Analyse zum Inselstreit China lässt die Muskeln spielen

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China verschärft die Rhetorik, Japan liefert den Zündstoff
Im Inselstreit wird auch um die internationale Meinung gekämpft: In der New York Times erschien eine doppelseitige Anzeige, die klar Stellung für China bezieht. Quelle: Reuters

Im Inselstreit wird auch um die internationale Meinung gekämpft: In der New York Times erschien eine doppelseitige Anzeige, die klar Stellung für China bezieht.

(Foto: Reuters)

Mit einem großen Krieg rechnet bisher zwar niemand. Dazu reicht das kriegerische Potenzial Chinas und Japans noch nicht. Aber das Risiko begrenzter wie unbeabsichtigter militärischer Zusammenstöße, die rasch der Kontrolle der Beteiligten entgleiten könnten, steigt sehr wohl. Und die Erfahrung der letzten 20 Jahre legen nahe, dass die Lage noch deutlich brisanter werden könnte.

Da ist zum einen China. Als ich 1991 bis 1993 kurz nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz in der von Japanern aufgebauten nordostchinesischen Hafenstadt Dalian Chinesisch studierte, erlebte ich eine Nation in einer gewissen liberalen Aufbruchsstimmung. Die Menschen kümmerten sich mehr um die wirtschaftliche und individuelle Selbstentfaltung als um nationalistische Rachegedanken und Großmachtsfantasien.

Doch gleichzeitig verstärkte die Führung in Peking erst als ein Gegengift gegen die Demokratiebewegung und dann als Klammer gegen die wachsenden sozialen und politischen Spannungen ihre nationalistische Erziehung. Und als einen Pfeiler des Patriotismus hegte und pflegte sie die Erinnerung an mordlüsterne japanische Eroberer selbst in jungen Herzen.

Die Propaganda kann man getrost als großen Erfolg bezeichnen. Vor zwanzig Jahren schlugen meinen japanischen Kommilitonen zwar hin- und wieder Anfeindungen entgegen. Aber im Großen und Ganzen konnten sie sich sicher fühlen. Ein Jahrzehnt später gestand mir eine junge Kunststudentin in Shanghai, wie sehr sie Japaner hasse. „Ich würde zwar keinen angreifen, aber wenn mich einer nach dem Weg fragt, nicht helfen.“

Voriges Jahr dann, als der Gebietskonflikt um die Felseninseln erneut ausbrach, zerstörten Demonstranten in China schon japanische Autos, Restaurants und Kaufhäuser. Doch in den Internetforen sowie privat schwelgen viele Chinesen von jung bis alt, vom Bauern bis zum hochrangigen Kader schon in der Gewaltfantasie, es den Japanern mal so richtig heimzahlen zu können, quasi stellvertretend für all' die Erniedrigungen, die das einst so glorreiche Reich der Mitte seit dem 19. Jahrhundert durch westliche Mächte erlitten hat.

Dann ist da Japan, ein Land, das nie mit sich und seiner imperialistischen Geschichte ins Reine gekommen ist. Selbst unter aufgeschlossenen jungen Japanern verbreitet sich eine Schlussstrichstimmung. Ist ihre Nation nicht seit dem zweiten Weltkrieg das Muster an Friedfertigkeit? Hat sich die Nation nicht 20 Jahre lang Jahr für Jahr für die Leiden entschuldigt, die ihre Eroberungen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bei den Nachbarn verursacht haben? Und dies ist nun der Dank dafür?

Die Reaktion mag verständlich erscheinen. Doch leider hat die Nation nahezu kollektiv vergessen, dass sie im Gegensatz zu Deutschland eines nie geleistet hat: einen Geschichtskonsens über seine imperialistische Vergangenheit zu erarbeiten. Bis heute warten die Nachbarn auf ein klares Bekenntnis von Japans Establishment, dass die Annexion Koreas und die brutalen Feldzüge in China nicht gerecht waren, dass Japans Soldaten ihr Leben für eine ungerechte Sache ließen.

