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Anhörung im US-Kongress Brett Kavanaugh wird zum Trump-Desaster

Die Befragung des Richterkandidaten zu den Vergewaltigungsvorwürfen wurde ein emotionales Spektakel, das das Land lange nicht vergessen wird. Für Trump wird das zum Problem.
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USA: Richterkandidat Brett Kavanaugh wird zum Trump-Desaster Quelle: AFP
USA

Demonstranten protestieren in Washington gegen Trumps Kandidaten für den US-Supreme Court, Brett Kavanaugh.

(Foto: AFP)

New YorkVor dem Dirksen-Gebäude, einem Seitenkomplex des US-Kongresses, treffen Unterstützer und Gegner von Brett Kavanaugh zusammen. Sobald sich die konkurrierenden Seiten erblicken, wird es laut. „Wir – glauben – ihr! Wir – glauben – ihr!“, rufen die Gegner und schwenken ein Plakat, auf dem Kavanaugh die Freiheitsstatue würgt und zu Boden zwingt.

„Und wir glauben an Fakten!“, brüllen Kavanaughs Unterstützer zurück, sie halten eigene Plakate in der Hand, „I stand with Brett“ oder „Confirm Kavanaugh“. Vorsichtshalber rücken Polizisten mit Spürhunden näher an die Gruppe heran.

Unter normalen Umständen könnte man die Szene als Scharmützel von Aktivisten abtun, die zu viel Zeit haben. Doch die Umstände sind nicht normal. Christine Blasey Ford, eine Psychologie-Professorin aus Kalifornien, erhebt schwere Anschuldigungen sexueller Gewalt gegen Kavanaugh. „Er war es. Zu hundert Prozent“, sagt sie. Kavanaugh, Trumps Wunschkandidat für ein Richteramt im mächtigen Supreme Court, streitet die Vorwürfe ab. „Ich bin unschuldig“, sagt er.

Beide wurden am Donnerstag nacheinander im Justizausschuss des US-Kongresses befragt. Aus der Anhörung wurde ein extrem emotionales Frage-und-Antwort-Spektakel, das das Land lange nicht vergessen wird – und das die Stimmung vor den wichtigen Kongresswahlen prägt.

Im Zeitalter von #MeToo, in dem übergriffige Firmenbosse und Hollywood-Stars stürzen, wird der Skandal um Kavanaugh zunehmend zum politischen Problem von Donald Trump. Längst hätte sein Kandidat für den Obersten Gerichtshof bestätigt werden sollen, doch die Ernennung ist nun ungewisser als je zuvor.

Trump inszenierte Kavanaughs Nominierung im Juli wie eine Show und feierte ihn auf großer Bühne im Weißen Haus. „Er wird die Kronjuwelen unserer Nation, unsere Verfassung, schützen“, sagte Trump damals.

„Er war es. Zu hundert Prozent.“ Quelle: dpa
Christine Blasey Ford

„Er war es. Zu hundert Prozent.“

(Foto: dpa)

Davon ist für den Moment nichts übrig. Sein Wunschkandidat – schuldig oder nicht – ist ein gebrochener Mann. Kavanaugh gab am Donnerstag vor laufenden Kameras Auskunft über Bier-Vorlieben, über Furzwitze aus seinem Schülerkalender, und darüber, ob er zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Übergriffs noch Jungfrau war. Sollte Kavanaugh nun der Rückhalt republikanischer Senatoren wegbrechen, ist auch Trump maximal blamiert.

Außerdem ist der US-Präsident beim Thema sexuelle Gewalt chronisch angreifbar. Die Debatte um Kavanaugh macht das so deutlich wie nie. Trump braucht im Midterm-Wahljahr die Wählergruppe der Frauen. Schließlich waren sie es, die ihn 2016 ins Amt brachten: Vier von zehn Frauen – und 52 Prozent der weißen Wählerinnen – stimmten bei der Präsidentschaftswahl für ihn. Trotz einer weiblichen Alternative namens Hillary Clinton, und trotz eines Tonbandes, auf dem Trump prahlte, als wohlhabender Mann dürfe man drauf losgrapschen, tatschen, küssen.

Die Vorwürfe von insgesamt 17 Frauen sowie die Schlammschlacht um die Pornodarstellerin Stormy Daniels hat der Gunst weiblicher Wähler bislang nur begrenzt etwas anhaben können. Doch im Zuge der Kavanaugh-Debatte schmolzen die Zustimmungswerte zuletzt dahin. Das ist kurz vor den Kongresswahlen brandgefährlich für Trump und seine Republikaner.

„Ich dachte, er werde mich versehentlich töten“

Anstatt sich über den Wirtschaftsaufschwung zu freuen, diskutiert die Nation gerade über Wahrheiten, Moral und Lügen. Glaubt man Blasey Ford, wurde sie in den Achtzigerjahren in einem Vorort von Washington Opfer eines brutalen Übergriffs von Kavanaugh.

Sie erinnert sich so: Beide liefen sich auf der Highschool-Party eines Klassenkameraden in Maryland über den Weg. Er, damals 17, soll schwer angetrunken gewesen sein und sie aufs Bett gepresst, ihre Kleidung heruntergerissen und ihren Mund mit der flachen Hand zugehalten haben. „Es war schwer für mich zu atmen, und ich dachte, dass Brett mich versehentlich töten würde.“

Anwesende Kumpel standen daneben und lachten, berichtet Blasey Ford im Kongress, ihre Stimme bricht. „Das ist in meiner Erinnerung unauslöschlich.“ Minutenlang spricht sie über das Gejohle. Die Scham. Den Horror. Schließlich gelang ihr die Flucht, doch das Trauma blieb ein Leben lang, samt Panikattacken und Klaustrophobie. „Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er es war“, sagt Blasey Ford vor dem Justizausschuss. Könne sie eine Verwechslung ausschließen? „Absolut.“ Sie stellt überzeugend dar, dass es ihr nicht um Aufmerksamkeit gehe, „sondern um meine Pflicht, die Wahrheit zu sagen“.

