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Arbeitskräftemangel Britische Wirtschaft drängt auf mehr Einwanderung

Wegen Brexit und Corona sinkt in Großbritannien die Zahl der Einwanderer. Prompt herrscht in vielen Branchen akuter Arbeitskräftemangel, und der Ruf nach Visa-Erleichterungen wird lauter.
12.07.2021 - 16:12 Uhr Kommentieren
In der Gastronomie ist der Arbeitskräftemangel in Großbritannien besonders akut. Quelle: picture alliance / Sergi Rebored
Pub in Belfast

In der Gastronomie ist der Arbeitskräftemangel in Großbritannien besonders akut.

(Foto: picture alliance / Sergi Rebored)

London Als der britische Unternehmer Tim Martin kürzlich mehr Einwanderung aus der EU forderte, war der Spott groß. Der Chef der größten britischen Pub-Kette Wetherspoons hatte schließlich für den Brexit getrommelt, nun fühlten sich die Gegner des EU-Ausstiegs bestätigt.

Martin sprach ein Problem an, über das viele Gastwirte, aber auch Einzelhändler, Baufirmen und Spediteure klagen: Sie haben Schwierigkeiten, Arbeitskräfte zu finden. Der Brexit ist dabei allerdings nur ein zusätzlicher Faktor – schwerwiegender sind die Folgen der Corona-Pandemie. Das zeigt sich daran, dass andere Länder in Nordamerika und Europa derzeit eine ähnliche Erfahrung machen.

Ökonomen warnen, dass der Arbeitskräftemangel in Großbritannien so akut sei wie seit 20 Jahren nicht mehr. Es wird erwartet, dass die Zahl der offenen Stellen diese Woche auf einen neuen Rekordwert steigt. Am Donnerstag werden die Arbeitsmarktdaten veröffentlicht.

Brexit und Corona verstärken Arbeitskräftemangel

Besonders groß ist das Problem in der IT-Branche, dem Baugewerbe, dem Gesundheitssystem, der Logistikbranche und dem Dienstleistungssektor. Restaurants zahlen inzwischen Boni an Köche, um sie anzuwerben oder zu halten. Auch Spediteure buhlen mit Lohnerhöhungen und besseren Arbeitsbedingungen um Fahrer. 

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    Mehrere Branchenverbände fordern Visa-Erleichterungen nicht nur für Fachkräfte, sondern auch für ungelernte Arbeiter. Landesweit fehlten 60.000 Lastwagenfahrer, schätzt etwa die Road Haulage Association. Zum einen gibt es seit dem Brexit 15.000 Lkw-Fahrer weniger aus der EU, zum anderen sind durch die Pandemie Zehntausende Führerscheinprüfungen ausgefallen.

    „Ohne temporäre Visa werden die Lieferketten zusammenbrechen“, warnt der Logistikverband Logistics UK. Die neuen Einwanderungsregeln der britischen Regierung sehen vor, dass Visabewerber aus der EU ein Jobangebot und ein Jahreseinkommen von mindestens 25.600 Pfund haben müssen. Die Hürde ist für viele Berufe zu hoch.

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    Drei Gründe für Arbeitskräftemangel

    „Es gibt einen akuten Arbeitskräftemangel in einigen Branchen“, bestätigt Tony Wilson vom Institute for Employment Studies in Brighton. Deshalb sehe man vereinzelt auch Lohnsteigerungen. Auch Jobportale wie Indeed und Reed melden nach einer Auswertung ihrer Stellenanzeigen steigende Löhne. In der offiziellen Statistik schlagen sich diese jedoch noch nicht nieder.

    Wilson nennt vor allem drei Gründe für die Personalengpässe: Die Pandemie habe zu einem Boom im Onlineshopping geführt, der in Branchen wie IT und Logistik mehr Personal erfordere. Zweitens gebe es in Gastronomie und Tourismus den plötzlichen Druck, nach der monatelangen Schließung neue Kellner und Küchenkräfte einzustellen. Dies gestaltet sich häufig schwierig, weil viele der ehemaligen Mitarbeiter in einen Corona-sicheren Sektor gewechselt sind.

    Drittens schließlich sei der Pool der Arbeitskräfte insgesamt geschrumpft, sagt Wilson. Junge Menschen hätten in der Krise ihre Ausbildung verlängert und fehlten nun auf dem Arbeitsmarkt. Viele Einwanderer hätten zudem das Königreich verlassen. Der Exodus der EU-Bürger sei jedoch kleiner als erwartet, sagt der Experte. Im vergangenen Jahr seien nur hunderttausend EU-Bürger aus Großbritannien in ihre Heimat zurückgekehrt – von insgesamt mehr als 3,5 Millionen. Das sei vor allem der Pandemie geschuldet, meint Wilson. Der Brexit habe den Trend nur verschärft.

    Leichtere Einwanderung für Nicht-EU-Bürger

    Wie sich die Einwanderung in Zukunft entwickelt, wagt er nicht vorherzusagen. „Es besteht die Gefahr, dass es deutlich weniger Einwanderung aus der EU geben wird. Das wäre nicht gut für die Wirtschaft“, sagt er. Aber das britische Einwanderungssystem sei nun offener gegenüber Nicht-EU-Bürgern, deshalb gebe es am Ende möglicherweise keinen großen Unterschied in der Nettoeinwanderung.

    Die große Frage sei, ob die Regierung die Visahürden für ungelernte Arbeiter senken werde. Noch gebe es keine Anzeichen dafür. „Aber die Regierung kann dies nicht auf Dauer verweigern, wenn der Arbeitskräftemangel chronisch wird.“

    Unklar ist auch, ob die vereinzelten Lohnsteigerungen die Inflation treiben werden. In einer Analyse des Dienstleistungssektors kommt die Großbank ING zu dem Schluss, dass viele der Faktoren vorübergehend seien. So läuft das Kurzarbeitsprogramm der Regierung Ende September aus. Dann kehren einige Hunderttausend Arbeitnehmer, deren Gehalt bisher noch der Staat übernimmt, auf den Arbeitsmarkt zurück. Die ING sieht daher keinen anhaltenden Lohndruck, der die Bank of England zu einer baldigen Zinswende zwingen könnte.

    Wilson erwartet jedoch, dass die Lage für Arbeitgeber schwierig bleibt. Bisher hätten Unternehmen es sich leisten können, aufgrund des offenen Arbeitsmarkts und der Einwanderung die Arbeitsbedingungen weitgehend zu bestimmen. Künftig müssten sie den Arbeitnehmern stärker entgegenkommen – etwa mit flexibleren Arbeitszeiten.

    Mehr: Spediteure verzichten auf Geschäft in Großbritannien

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