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Arbeitszeit Spanien prüft Viertagewoche als Weg aus der Krise

Die linke Koalitionspartei denkt über verkürzte Arbeitszeiten für Arbeitnehmer nach und will die Kosten durch den EU-Wiederaufbauplan abfedern. Ähnliche Diskussionen gibt es auch in anderen Ländern.
11.12.2020 - 10:56 Uhr Kommentieren
Die Mehrkosten für die verkürzte Arbeitswoche sollen durch den EU-Wiederaufbauplan gedeckt werden. Quelle: dpa
Einkaufsstraße in Madrid

Die Mehrkosten für die verkürzte Arbeitswoche sollen durch den EU-Wiederaufbauplan gedeckt werden.

(Foto: dpa)

Madrid Die Sehnsucht nach weniger Arbeit ist groß. In Umfragen gibt die Mehrheit der Europäer regelmäßig an, dass sie lieber vier statt fünf Tage in der Woche arbeiten würde. In der Coronakrise prescht nun Spanien vor: Der stellvertretende Ministerpräsident Pablo Iglesias erklärte, das von seinen Linkspopulisten geleitete Arbeitsministerium prüfe die Viertagewoche. Auch in anderen Ländern – von Deutschland bis Neuseeland – hat die Pandemie die Debatte neu entfacht.

Auf den ersten Blick klingt die Idee bestechend: Um die krisenbedingten Jobverluste abzufedern, sinkt die Arbeitszeit auf vier Tage, sodass mehr Mitarbeiter in Lohn und Brot stehen. Das „kann zweifellos die Schaffung von Arbeitsplätzen begünstigen“, sagte Unidas-Podemos-Chef Iglesias. Er greift damit einen Vorschlag seines einstigen Parteikollegen Íñigo Errejón auf, den der als Änderungsantrag zum Haushaltsentwurf für 2021 eingebracht hatte.

Demnach sollen die Spanier zwar dauerhaft einen Tag weniger arbeiten, aber weiterhin genauso viel verdienen. Die Mehrkosten will Errejón, heute Chef der linken Partei Más País, mit 50 Millionen Euro aus dem europäischen Wiederaufbauplan abdecken. Das spanische Parlament lehnte den Antrag ab, doch bei Iglesias fand er Gehör.

Spanien steht mit der Idee nicht allein da. In Neuseeland hat Premierministerin Jacinda Ardern jüngst erklärt, sie wolle die Arbeitgeber ermutigen, über die Viertagewoche und andere flexible Arbeitszeitmodelle nachzudenken.

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    Ihre Hoffnung: Die Mitarbeiter würden die zusätzliche Freizeit dann nutzen, um im eigenen Land zu verreisen und so die gebeutelte Tourismusbranche unterstützen.

    Verkürzte Arbeitszeit im Test

    Einige Konzerne haben verkürzte Arbeitszeiten bereits getestet: Microsoft hat im vergangenen Jahr in Japan seine 2300 Mitarbeiter zwischen verschiedenen Arbeitszeitmodellen wählen lassen, eine Option war die Viertagewoche.

    Ziel war, zu sehen, wie sich das auf die Zufriedenheit und die Produktivität auswirkt. Die Angestellten erhielten den vollen Lohn, die Standarddauer von Meetings wurde von 60 auf 30 Minuten halbiert. Im Ergebnis stieg die Produktivität um 40 Prozent. Allerdings ist fraglich, ob sich ein solch befristeter Testwert auf den Alltag übertragen lässt.

    Das prüft derzeit der Konsumgüterhersteller Unilever in Neuseeland. Seit diesem Monat ermöglicht er 81 Mitarbeitern dort ein Jahr lang die Viertagewoche. Das Gehalt bleibt unverändert, ebenso die täglichen Stunden, aber die Arbeit an den vier verbleibenden Tagen soll verdichtet werden. Die University of Technology Sydney hilft bei der Evaluierung des Programms. Hat das Modell Erfolg, könnte es auf den gesamten Konzern ausgeweitet werden.

