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Anschlag Nach der Ermordung des iranischen Physikers droht die Eskalation mit den USA

Der Anschlag zerstört die Hoffnung auf eine Entspannung im Verhältnis zwischen dem Iran und den USA. Auch ein militärischer Schlagabtausch ist nicht ausgeschlossen.
29.11.2020 - 16:19 Uhr Kommentieren
Menschen beten am Sarg des ermordeten iranischen Atomphysikers Mohsen Fakhrizadeh. Quelle: dpa
Nach Tod von iranischem Atomphysiker

Menschen beten am Sarg des ermordeten iranischen Atomphysikers Mohsen Fakhrizadeh.

(Foto: dpa)

Berlin Schwarz gewandete Träger mit Corona-Masken schulterten den Körper des ermordeten Mohsen Fakhrizadeh. Sie brachten ihn in den berühmten Imam-Reza-Schrein in der für schiitische Moslems heiligen Stadt Mashad. In den bedeutendsten Moscheen des Irans wurde der Sarg abgelegt, damit die Menschen Abschied nehmen konnten.

Fakhrizadeh war am Freitag in einer östlich der Hauptstadt Teheran gelegenen Kleinstadt in seinem Wagen getötet worden, als eine unter einer Holzladung in einem Lkw versteckte Bombe explodierte. Fakhrizadeh ist der wichtigste iranische Atom- und Raketenforscher – und damit eine der zentralen Figuren im langjährigen internationalen Konflikt um das iranische Atomprogramm.

Der Mord fällt in eine sensible Zeit: US-Präsident Donald Trump ist nur noch wenige Wochen im Amt – und sein Nachfolger Joe Biden ist bemüht, den Konflikt mit dem Iran zu deeskalieren.

Ohne Zweifel trägt die Bluttat die Handschrift des israelischen Geheimdienstes Mossad. Ob die USA an den Planungen beteiligt gewesen sind, ist noch unklar. Klar dagegen ist: Die jetzige Krise könnte in einen militärischen Schlagabtausch münden. Die Bereitschaft Trumps, den Konflikt zu eskalieren, ist jedenfalls da. Vorletzte Woche bereits hat er erwogen, Irans Atomanlagen zu bombardieren.

Doch Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo hielten Trump zurück. Demonstrativ ließ das Pentagon zwei B-52-Bomber von ihrer Luftwaffenbasis in North Dakota aus zu einem Nonstopflug an den Golf starten, „um Aggressionen zu vereiteln und die US-Partner zu beruhigen“, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Antwort Irans

Irans Präsident Hassan Ruhani warf den USA und Israel vor, hinter der Ermordung des Kernphysikers zu stehen. Der „Terroranschlag“ zeige die Angst der Feinde Teherans „vor unserem technologischen Fortschritt.“

Das Land werde sich jedoch auf seinem Weg nicht aufhalten lassen. In Teheran wie in US-Medien wird darüber spekuliert, dass Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu mit dem Anschlag eine Entspannung im amerikanisch-iranischen Verhältnis nach einem Machtwechsel im Weißen Haus erschweren.

Irans Führung ringt derweil, wie sie auf diesen neuerlichen empfindlichen Verlust eines führenden Vertreters des Regimes reagieren soll. Bereits im Januar war durch eine US-Drohne der Chef der für Irans Expansion in der Region extrem wichtigen Auslandsbrigaden der Revolutionsgarden, General Ghasem Soleimani, ermordet worden.

Der Iran steht wegen der harten US-Sanktionen massiv wirtschaftlich unter Druck: Immer wieder kommt es zu Aufständen wegen der Lebensmittelengpässe, der Preissteigerungen und des schlechten Krisenmanagements während der Pandemie.

Nach dem einseitigen Ausstieg Trumps aus dem Iran-Atomabkommen 2018 waren die iranischen Ölexporte von 2,5 Millionen auf zuletzt nur noch gut 600.000 Barrel am Tag gefallen. Dies hat – zusammen mit dem stark gefallenen Ölpreis – zu massiven Versorgungsengpässen geführt. Die Wirtschaft ist eingebrochen, der Kurs der Landeswährung Rial kollabiert.

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Hinzu kommt ein „massives Misstrauen“ innerhalb der Führung von Staat, Armee und Geheimdienst: Wie tief sind israelische Agenten in die Geheimnisse Irans eingedrungen? Wie und durch wen wurde die Fahrtroute des wichtigsten und streng geschützten Atom- und Raketenforschers verraten?

