausblick auf die Wirtschaft sei vor allem wegen der Entwicklungen im globalen Handel unsicherer geworden, das Wachstum in anderen Teilen der Welt habe sich abgeschwächt. Auch hätten einige Notenbanker „Bedenken über eine anhaltend schwache Inflation“ geäußert. Marktteilnehmer halten eine Zinssenkung bei der Sitzung am 31. Juli für sicher.

Das könnte Trump auch einen großen Vorteil für den nächsten Präsidentschaftswahlkampf bescheren. Denn einerseits braucht er den Handelsstreit, um sich als Vorkämpfer für die USA zu profilieren. Die Strafzölle, einst als temporäres Druckmittel gedacht, sind inzwischen Dauerzustand im Streit mit China, Mexiko, der EU und Japan.

Beobachter gehen davon aus, dass er, selbst wenn es an einer Stelle eine Einigung geben wird, an anderer Stelle einen neuen Angriff startet. Rückenwind von der Fed ist daher willkommen. Immer noch gilt eine starke Wirtschaft als wichtige Voraussetzung dafür, den Platz im Weißen Haus verteidigen zu können.

In das Wahljahr 2020 dürfte Trump trotz einiger Warnsignale durch den Handelskrieg selbstbewusst gehen. Zumindest die Aktienmärkte glaubt der Präsident längst für sich eingenommen zu haben. „Die Trump-Wirtschaft stellt einen Rekord nach dem anderen auf“, twitterte er im Juni. „Wenn aber jemand anderes als ich im Jahr 2020 das Ruder übernehmen sollte, werden die Märkte zusammenbrechen.“

Mehr: Deutschland fehlt ein klares Konzept, wie es seine Macht Europa zur Verfügung stellen könnte. Vor allem an Deutschland liegt es, die transatlantische Gemeinschaft zu erneuern. Das wird mehr Geld und vor allem einen Mentalitätswandel erfordern.

Startseite

Mehr zu: Analyse - US-Konjunktur: Trump schlägt sich selbst

5 Kommentare zu "Analyse: US-Konjunktur: Trump schlägt sich selbst"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Gib jedem Europäer eine Kreditkarte mit 100.000 €. Dann dampft es in Europa gewaltig und vielleicht so stark, dann würden die Europäer sogar das Ozonloch wegdampfen....

  • Das typische Trump-Bashing einzelner Handelsblatt-Journalisten.

  • @ Hans Henseler
    "Die Voraussagen der Oekonomen sind immer unsicher, wenn sie sich auf die Zukunft
    beziehen. VWL ist keine exakte Wissenschaft."

    Chapeau, Herr Henseler. Genau so ist es.
    Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Ökonomie ist nämlich: "Die Zukunft ist UNGEWISS."
    Und die Implikationen dieser Ungewissheit sind den Allerwenigsten überhaupt bewusst. Weil die Zukunft nämlich ungewiss ist, SPAREN die Menschen beispielsweise überhaupt. Man kann eben nicht wissen, wann die Waschmaschine oder die Heizung kaputt geht, ob man krank wird und teure Medikamente braucht oder sogar pflegebedürftig wird usw. usf.
    Würden alle Menschen exakt wissen, wann sie wieviel Geld benötigten und niemand würde mehr Rücklagen "für schlechte Zeiten" bilden", dann würde es sogar überhaupt kein funktionierendes Geldsystem geben können, weil die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes explodieren würde.
    Und weil die Ökonomie keine exakte Wissenschaft ist - vielmehr eine Sozial- und eben keine Naturwissenschaft - leiden viele Ökonomen unter Minderwertigkeitsgefühlen. Das Resultat dieser Minderwertigkeitsgefühle war u.a. das Bestreben der meisten Schulen, sie etwa durch mathematische Formulierungen zumindest als "exakte Wissenschaft" bei den Laien erscheinen zu lassen.

  • Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Die Voraussagen der Oekonomen sind immer unsicher, wenn sie sich auf die Zukunft
    beziehen. VWL ist keine exakte Wissenschaft.

Serviceangebote