„Das ist ein Zirkus.“ Quelle: dpa
Brett Kavanaugh

„Das ist ein Zirkus.“

(Foto: dpa)

Glaubt man Kavanaugh, war er nie auf besagter Party. „Ich habe niemals irgendjemanden sexuell genötigt, nicht in der Highschool, nicht als Erwachsener, niemals.“ Er ziehe nicht in Zweifel, dass Ford in ihrem Leben missbraucht worden sei, „jedoch nicht von mir“. Man solle ihn nicht falsch verstehen, er hege keinen Groll gegen Blasey Ford. Als er von seiner zehnjährigen Tochter erzählt, die vor dem Zubettgehen „für die Frau“ beten wollte, ist es mit seiner Fassung vorbei, Kavanaugh weint und muss unterbrechen.

Er wirft Politik und Medien kalkulierten Rufmord vor. „Das ist ein Zirkus“, sagt er vor dem Justizausschuss. „Meine Familie und mein Name sind vollständig und dauerhaft zerstört... der Prozess meiner Ernennung ist zu einer nationalen Schande geworden.“ Immer wieder kämpft er gegen Tränen und weist die Vorwürfe vehement zurück: „Ich bin unschuldig.“ Er wirkt wütend, aufgewühlt, aber auch entschlossen. Als er seinen Aktenordner lautstark zuklappt, zuckt das Publikum im Anhörungssaal zusammen.

Trump verfolgte die Anhörung im Flugzeug

Das Spektakel weckte Erinnerungen an die Befragung von Anita Hill, die den damaligen Supreme-Court-Kandidaten Clarence Thomas 1991 schwer belastete. Thomas wurde trotzdem ernannt und sitzt bis heute auf der Richterbank. Dieses Mal verfolgten Millionen von US-Bürgern die Anhörung nicht nur im Fernsehen, sondern auch per Livestream und unterwegs auf ihren Smartphones.

Die Senatsgebäude in Washington sind traditionell offen für Besucher, schon in den frühen Morgenstunden zogen sich Schlangen von Menschen durch die Flure. Im Saal selbst fanden nur wenige Dutzend Zuschauer Platz, doch sowohl im Raum als auch unter Wartenden vor der Tür flossen Tränen, als Blasey Ford und Kavanaugh sprachen.

Redet man mit Befürwortern und Gegnern der Ernennung Kavanaughs, tauchten immer wieder ähnliche Fragen auf: Wie kann man Kavanaugh trauen, wenn die Vorwürfe so glaubwürdig, so gefasst vorgetragen wurden? Warum sollte sich eine Frau wie Blasey Ford freiwillig der Tortur einer Medienjagd unterziehen, wenn sie nicht allen Grund dazu hätte?

Aber auch: Warum hat Blasey Ford so lange gewartet, bis sie sich jemandem anvertraute? Wollte hier eine Demokraten-Anhängerin einen konservativen Abtreibungsgegner vom Supreme Court fernhalten?

Und nicht zuletzt: Ist es möglich, dass beide von ihren jeweiligen Wahrheiten überzeugt sind – aber sich einer nach Jahrzehnten schlichtweg falsch erinnert?

Der US-Präsident soll den ersten Teil der Anhörung aus der Air Force One verfolgt haben, er war auf dem Weg von den Vereinten Nationen in New York zurück nach Washington. Im Weißen Haus, schreiben US-Medien, stand die Arbeit still, überall liefen Fernseher mit einer Live-Übertragung.

Für Trump steht viel auf dem Spiel. Kavanaugh ist sein idealer Kandidat, angesehen, konservativ, gläubig. Ein Bonbon für die wichtige Wählergruppe der Evangelikalen, die traditionelle Werte im Supreme Court verankert sehen wollen.

Er will ihn nicht so schnell aufgeben – das machte er in einer ersten Reaktion am Donnerstagabend deutlich: „Richter Kavanaugh hat der Nation gezeigt, warum ich ihn nominiert habe. Seine Aussage war stark, ehrlich und fesselnd.“

Nun wird aller Voraussicht nach der Senat darüber abstimmen, ob er Kavanaugh als Obersten Richter bestätigen will. Es hängt alles von der Geschlossenheit der Republikaner ab, sie können sich nur einen Abweichler für das Votum leisten.

Kavanaugh selbst hat angekündigt, dass er sich nicht freiwillig zurückziehen werde. „Sie werden mich nie dazu bringen, aufzugeben“, sagte er in der Anhörung.

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1 Kommentar zu "Anhörung im US-Kongress: Brett Kavanaugh wird zum Trump-Desaster"

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  • Emotionen sind nicht das beste Mittel zur Wahrheitsfindung. Ich habe grosse Zweifel an der
    Aussage der Psychologin, und in dubio pro reo. Die Frage ist natuerlich ob Herr Kavanaugh
    diesen Posten wirklich braucht und sich unter den 300 Mio. Amerikanern kein anderer
    geeigneter Kandidat findet.

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