Argentinien Die Mutter aller Pleiten

Vor zehn Jahren befand sich Argentinien in einer ähnlichen Lage wie heute Griechenland. Das Land konnte seine Schulden nicht mehr zurückzahlen. Ein Rückblick und ein Seitenblick nach Griechenland.
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Im Winter 2001 gingen die Argentinier in Buenos Aires auf die Straße. Quelle: AFP

Im Winter 2001 gingen die Argentinier in Buenos Aires auf die Straße.

(Foto: AFP)

Buenos AiresZehn Jahre danach sitzt Roberto Lavagna entspannt in seinem hellen, großzügigen Büro in Buenos Aires. Es ist Frühsommer auf der Südhalbkugel, draußen auf der mondänen Avenida 9 de Julio pulsiert das Leben. Die Argentinier kaufen, gehen aus, bevölkern die Straßencafés. Auf einem Tisch steht Lavagnas neustes Buch: „Pensando un país“, heißt es. „Nachdenken über ein Land“.

Lavagna muss das öfters in diesen Wochen, denn immer wieder wird er gefragt, wie das war vor zehn Jahren, als Argentinien einfach Bankrott ging. Nicht nur die Regierungen der Krisenstaaten Südeuropas fragen nach, wie er denn geschafft hat, sein Land nach der größten Staatspleite der Geschichte wieder auf Kurs zu bringen. Neulich erst bat die Weltbank den eleganten 69-Jährigen zu einer Tagung nach Madrid.

Heute ist das Fundament solider. Soja und Weizen, Argentiniens Gold, sind gefragte Rohstoffe, das Land baut immer mehr Autos. Argentinien wächst seit fast zehn Jahren kontinuierlich um acht bis neun Prozent. Lavagna, ein schlanker Mann im blauen Hemd, lächelt dieses Siegerlächeln. Denn der Politiker, der von April 2002 bis November 2005 Wirtschaftsminister war, hat mit seinen ungewöhnlichen Maßnahmen von damals Teile des Fundaments für den Aufschwung von heute gelegt.

Wie jedem Argentinier haben sich auch Lavagna diese Wochen Ende Dezember 2001 in die Erinnerung eingebrannt, als den Menschen zwischen Weihnachten und Silvester nicht nach Einkehr, sondern nach Krawall zumute war, als Argentinien in die Knie ging unter der Schuldenlast von 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, als die Mittelklasse verarmte, die Armen verelendeten. Als die Konten eingefroren wurde, die Menschen Banken und Geschäfte stürmten und sie alle Politiker zum Teufel jagen wollten: „Que se vayan todos“ – „Haut bloß alle ab“. Ein Satz, der damals die Stimmung eines ganzen Landes ausdrückte.

Am 20. Dezember floh Präsident Fernando de la Rúa vor der aufgebrachten Menge aus dem Präsidentenpalast „Casa Rosada“ mit einem Hubschrauber. In den Tagen danach, die einem Bürgerkrieg glichen, starben 25 Menschen. Die meisten wurden bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der repressiven Polizei getötet. Am Ende wird die größte Staatspleite der Geschichte nicht nur 130 Milliarden Dollar vernichtet haben, sondern auch 39 Menschenleben.

„Viel dramatischer als in Griechenland“
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15 Kommentare zu "Argentinien: Die Mutter aller Pleiten"

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  • Argentinien befindet sich seit der "wundervollen Umschuldung" im selbsterklärten Staatsnotstand.

    Was ist daran so toll Herr Ehringhaus ? Fragen Sie doch Herrn Lavgna mal danach.

    Sie schreiben hier ganz offensichtlich über etwas von dem Sie überhaupt nichts verstehen.

  • @Negocio, deine Ausführungen zeugen nicht gerade davon, dass du dich hier besonders auskennst. Es ist immer leichter den Opfern (hier den Gläubigern) eine Schuld zuzusprechen. Eine Frau ist nicht an dem Verbrechen der Vergewaltigung mitschuldig, nur weil sie einen sexy Minirock getragen hat. Kirchner Lavagna und Nielsen hätten eine faire Umschuldung herbeiführen können, wollten sie aber nicht. Sie wollten sich durch "Diebstahl" an den privaten Gläubigern bereichern. Kein Gericht der Welt, natürlich mit Ausnahme der argentinischen Gerichte, hat bis heute die Zwangsenteignung der Gläubiger als rechtens und/oder persönliches Pech festgestellt.