„Die Tötung Fakhrizadehs zielte in erster Linie darauf, einen diplomatischen Neuanfang zwischen dem Iran und den USA unter der Biden-Regierung zu erschweren“, ist David Jalilvand überzeugt. Laut dem angesehenen Iran-Analysten und Geschäftsführer der Berliner Beratungsfirma Orient Matters spricht „aktuell allerdings vieles dafür, dass dieses Kalkül nicht aufgeht“.

Denn der noch bis Sommer amtierende reformorientierte Präsident Ruhani kündigte bereits an, Irans Antwort auf den Anschlag werde „zu gegebener Zeit“ erfolgen. Kurzschlussreaktionen, die zu einem größeren Konflikt mit Israel oder den USA führen könnten, sind laut Jalilvand daher nicht zu erwarten. Denn der Iran sei wegen der Wirtschaftsmisere und des wachsenden Drucks aus der Bevölkerung vor der Präsidentenwahl im Juni auf Lockerungen der US-Sanktionen angewiesen.

Vergeltung vom Iran

Der De-facto-Machthaber, Irans Religions- und Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei, ordnete zwar am Samstag „Vergeltung“ an. Das hatte er allerdings auch im Januar nach der Ermordung Soleimanis getan – daraufhin wurden iranische Raketen auf eine US-Kaserne im Irak abgefeuert, aber die USA waren entsprechend vorgewarnt.

Möglich seien Anschläge auf US-Truppen im Irak oder Raketenangriffe der verbündeten jemenitischen Huthi-Rebellen auf Saudi-Arabien. Dort hatte sich der mächtige Kronprinz Mohammed bin Salman erst kürzlich und erstmals mit Israels Premier Netanjahu getroffen. Trump versucht, die arabischen Staaten mit Israel zu einem engen Bündnis gegen den Iran zusammenzuschweißen.

Doch Trump ist nur noch bis zum 20. Januar im Amt – und sein Nachfolger Biden hat andere Pläne. Er will das Internationale Atomabkommen unter Auflagen wiederbeleben, sollte sich Teheran zur Abrüstung verpflichten. Biden bräuchte für eine Rückkehr zum ursprünglichen Vertrag von 2015 nicht einmal die Zustimmung des Kongresses, da Trump ihn per Dekret aus dem Weißen Haus aufgekündigt hatte.

Der Demokrat verspricht, Trumps „Kurs des maximalen Drucks“ zu revidieren und Verbündete wie Deutschland oder Frankreich eng einzubinden. Auch Bidens Kandidat für das Außenministerium, Tony Blinken, hatte im Wahlkampf betont, die Welt könne auf einen „stabilen und nachhaltigen“ Atomdeal hoffen.

Doch noch ist Trump in der Lage, Bidens Pläne zu durchkreuzen. Der amtierende Präsident hat angekündigt, in den kommenden Wochen eine Flut neuer Sanktionen gegen Teheran zu verhängen. Der Mordanschlag auf Fakhrizadeh verkompliziert die Bedingungen nun ungemein.

Diplomatische Fortschritte in Gefahr

Sollte der Iran auf Vergeltung setzen, könne Netanjahu „schnell Washington in eine militärische Konfrontation mit Teheran ziehen“, sagte der Nahost-Experte Trita Parsi von der Denkfabrik Quincy Institute im Sender Al Jazeera. Selbst wenn sich der Iran zurückhalte, sei das Momentum für diplomatische Fortschritte schlechter denn je.

„Aus Netanjahus Sicht werden Bidens Optionen noch vor Amtsbeginn extrem eingeschränkt. In gewisser Weise ist Biden das eigentliche Ziel“, so Parsi. Die Iran-Expertin Ariane Tabatabai von der Washingtoner Denkfabrik German Marshall Fund sieht ebenfalls Unsicherheiten. „In den 50 Tagen bis zur Inauguration können etliche Dinge passieren. Der Iran könnte US-Streitkräfte in der Region ins Visier nehmen oder Cyberangriffe durchführen“, sagte sie im US-Sender NPR. „Die Iran-Akte, die die Biden-Administration von Trump erbt, wird immer komplexer.“

Mehr: Lesen Sie hier in einem Kommentar, warum Europa und die USA im Mittleren Osten eine faire Machtbalance schaffen müssen.

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