    In Deutschland haben die Grünen eine Viertagewoche für die kriselnde Autobranche ins Spiel gebracht, die IG Metall fordert in der anstehenden Tarifrunde im Dezember die Option auf eine Viertagewoche mit Teillohnausgleich, um in der Coronakrise Arbeitsplätze zu sichern.

    Mit dem schwäbischen Autozulieferer ZF Friedrichshafen hat sie sich bereits auf den „Tarifvertrag Transformation“ geeinigt. Der enthält die Möglichkeit, die Arbeitszeit um bis zu 20 Prozent zu senken. Sinkt sie um mehr als zehn Prozent, zahlt ZF einen kleinen Lohnausgleich. Zudem schließt das Unternehmen bis 2022 betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen in Deutschland aus.

    Jenseits von Wirtschaftskrisen ist die Grundidee einer verkürzten Arbeitszeit aber nicht die Jobsicherung, sondern eine bessere Work-Life-Balance. Gerade die Millennials legen besonderen Wert darauf und fordern sie bei ihren Arbeitgebern ein.

    Steigt die Produktivität?

    Befürworter einer Viertagewoche argumentieren, dass dadurch die Produktivität steige und die Mitarbeiter zufriedener und engagierter seien. Krankheitstage sowie Fluktuation würden sinken und die Unternehmen finanziell profitieren, selbst wenn sie weiter dasselbe Gehalt bezahlten.

    Doch ganz so einfach ist die Sache aus Sicht von Ökonomen nicht. Arbeitsmarktexperte Marcel Jansen von der Autonomen Universität Madrid geht davon aus, dass Produktivitätsgewinne zwar in Branchen mit einer intellektuellen Arbeit möglich sind – etwa in Werbeagenturen oder bei IT-Programmierern. Sie könnten in vier Tagen womöglich dieselbe Arbeit erledigen wie in fünf, wenn sie mehr Freizeit haben, um Kraft für neue Ideen zu schöpfen und konzentrierter zu arbeiten. In einer Bäckerei oder einer Fabrik lasse sich der Output dagegen kaum durch mehr Engagement steigern.

    Probleme mit der verkürzten Arbeitszeit entstehen dann vor allem durch die Finanzierung. „Wenn die Wochenarbeitszeit um einen Tag sinkt, nicht aber das Gehalt, ist das de facto eine Gehaltserhöhung um 20 Prozent“, sagt Fernando Fernández, Ökonom an der spanischen Business-School IE. „Die wird just in einer Krise die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben, weil viele Unternehmen sich das schlicht nicht leisten können.“ Übernehme der Staat dagegen die 20 Prozent Mehrkosten – so wie es in Spanien vorgeschlagen wurde –, steige das öffentliche Defizit, das durch die Pandemie ohnehin weltweit historische Höchststände erreicht.

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    Fernández hält eine Viertagewoche allein als freiwilliges Modell für denkbar: Diejenigen, die auf Gehalt verzichten wollen, um mehr Freizeit zu genießen, sollten das tun können. In sehr produktiven Branchen seien die Gehälter in der Regel so hoch, dass viele sich einen Verzicht leisten könnten. „Aber der sollte nicht staatlich verordnet werden“, fordert Fernández.

    Auch Jansen hält kürzere oder flexiblere Arbeitszeiten grundsätzlich für machbar, den spanischen Plan jedoch für verfehlt. „Das Land braucht viel dringender strukturelle Reformen, statt die wenige Arbeit auf mehr Köpfe zu verteilen“, sagt er.

    In der Wirtschaft dominiere der Dienstleistungssektor mit geringer Wertschöpfung und niedrigen Gehältern. „Es müssen zunächst mehr qualitativ hochwertige Jobs geschaffen werden, bevor man über Modelle wie eine Viertagewoche sprechen kann“, so Jansen.

    Ähnlich argumentiert der spanische Sozialminister José Luis Escrivá. Der Sozialist glaubt nicht, dass Spanien „ein Land ist, das mit seinem Niveau an Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität einer Viertagewoche Priorität einräumen müsse.“

    Mehr: Viertagewoche ist kein Wundermittel zur Rettung von Arbeitsplätzen

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