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„People's Vote March“

Hunderttausende Demonstranten ziehen durch die Londoner Straßen. Ihre Forderung: Der Exit vom Brexit.

(Foto: dpa)

Anti-Brexit-Demo Hunderttausende Demonstranten senden klare Botschaft: So nicht, Frau May!

Hunderttausende Brexit-Gegner haben London am Samstag in ein blaugelbes Fahnenmeer verwandelt. Ihre Botschaft an die Politik: Stoppt endlich diesen Wahnsinn!
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LondonDas Wetter war beim letzten Mal besser. Im Oktober, bei der zweiten großen Anti-Brexit-Demo, hatte die Sonne geschienen. An diesem Samstag nun ist es bewölkt, doch das tut der Stimmung im Hyde Park keinen Abbruch. Schon am Vormittag sammeln sich die Demonstranten für den dritten großen Marsch durch London. Sie sind aus allen Ecken des Landes angereist, etliche auch aus anderen Ländern Europas und sogar aus Übersee.

Jonathan Dolden, 47, ist aus Gibraltar eingeflogen und schwenkt die Flagge des kleinen britischen Flecks neben Spanien. „Diese Woche bin ich Aktivist“, sagt der Produktmanager. Ein ungeordneter Brexit würde das Leben in Gibraltar grundlegend verändern, das gelte es zu verhindern. „Ich bin hier für die 12.000 Menschen, die jeden Tag über die Grenze zwischen Gibraltar und Spanien pendeln“, sagt er. Dass sich der Brexit noch aufhalten lässt, bezweifelt er. Aber er hofft, dass er so weich wie möglich ausfällt.

Aufgerufen zu der Demo hatte die „People’s Vote“-Kampagne. Sie fordert ein zweites Referendum, um das Brexit-Votum von 2016 rückgängig zu machen und das Königreich doch noch in der EU zu halten. Die Veranstalter schätzen die Teilnehmerzahl auf mehr als eine Million - das wären noch einmal deutlich mehr als beim letzten Marsch im Oktober. Von der Polizei gibt es dafür keine offizielle Bestätigung.

Am Parkeingang verkaufen Händler EU-Flaggen für drei Pfund. Die Zahl vermehrt sich rasant, bald ist der Park ein blaugelbes Fahnenmeer. Esme Allen, 45, ist mit ihrer zwölfjährigen Tochter Thea aus Edinburgh gekommen. Sie sind die ganze Nacht im Bus gefahren, einer von mehreren Bussen aus Schottland.

Es ist Theas erste Brexit-Demo. „Die Stimmung dreht sich“, sagt Allen. „Die Leute spüren, dass der Brexit nicht umsetzbar ist.“ Die Mitarbeiterin einer Nichtregierungsorganisation hat beim Referendum 2016 für Remain gestimmt. Jetzt fühle sie noch stärker, dass Großbritannien in der EU bleiben sollte, sagt sie.

Der 50-jährige Sammy ist aus Paris angereist. Der Schotte lebt seit 25 Jahren in der französischen Hauptstadt und arbeitet dort im Finanzsektor. „Ich sehe, welche Folgen der Brexit hat“, sagt er. Investoren machten einen Bogen um Großbritannien. Er glaubt, dass der Brexit sich noch aufhalten lässt. Der Unmut sei groß genug, um den Austrittsantrag noch zurückzuziehen, sagt er.

Das halten viele Demonstranten für die beste Lösung. „Revoke Article 50“, steht auf den Schildern und Transparenten. Eine entsprechende Online-Petition, die diese Woche gestartet wurde, hat bereits mehr als vier Millionen Unterschriften erhalten. Premierministerin Theresa May könnte den Austrittantrag nach Artikel 50 der EU-Verträge noch bis zum 12. April zurückziehen, nachdem die EU-Regierungschefs am Donnerstag der britischen Regierung zwei Wochen Aufschub gewährt haben.

Doch die wenigsten Demonstranten glauben, dass May dies auch tun wird. „Wir werden die EU verlassen“, sagt Garten-Designerin Christina, 58, aus London. „Aber es ist gut zu zeigen, dass es großen Widerstand dagegen gibt. Es ist wie damals beim Irakkrieg: nicht in meinem Namen.“ Sie ist mit ihrem Mann Mark da. Ihr 17-jähriger Sohn sei auch mit seinen Freunden hier, sagt sie. „Der ist richtig sauer, weil er nicht über seine Zukunft abstimmen konnte“.

Oppositionsführer Corbyn fehlt

Etliche prominente Politiker der Labour-Opposition marschieren ebenfalls mit. Der frühere Außenminister David Miliband ist aus New York eingeflogen. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan und der stellvertretende Labour-Vorsitzende Tom Watson reden auf der Abschlusskundgebung vor dem Parlament.

Einer allerdings fehlt wieder einmal: Oppositionsführer Jeremy Corbyn. Er verbringt seinen Samstag lieber in der Grafschaft Lancashire. Dabei hat sich die Partei mehrheitlich für ein zweites Referendum ausgesprochen. Corbyns Unentschiedenheit ist ein Grund dafür, warum die Bewegung bisher keinen größeren politischen Druck entwickeln konnte. „Corbyn sollte hier sein und mit uns marschieren“, sagt Matthew, ein Theaterschauspieler und Labour-Mitglied aus dem Londoner Stadtteil Clapham. Er sei der falsche Parteichef für diese Zeit.

Auch einige Konservative sehen ein erneutes Votum als Ausweg. Die Demonstration drücke die wachsende Sorge im Land aus, dass der Brexit gewaltig schieflaufe, schrieb der frühere Minister Michael Heseltine vor der Demo im „Spectator“. Die Ankündigungen der Leave-Kampagne hätten sich in den vergangenen beiden Jahren als leere Versprechen entpuppt. Der einzige Weg, um die Blockade im Parlament aufzulösen, sei ein zweites Referendum.

Woche der Wahrheit

Im Parlament gibt es aber bisher keine Mehrheit für ein zweites Referendum. Erst vergangene Woche wurde ein entsprechender Antrag deutlich abgelehnt. Ob die Demonstration daran etwas ändert, ist fraglich. Es herrscht weiter die Meinung vor, dass ein erneutes Votum die gesellschaftliche Spaltung noch vertiefen würde. Auch zeigen Umfragen, dass rund die Hälfte der Briten erneut für den Brexit stimmen würde. Die Gefahr besteht also, dass eine erneute Volksbefragung nichts an der Lage ändern würde.

Kommende Woche will May den EU-Ausstiegsvertrag ein drittes Mal zur Abstimmung im Unterhaus stellen – oder auch nicht. Fällt er wie erwartet erneut durch, soll das Parlament in einer Reihe von Probeabstimmungen bestimmen, für welchen Brexit-Kurs es eine Mehrheit gäbe.

Noch ist nicht klar, was zur Auswahl stehen wird. Eine Möglichkeit wäre ein weicherer Brexit, bei dem Großbritannien langfristig wie Norwegen im Europäischen Wirtschaftsraum bleibt. Auch das zweite Referendum würde wohl wieder auf dem Abstimmungszettel stehen.

„Ich war lange der Meinung, dass wir das Ergebnis des Referendums akzeptieren sollten“, sagt Schauspieler Matthew auf der Londoner Demo. Aber May habe die Brexit-Verhandlungen derart in den Sand gesetzt, dass die beste Option der Verbleib in der EU sei. Da May den Austrittsantrag nicht von sich aus zurückziehen werde, sei ein zweites Referendum nötig. „Wir brauchen es, damit die Regierung nicht länger behaupten kann, der Brexit sei der Willen des Volkes.“

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