Angriff auf Kurden-Gebiete Türkei beginnt Offensive in Nordsyrien

Türkische Artillerie, Kampfjets und verbündete Rebellen greifen bei der „Operation Olivenzweig“ Afrin im Nordwesten Syriens an. Trotz einiger Risiken hat Präsident Erdogan schon das nächste Ziel im Visier.
Update: 20.01.2018 - 18:09 Uhr Kommentieren
Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), die von der Türkei unterstützt werden, fahren durch die syrische Stadt Azez. Seit Tagen beschießt türkische Artillerie Lager in der kurdischen Enklave Afrin, womöglich als Vorbereitung einer Bodenoffensive. Quelle: dpa
Syrische Kämpfer in Nordsyrien

Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), die von der Türkei unterstützt werden, fahren durch die syrische Stadt Azez. Seit Tagen beschießt türkische Artillerie Lager in der kurdischen Enklave Afrin, womöglich als Vorbereitung einer Bodenoffensive.

(Foto: dpa)

AnkaraDas türkische Militär hat seine Offensive gegen kurdische Truppen im Nordwesten Syriens begonnen. Ziel sei es, Afrin von der kurdischen Unterdrückung zu befreien, teilte der türkische Generalstab am Samstag mit. Die Türkei mache mit der Offensive unter dem Namen „Operation Olivenzweig“ zudem von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch.

Der Einsatz begann offiziell am Samstag um 17 Uhr Ortszeit. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, türkische Kampfjets hätten erste Angriffe auf kurdische Stellungen in Afrin geflogen. Die türkischen Staatsmedien berichteten zudem, dass mit Ankara verbündete syrische Rebellen in den Ort eingedrungen sein.

Die Türkei hat auch Panzer und Soldaten an der Grenze in Stellung gebracht. Ob diese auch einrückten, war zunächst nicht bekannt. Reporter der Nachrichtenagentur AP an der türkischen Grenze konnten am Samstagnachmittag mindestens fünf türkische Jets Richtung Afrin fliegen sehen. Zudem sahen sie einen Konvoi mit Bussen, in denen mutmaßlich mit Ankara verbündete Rebellen saßen. Teil des Konvois waren auch Lkw mit montierten Maschinengewehren.

Seit am Freitag schoss die Türkei mit Artilleriefeuer auf Afrin, nach Angaben des Militärs als Reaktion auf Beschuss durch Kämpfer der syrisch-kurdischen Miliz YPG. Die Regierung in Ankara sieht die YPG als verlängerten Arm der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK an und will verhindern, dass sich die Gruppe entlang der Grenze langfristig Territorium sichert.

Großes politisches Risiko

Die militärische Operation in Afrin birgt für die Türkei großes politisches Risiko, auch wenn zunächst unklar blieb, ob türkische Truppen die Grenze nach Syrien überschritten haben. Dies könnte zu einer direkten Konfrontation mit russischen und auch US-Truppen führen, die im Norden Syriens stationiert sind. Die mit den USA verbündeten Kurden kooperierten in der Vergangenheit auch mit Russland. Schon am Donnerstag soll es Gespräche zwischen türkischen und russischen Vertretern gegeben haben, um eine mögliche Offensive zu „koordinieren“. Das russische Außenministerium rief am Samstag alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Wegen der türkischen Militäroffensive hat Russland seine Truppen aus der nordsyrischen Region um die Stadt Afrin vorerst abgezogen. Man habe sich zu dem Schritt entschlossen, um die Sicherheit der russischen Soldaten zu gewährleisten, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau der Agentur Tass zufolge am Samstag mit. Die Militärpolizei und die sogenannte Gruppe zur Versöhnung der Kriegsparteien sollen ihre Arbeit in der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo fortsetzen, hieß es.

Die Außenminister der Türkei und der USA, Mevlüt Cavusoglu und Rex Tillerson, telefonierten am Samstag, wie die private Nachrichtenagentur Dogan berichtete. Der Inhalt des Gesprächs wurde nicht bekannt.

Aus dem Umfeld der türkischen Regierung heißt es, dass dem türkischen Staatschef Erdoğan das Risiko der Operation bewusst sei. Denn sollten wie schon beim ersten Syrieneinsatz im August 2016 auch dieses Mal viele Soldaten sterben, dürften sich einige Wähler von Erdoğan abwenden. Doch die nun gestartete Operation werde dem Vernehmen nach als Angelegenheit nationaler Sicherheit bewertet – und nicht wie bei Erdoğan üblich aus innenpolitischen Erwägungen. 

Kreisen zufolge rief das Auswärtige Amt alle Beteiligten zu Besonnenheit auf. „Wir sehen mit Sorge nach Nordsyrien“, war am Samstag aus dem Auswärtigen Amt zu hören. Die aufgeheizte Rhetorik und auch der Beschuss über die Grenze, der allerdings nicht neu sei, seien nicht ermutigend. Die Menschen in Nordsyrien litten schon genug – bereits jetzt seien unzählige Menschen auf der Flucht, hieß es weiter. „Der Fokus in Nordsyrien muss auf dem Kampf gegen die von den Vereinten Nationen gelisteten Terror-Gruppen liegen. Vor allem muss die Anstrengung aller endlich darauf abzielen, auf politischer Ebene Fortschritte zu erzielen.“

Nächstes Ziel Manbdisch

In Afrin halten sich Schätzungen zufolge 8000 bis 10.000 YPG-Kämpfer auf. Zudem leben dort rund 800.000 Zivilisten, die zum Teil aus anderen Teilen Syriens geflohen sind. Die Befürchtung ist groß, dass auch viele von ihnen im Kreuzfeuer ums Leben kommen könnten.

Binali Yildirim sagte bei einer Rede in der Stadt Bilecik, das Ziel der Operation sei, die PYD, den politischen Arm der Kurdenmiliz, die PKK und die Terrormiliz Islamischer Staat in Afrin auszulöschen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Offensive werde nicht mit Afrin enden. Nächstes Ziel sei die Stadt Manbidsch, rund 100 Kilometer weiter östlich. Die von der YPG dominierten und von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte hatten Manbidsch 2016 von der Terrormiliz Islamischer Staat erobert. Erdogan sagte, Washington habe sein Zusagen nicht gehalten, die Kurden-Miliz danach wieder zum Verlassen Manbidschs zu zwingen. „Da Versprechen in Bezug auf Manbidsch nicht gehalten wurden, hat niemand das Recht ein Wort zu sagen“, erklärte Erdogan bei einer Rede in der Stadt Kutahya.

Oppositionsführer Kiliçdaroğlu kritisierte, dass für den aktuellen Einsatz eine Übereinkunft etwa mit den USA fehle. Er stellte sich jedoch nicht komplett gegen den Kampfeinsatz, sondern lobte sogar noch das diplomatische Engagement des türkischen Vier-Sterne-Generals Akar, der im Vorfeld bei den Russen für den Einsatz geworben hatte. 

An einer anderen Front, in der Provinz Idlib, eroberte das syrische Militär am Samstag den strategisch wichtigen Stützpunkt Abu Suhur, wie das Staatsfernsehen und die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichteten.

Der Militärflughafen befand sich einst tief innerhalb des Gebiets, das großteils von Rebellen des Al-Kaida-nahen Bündnisses Haiat Tahrir al-Scham kontrolliert wird. Durch die Offensive des syrischen Militärs dort wurden nach Angaben der UN auch mehr als 200.000 Zivilisten aus ihren Häusern vertrieben.

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