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Anschläge offenbaren Sicherheitsdefizite Mullahs gewinnen in Pakistan an Macht

Nach dem blutigen Selbstmordanschlag auf eine Prozession in Quetta kann Pakistans Regierung die massiven Defizite beim Kampf gegen den Terror nicht mehr leugnen. Der Tod der meisten der 41 Opfer sei auf Kreuzfeuer zwischen Terroristen und der Polizei zurückzuführen, räumte Innenminister Faisal Saleh Hayat ein. Wie fast zeitgleich im Irak waren schiitische Gläubige das Ziel des Anschlags.

ISLAMABAD. Auch wenn die Verhältnisse mit denen im Irak nicht zu vergleichen sind, kommt es auch in Pakistan immer wieder zu Ausschreitungen zwischen der schiitischen Minderheit und der sunnitischen Mehrheit. Zwar hat die Armee seit dem Putsch 1999 das Steuer fest im Griff. Der Präsident, General Pervez Musharraf, präsentiert sich als Garant der Sicherheit, der als einziger die Moslemextremisten in Schach halten kann. Doch auch er kann die Schraube nicht zu weit andrehen, ohne die innere Balance des Staates zu gefährden.

Die Fundamentalisten werden als politische Kraft beständig stärker. Bei den letzten Wahlen erlangten die Hardliner erstmals spürbare parlamentarische Macht. Abdul Ghafoor Haidery, Generalsekretär der größten Fundamentalistenpartei Jamia-Ulama-e-Islam (JUI) ist einer der wichtigsten Repräsentanten der Hardliner, die Musharraf wegen seiner Westorientierung hart kritisieren, gleichzeitig aber Bündnisse mit ihm eingehen.

Der Mullah gibt sich im Gespräch moderat, verhehlt aber nicht, wes Geistes Kind er ist. „Frauen gehen in ihrer Mutterrolle auf, das ist der echte Geist des Islam“, rechtfertigt er ihre Unterdrückung in der von seiner Partei regierten North West Frontier Province. Dort hat die JUI islamisches Recht, die Sharia, eingeführt. Für Männer wie Haidery leistet die islamische Welt zu Recht Widerstand gegen einen von den USA geführten Westen, der ihr seine Werte aufzwingt. „El Kaida ist keine Terrororganisation“, beteuert Haidery, der seinen Sohn nach dem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September Osama genannt hat.

Zwar geißelt Haidery Musharraf als Marionette der USA, doch in der Praxis arbeitet er mit ihm zusammen. Im vergangenen Jahr schlossen beide einen Pakt, der die Herrschaft des Generals per Parlamentsmehrheit bis 2007 legitimiert. Für Musharrafs Kritiker ein weiterer Beleg, dass der Präsident den Kampf gegen moslemische Extremisten nicht wirklich ernst nimmt. Sein Regime hat sich zwar 2001 von den Taliban abgewendet, hunderte Terroristen gefasst und 500 an die USA ausgeliefert. Und spätestens seit er im Dezember haarscharf zwei Attentaten entkam, hat Musharraf ein persönliches Interesse, den Sumpf gewaltbereiter Extremisten in seinem Land trocken zu legen. Andererseits macht es die unheilige Allianz von Militär und Mullahs schwer, der religiösen Rechten den Boden zu entziehen.

Der von Musharraf verkündete „Krieg gegen den Dschihad“ sei Augenwischerei, kritisiert Samina Ahmed, Südasiendirektorin des unabhängigen Brüsseler Think Tanks International Crisis Group. „Seit er religiöse Parteien wie die JUI als konstitutionelles Feigenblatt für seine Militärherrschaft benutzt hat, hängt Musharrafs politisches Überleben von den Fundamentalisten ab.“ Daher habe der General auch sein Versprechen nicht erfüllt, die Koranschulen zurückzudrängen, aus denen Moslemextremisten ihren Nachwuchs rekrutieren. Ahmed schätzt die Zahl der Schüler in Pakistans zehntausend Madrassas auf 1,5 Millionen. Dass Musharraf inzwischen viele Extremistenorganisationen offiziell verboten hat, sei Kosmetik: „Sie operieren weiter und sammeln Geld, ihre Führer sind frei und predigen in der Hauptstadt offen Dschihad.“

Dabei haben die meisten Pakistanis mit den Fundamentalisten nichts am Hut. In Lahores verwinkelten Basarstraßen sind Frauen zwar rar und fast alle verschleiert, aber lange Bärte, Erkennungszeichen für strenggläubige Moslems, sind selten. Wenn der Muezzin am Freitag zum Mittagsgebet ruft, bleiben viele Läden offen.

Aber Lahore ist Vorzeige-Pakistan und nicht repräsentativ für das Image des Landes im Ausland. Spätestens seitdem ans Licht kam, dass es im Zentrum des größten Atomschmuggelskandals der Geschichte steht, steht Pakistan im Ausland am Pranger. Der Westen hat deshalb ein elementares Interesse an einer stabilen und friedlichen Zukunft des Landes. Doch dafür bräuchte es starke Institutionen und respektierte Führer. „Parlament, Gerichte, Parteien, Polizei, Universitäten – unsere Institutionen sind bis in den Kern verrottet“, sagt ein bekannter Volkswirt, der sich nicht namentlich zitieren lässt.

Für Musharraf, der den schrittweisen Übergang zu echter Demokratie versprochen hat, kommt schon bald die Stunde der Wahrheit. Zum Jahresende hat der General versprochen, die Uniform auszuziehen und als ziviler Präsident weiter zu regieren. Doch daran zweifeln selbst seine eigenen Leute. „Musharraf wird seine Uniform nicht ausziehen“, prophezeit ein Politiker aus dem Lager des Präsidenten – und fühlt sich gezwungen nachzuschieben: „Wenn Sie mich damit zitieren, bringe ich Sie um.“

Musharraf zwischen den Fronten

In Pakistan ist General Pervez Musharraf nicht ohne Feinde. Der Staatschef kam 1999 durch einen Militärputsch an die Macht und ist weiter Oberbefehlshaber der Armee. Fundamentalisten werfen ihm zu große Nähe zu den USA vor. In den vergangenen Monaten gab es drei Attentatsversuche auf ihn. In Washington mutierte Pakistan vom Quasi-Schurkenstaat zum Verbündeten, als Musharraf im Kampf gegen den Terrorismus der „Koalition der Willigen“ beitrat. Auch bei der Jagd auf Osama bin Laden spielt Pakistan eine Schlüsselrolle. Im Atomskandal begnadigte Musharraf den Volkshelden Abdul Qadeer Khan, der die Weitergabe von Atomtechnologie an Iran, Libyen und Nordkorea „gestanden“ hatte. Nach Meinung von Experten brachte er sich damit selbst aus der Schusslinie, denn der Transfer kann seinerzeit kaum ohne Wissen der Militärs geschehen sein.

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