Stattdessen stellt Japans neuer Ministerpräsident Shinzo Abe, dessen Großvater Minister in Japans Kriegskabinett war, im Frühjahr offen im Parlament in Frage, ob es sich bei der Annexion Koreas um eine Aggression gehandelt habe. Im Herbst strich er als erster Ministerpräsident seit 1994 die jährliche Entschuldigung – und kein Aufschrei der Empörung ging durch das Land. Damit liefert er dem feurigen chinesischen Nationalismus weiterhin Zunder frei Haus.

Deutsche sollten mit Kritik vorsichtig sein
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6 Kommentare zu "Analyse zum Inselstreit: China lässt die Muskeln spielen"

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  • ..............wo sind die erklärenden, einleuchtenden Kommentare zu dem was da in Asien geschieht. Mein Gott wie mager bzw.überhaupt nix (nichts)......
    Nur so viel.....es ist Krieg, kein wirklicher, sondern ein Krieg mit anderen Mitteln. Wieso, warum und wie? Nun, es geht um die psychologische Kriegsführung, also
    der Krieg mit Worten und wenigen Taten. Es geht um die Vorherrschaft in Asien, die die Chinesen für sich in Anspruch nehmen und nehmen wollen. Es ist der alte Traum der Chinesen, die gelbe Rasse, als herrschende, an erster Stelle zu sehen und zu haben. Es wird niemals einen Krieg geben, niemals. Sie haben alle die A-Bombe, also macht man Krieg mit obengenannten Komponenten. Man schauhe nur in eine chinesische Maske (Gesicht). Man kann nichts erkennen, keine Gefühle, keine Regung, was verbirgt sich dahinter? Alles ungewiß. Sie sind ein Meister der psychologischen Kriegsführung, und genau so die Japaner. Also spielen die Chinesen ihre Macht im Gehorchen der gegebenen Vorgaben aus? Ja, so ist es. Es sind Bewegungen in kleinen Schritten, ohne einen Schuß abgeben zu müssen. Wie geht´s weiter? Die Art des Umgangs wird weiter von ihnen betrieben, verfeinert, gedückt, gemahnt, geschoben, um eines Tages sich dort festzusetzen, wo andere auch hinwollten. Also werden sich die Japaner fügen müssen? Vielleicht. Sind diese Inseln im chinesischen Meer weit weg von Japan und schon rein optisch mehr den Chinesen zugehörig sein müssten. Also getöse? Ja, und vor allen Dingen Disziplinierung der anderen beiden Protagonisten, den USA und Japan. Was kann man lernen von den Chinesen? Ausdauer, beharrlichkeit, Zeit zu haben, und zwar ohne Ende..............

  • Wenn deutsche Polit-Banditen sich in Asien einmischen, dann steht Amerika dahinter.
    Amerika möchte Krieg, da sie in Asien hoch verschuldet sind und nicht zahlen möchten. So wie es ein amerikanisches Kind schon zum Ausdruck brachte....wir erinnern uns?

  • Vielleicht sollte man noch einen anderen Aspekt bei den Parallelen hinzuziehen, der in unseren Geschichtsbüchern auch immer gerne vergessen wird.

    Beispiel: Hitler tobte über das Münchner Abkommen, er wollte den Krieg nicht nur, er brauchte ihn, weil er pleite war!

    Jetzt glauben unsere Finanzanalysten ja noch das China super da steht... aber das glauben die immer, selbst wenn die Blase schon platzt. China hat hohe Militärausgaben, eine Immobilienblase und eine Vielzahl von Fehlinvestitionen... da hilft alles was die Nation zusammenschweisst.

    Die USA sind zwar auch pleite, drucken aber ihre Dollars halt einfach nach. Da besteht aktuell kein Handlungsbedarf... aber auch kein Grund nachzugeben.

  • Respekt, Herr Kölling. Das ist der beste Artikel, den ich bisher zum Inselstreit zwischen Japan und China gelesen habe. Vielen Dank für diese unaufgeregte Betrachtung der Fakten.

  • Wehret den Anfaengen !

    Totalitaeren Gesellschaften bitte gleich zeigen, wo es laengsgeht - nur das hilft und beugt vor !

    jos

  • Hab NUN GELESEN GEHABT , dass ES FIRMEN auf der Insel gab . Dann gibt es DOCH BESITZRECHT oder Urkunde das DÜRFEN, wo sind Firmen oder Recht der Firmen hin vererbt , denn . . . .

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