Anschläge in Istanbul Türkische Führung kündigt Vergeltung an

Eine PKK-Splittergruppe bekennt sich zu den Anschlägen in Istanbul. Die türkische Regierung kündigt eine entschlossene Reaktion an. Merkel vereinbart mit Erdogan eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen Terrorismus.
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Türkei kündigt Vergeltung gegen PKK an

Türkei kündigt Vergeltung gegen PKK an

IstanbulNach den Anschlägen auf die Polizei in Istanbul mit 38 Toten hat die türkische Führung mit Vergeltung gedroht. Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Attentäter würden "einen hohen Preis zahlen". Zu den Anschlägen bekannte sich eine kurdische Extremistengruppe, die der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nahestehen soll. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vereinbarte mit Erdogan eine engere "Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus".

Die Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) hätten die Verantwortung für den Doppelanschlag als "Vergeltung" für das türkische Vorgehen gegen die kurdische Bevölkerung übernommen, meldete die Nachrichtenagentur Firat, die den kurdischen Rebellen nahesteht. Seit der erneuten Eskalation des Kurdenkonflikts im Sommer 2015 haben die PKK und die TAK zahlreiche Anschläge auf die Sicherheitskräfte verübt. Das genaue Verhältnis der beiden Gruppen zueinander ist unklar.

38 Todesopfer, darunter 30 Polizisten

Am späten Samstagabend war nach dem Ende eines Fußballspiels zwischen den türkischen Erstligaklubs Besiktas und Bursaspor eine Autobombe vor der Vodafone Arena im Zentrum von Istanbul explodiert. Der Anschlag galt einem Bus mit Polizisten, die das Fußballspiel im schicken Viertel Besiktas absicherten. 45 Sekunden später sprengte sich im angrenzenden Macka-Park ein Attentäter inmitten einer Gruppe von Polizisten in die Luft.

Unter den 38 Opfern waren 30 Polizisten und sieben Zivilisten, einer der Toten konnte zunächst nicht identifiziert werden. 155 Menschen wurden verletzt, 14 davon lagen am Sonntagabend noch auf der Intensivstation. Nach Angaben der Regierung wurden 300 Kilogramm Sprengstoff verwendet. Die Autobombe hinterließ einen zwei Meter großen Krater.

Einwandererkind, Häftling, Staatspräsident
Vom Häftling zum Staatspräsidenten
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Recep Tayyip Erdogan ist seit dem 28. August 2014 Staatspräsident der Türkei. Zuvor war er von 2003 bis 2014 Ministerpräsident. Seine politische Laufbahn begann im Jahr 1994, als er zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt wurde. Im Vorfeld bekleidete er bereits mehrere Parteiämter in der „Wohlfahrtspartei“. Im Jahr 1998 wurde er wegen „Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten“ zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, allerdings bereits nach vier Monaten wieder entlassen. Im Jahr 2001 gründete er die Gerechtigkeits- und Aufschwungpartei „AKP“, mit der er im Jahr 2002 überraschend den Wahlsieg holte.

Familie stammt aus Georgien
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Erdogan wurde am 26. Februar 1954 in Istanbul als Sohn eines Seemanns geboren. Die Familie stammt ursprünglich aus Georgien und war in die Türkei eingewandert. Er hat eine Schwester und drei Brüder. Mit seiner Frau Emine ist Recep Erdogan seit 1978 verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne und zwei Töchter. Das Bild zeigt Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak, seine Tochter Esra Albayrak sowie Ehefrau Emine (v. l.).

„Vater der Türken“
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In seiner Anfangszeit als Ministerpräsident war Erdogan noch ein Hoffnungsträger des Westens und galt als reformwilliger und moderner Politiker. Mehr und mehr zeichnete sich jedoch ein autokratischer Führungsstil ab. Erdogan inszeniert sich als eine Art „Vater der Türken“ und will das Bild eines mächtigen Staatslenkers vermitteln. Dabei macht er nicht Halt vor einem harten Durchgreifen gegen politische Gegner, freie Journalisten und Kritiker seiner Politik.

Zeichen der Macht
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Der neue Präsidentenpalast in Ankara unterstreicht die imperialistischen Züge der Politik Erdogans. Das Gebäude hat eine Grundfläche von etwa 40.000 Quadratmetern und verfügt über circa 1000 Zimmer. Die Baukosten beliefen sich auf mehr als 490 Millionen Euro. Offiziell handelt es sich bei dem Palast um einen Schwarzbau, da dieser in einem Naturschutzgebiet errichtet wurde. Mehrere Gerichte hoben die Baugenehmigung auf und ordneten einen Baustopp an. Auch das oberste Verwaltungsgericht der Türkei erklärte den Bau für rechtswidrig. Der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ignorierte diese Urteile und ließ den Palast weiterbauen.

Ziemlich beste Freunde?
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Das Verhältnis zum russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin ist seit dem Syrien-Konflikt angespannt. Zwischen Moskau und Ankara herrschte zwischenzeitlich diplomatische Eiszeit, mittlerweile haben sich die Beziehungen wieder etwas normalisiert. In Syrien verfolgen beide jedoch verschiedene Ziele: Putin gilt als Unterstützer des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, Erdogan will das Regime in Damaskus stürzen. Die Türkei galt lange als Stabilitätsanker in der unruhigen Region des Nahen Ostens, mittlerweile bekommt dieses Bild allerdings erste Risse – nicht zuletzt durch den Putschversuch im Juli.

