Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident hat die Notenbank des Landes mehrfach angegriffen.

(Foto: dpa)

Analyse Warum die türkische Wirtschaft von Steuersenkungen profitiert

Die türkische Führung will mit marktfreundlichen Maßnahmen die Inflation bekämpfen und das Wachstum ankurbeln. Das wird vor allem inländischen Firmen nützen.
Kommentieren

IstanbulWer sich in diesem Jahr über die türkische Wirtschaft informiert hat, der konnte fast jede Woche eine neue Schlagzeile lesen. Alle waren negativ. Mal ging es um Präsident Erdogan, der sich in die unabhängige Notenbank einmischen wollte; mal um ein Rekordwachstum im Jahr zuvor, verbunden mit Rezessionsängsten für das kommende Jahr; mal um die grassierende Inflation, die zuletzt auf 24,5 Prozent gestiegen war; oft um die taumelnde Landeswährung Lira.

Und mehrfach ging es um mehr oder weniger konkrete Maßnahmen aus dem türkischen Finanzministerium, um all die negativen Entwicklungen abzumildern. An diesem Mittwoch hat Finanzminister Albayrak dann endlich geliefert.

Die türkische Regierung will sich mit umfangreichen Steuersenkungen gegen die ausufernde Inflation im Land stemmen. In mehreren Branchen wie der Autoindustrie sowie bei Haushaltsgeräten und Möbeln würden die Sätze reduziert, kündigte Finanzminister Berat Albayrak, der Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, an.

Die Regierung werde auch weiterhin Schritte einleiten, um die Inflation zu drücken. Das Schlimmste sei bereits überstanden, meinte Albayrak. Die Teuerungsrate war im September auf 24,5 Prozent geklettert – den höchsten Stand seit 15 Jahren.

Die Maßnahmen kommen spät, aber sie wirken. Die türkische Wirtschaft, die zuletzt stark unter den Entwicklungen am Finanzmarkt gelitten hatte, atmet auf – und könnte am Ende als Sieger hervorgehen.

Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung im Vergleich zum Dollar rund ein Drittel ihres Werts eingebüßt. So werden in Euro oder Dollar abgerechnete Importe teurer, was die Inflation anheizt.

Unter anderem hat die scharfe Kritik von Erdogan an den Märkten Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank aufkommen lassen. Diese hatte im September im Kampf gegen die Inflation ihren Leitzins von 17,75 auf 24 Prozent angehoben.

Die Pläne des Finanzministers kommen spät, für manchen zu spät. Doch am Ende könnte das Vorgehen sogar nützen – zumindest exportorientierten türkischen Firmen. Das Kalkül: Die schwache Währung hat Importe zuletzt drastisch verteuert. In der Folge haben viele Konsumenten angefangen, mehr lokale Produkte einzukaufen, und den Urlaub an den Stränden in der Heimat verbracht.

Die Folge dieser Importsubstitution zeigt sich in Ansätzen schon jetzt. Lange hat die Türkei über ihre Verhältnisse gelebt, viel mehr importiert als exportiert. Im September ist dieses Handelsdefizit jedoch um 77 Prozent gefallen.

In dem Monat sind die Exporte um 22,4 Prozent auf 14,45 Milliarden Dollar gestiegen, die Importe um 18,3 Prozent auf 16,3 Milliarden Dollar gesunken. Das Defizit beträgt 1,87 Milliarden Dollar, verglichen mit 8,17 Milliarden Dollar im Vorjahresmonat.

Die Börse reagiert wie immer umgehend. Der Aktienkurs des Haushaltsgeräte-Herstellers Arcelik legte um fünf Prozent zu. Die Titel der Autobauer Ford Otosan und Tofas gewannen jeweils sieben Prozent. Der Kurs der Landeswährung Lira schwächte sich hingegen gegenüber dem Dollar leicht ab.

Diese Firmen und ihre Mutterkonzerne sind seit jeher in vielen Ländern aktiv, konnten den durch die hohe Inflation induzierten Dämpfer damit auf mehrere Schultern verteilen und aussitzen. Ein Problem bleibt: Die Unternehmen plagen Rekordschulden von rund 300 Milliarden Euro in Auslandswährung. Je schwächer die Lira zu Dollar und Euro notiert, desto teurer werden diese Schulden.

Doch mit der politischen Einigung zwischen Ankara und Washington hat sich die Währungskrise leicht entschärft. In der Spitze hatte die türkische Lira zum Dollar 12-Monats-Vergleich fast 80 Prozent an Wert verloren. Inzwischen hat die Lira wieder an Wert gewonnen. Das Minus beträgt zwar immer noch gut 45 Prozent, ist damit aber weniger gefährlich, als viele im Sommer noch dachten.

Vor der Mitteilung des Finanzministers hatte die Notenbank ihre Inflationsprognose für das laufende Jahr trotzdem deutlich nach oben geschraubt. Sie geht nun von 23,5 Prozent aus. Bislang wurden 13,4 Prozent erwartet.

Für 2019 sei mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um 15,2 statt wie bisher um 9,3 Prozent zu rechnen. Sie erklärte außerdem, ihre Geldpolitik zu überarbeiten, sollte sich an den Inflationsaussichten etwas ändern.

Die jetzt bekannt gewordenen Steuersenkungen werden, was die Inflationserwartungen angeht, jedoch Druck aus dem Kessel nehmen. Auch dass der Ölpreis derzeit nicht weiter ansteigt, dürfte Konsumenten und Inflationsstatistiker im Land beruhigen, ist die Türkei doch auf große Energieimporte angewiesen.

Der staatliche Energieversorger Botas kündigte am Mittwoch an, die Preise für Öl und Gas um neun Prozent zu senken. Auch das wird die Inflation drücken.

Die türkische Führung hat in der Vergangenheit viele Fehler begangen. Die starken Steuererhöhungen der vergangenen Monate haben den Konsum gedämpft und die Inflation angeheizt. Der politische Streit um einen in der Türkei angeklagten US-Pastor hat unnötig viele Investoren abgeschreckt, genau wie Präsident Erdogans Aussagen, die Notenbank stärker kontrollieren zu wollen.

Jetzt hat Finanzminister Albayrak die Not erkannt – und zieht endlich die richtigen Schlüsse daraus.

Mit Material von Reuters

Startseite

Mehr zu: Analyse - Warum die türkische Wirtschaft von Steuersenkungen profitiert

0 Kommentare zu "Analyse: Warum die türkische Wirtschaft von Steuersenkungen profitiert"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%