Dubioser Flüchtlingsdeal
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Auch das Verhältnis zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Staatschef ist mittlerweile angespannt. Im Frühjahr 2016 einigen sich die beiden auf einen umstrittenen Deal, um die Flüchtlingskrise zu lösen: Jeder Hilfesuchende, der auf den griechischen Inseln ankommt, muss damit rechnen, wieder in die Türkei zurückgebracht zu werden. Im Gegenzug verspricht Deutschland, für jeden Syrer, der sich unter den Bootsankömmlingen befindet, einen syrischen Flüchtling direkt aus der Türkei aufzunehmen. Angela Merkel ist sich sicher: So wird das Geschäftsmodell der Schlepper zerstört und das Flüchtlingsproblem in der EU gelöst. Gleichzeitig begibt sich die Bundeskanzlerin mit dem Abkommen weiter in Erdogans Abhängigkeit, der diese geschickt zu nutzen weiß: Bereits mehrfach drohte Erdogan damit, den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen, sollte es beispielsweise keine Fortschritte bei den Verhandlungen zur Visafreiheit geben.

Gescheiterter Putschversuch
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Im Juli 2016 eskalierte die Lage in der Türkei: Teile des türkischen Militärs versuchten am 15. und 16. Juli, die türkische Regierung mit Präsident Erdogan und seinem AKP-Kabinett zu stürzen. Der Versuch scheiterte jedoch, nach wenigen Stunden hatte die türkische Regierung wieder die Kontrolle über das Land. Die Bilanz des gescheiterten Putschversuchs: Beinahe 300 Menschen wurden getötet und mehr als 2000 weitere verletzt. Außerdem kam es zu Massenverhaftungen und Massenentlassungen von Tausenden Staatsbürgern – besonders Soldaten, Beamte und Akademiker sowie Journalisten waren betroffen von der „Säuberungsaktion“.

Präsident Erdogan sprach von einem "Terrorakt", der möglichst viele Opfer verursachen sollte, und kündigte eine entschlossene Reaktion an. "Meine Nation und mein Volk können sich sicher sein: Wir werden die Geißel des Terrorismus bis zum Ende bekämpfen", sagte der Staatschef, der wegen der Anschläge eine Reise nach Kasachstan verschob.

Erdogan und Ministerpräsident Binali Yildirim nahmen im Istanbuler Polizeihauptquartier an der Trauerzeremonie für fünf getötete Polizisten teil. Yildirim ordnete für Sonntag einen Tag Staatstrauer an. "Früher oder später werden wir unsere Rache haben", sagte Innenminister Süleyman Soylu den Trauernden. "Der Arm des Gesetzes ist lang." Auch vor dem Besiktas-Stadion versammelten sich Trauernde und legten Blumen nieder.

"Nieder mit der PKK!", riefen die Trauernden, die türkische Fahnen schwenkten. "Unsere Heimat ist unteilbar!" Später marschierten tausende Menschen in einer Protestaktion gegen den Terror um das Stadion, wobei Anhänger der Regierung auf Fahrzeuge mit Oppositionsvertretern losgingen, bevor die Polizei sie trennte. Das Doppelattentat war der erste große Anschlag in Istanbul seit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli.

Die Attentate erfolgten wenige Stunden, nachdem die regierende AKP ihren umstrittenen Entwurf für eine Verfassungsreform ins Parlament eingebracht hatte, mit der die Befugnisse des Präsidenten deutlich ausgeweitet werden sollen. Nach Ansicht der Opposition soll die Reform vor allem Erdogans persönliche Macht stärken. Die Regierung argumentiert hingegen, die Aufwertung des Präsidentenamts sei notwendig, um dem Land zu mehr Stabilität zu verhelfen.

Weltweit wurden die Anschläge scharf verurteilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte mit Erdogan und vereinbarte mit ihm, "die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus zu intensivieren", wie Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer in Berlin mitteilte. Bundespräsident Joachim Gauck zeigte sich "bestürzt" und versicherte den Türken sein Mitgefühl.

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6 Kommentare zu "Anschläge in Istanbul: Türkische Führung kündigt Vergeltung an"

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  • Merkel vereinbart mit Erdogan eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen Terrorismus. Ich glaube Ihr nicht!

  • - Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Attentäter würden "einen hohen Preis zahlen". -
    Die Attentäter sind bereit diesen Preis zu zahlen, sie zahlen sogar den allerhöchsten Preis wenn er sie findet, das weiß auch Erdogan.
    Bedenklich ist nur, dass Andere die nicht beteiligt waren diesen "hohen Preis" zahlen werden.

    Über die Hilfe unserer Regierung und des BP kann man nur sagen: Es ist Advent.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Das ist schon sehr schlimm... aber zur Wahrheit gehört auch, dass Erdogan den Friedensprozess mit den Kurden abgebrochen hat, als die kurdischen Parteien im Parlament zwischem ihm und seinem Ziel eines Präsidialsystems (im positiven Falle) standen.

    Es wurden auch Polizisten, also die uniformierte Staatsmacht angegriffen und nicht gezielt Zivilisten...

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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