  • Rechtsbruch, Diebstahl usw. Sicher, aber alles reichlich abstrakt. Wofür werden denn Zinsen verlangt?! Wozu heisst eine der Grundregeln bei der Investition Diversifizieren?! Man sollte auch nicht übersehen, dass der Anteil der Gläubiger, die sich wegen Argentinien kein Dach mehr überm Kopf leisten und in Mülltonnen nach Essbarem suchen müssen, verschwindend gering sein dürfte. Und last not least, wenn demnächst nach die europäischen Dominosteine fallen, dürfte vermutlich Deutschland der einzige Pleitestaat sein, der sich in bekannt selbstzerstörerischer Weise an das Recht der Gläubiger halten wird.

  • @GerhadrdDino hat zwar formal recht, aber das Recht wird auch bei uns nicht so weit eingehalten wie nach aussen hoch gehalten...
    Insofern teile ich eher die Meinung @Stefan S und insbesondere @Observador_del_Sur.
    Was alle, einschl. des Autors ausser Acht lassen, sind die seit =/- 60 Jahren zu beobachtenden 10-Jahres-Zyklen der argentinischen Wirtschaft, die in diesen Zeitraeumen generell extrem starkt expandiert oder kollabiert.
    Danach kann das momentane konjunkturelle Hoch nicht mehr allzu lange andauern.
    "Cristina" wird bald "alt aussehen" und man wird die Argies wieder suchen muessen, die sich daran erinnern, sie (und zuvor Menem, Peron etc) jemals gewaehlt zu haben.
    Das Sinken der Sojapreise auf dem Weltmarkt sorgt jetzt schon fuer gravierende Haushaltsprobleme in diesem von Wertsteuern auf Ausfuhren so abhaengigen Land.

  • Offensichtlich haben Sie die Situation nicht verstanden. Griechenland hat im Vergleich zum argentinischen Peso keine eigene Währung, sondern seine Schulden in Euro aufgenommen. Es kann keine Inflationierung der Schulden vornehmen! Darüberhinaus hat Griechenland im Vergleich zu Argentinien keinen exportstarken Agrarsektor, der bei den seit Jahren steigenden Lebensmittelpreisen weltweit, Devisen ins Land bringen würde.

    Sie tun hier gerade so, als bräuchte man nur seine eigene Währung einführen und alle strukturellen Probleme wären gelöst. Nein, eine eigene Währung ersetzt keine Strukturreformen!

  • Wer in lateinamerikanische Staatsanleihen investiert, der verdient es einfach nicht besser. Egal welches Rating von den Agenturen auf die Papiere gepappt werden, es ist und bleibt junk. Wer sich ein wenig mit der Geschichte des Kontinentes auskennt, dass Staatspleiten, Währungswechsel und Militärputsche fest zum Programm gehören. Wer das weiss und trotzdem glaubt argentinische Papiere mit schwedischen Staatsanleihen gleichsetzen zu können, tja dem ist wirklich nicht zu helfen. Woran erkennt man einen Erben, genau er versenkt zielsicher sein Geld !

  • Das Land produziert & exportiert fast die gesamte Palette Obst & Gemüse nach Europa & Nordamerika. Die Qualität der Produkte ist gut, die Mengen sind hoch & steigen weiter. Die reichen Konsumenten wollen auch im Sommer frische Weintrauben, Äpfel, Birnen, Zwiebeln usw. essen. Die um 6 Monate versetzten Jahreszeiten der Südhalbkugel schaffen eine lukrative Nische für das Land. Die Leute sind vernünftig ausgebildet & motiviert. Probleme hat das Land trotzdem noch genug. Gebt dem Land Zeit, sich weiter zu entwickeln...

  • Sehr schlecht recherchiert Herr Klaus Ehringfeld! Oder hat die argentinische Regierung für diesen Artikel bezahlt?

    Nun, hier ein wenig Nachhilfe, was Sie versäumten zu erwähnen:
    Argentinien mit dieser Regierung missachtet seit einem Jahrzehnt internationales Recht.
    Dieses Argentinien ignoriert Urteile der ICSID (Internationales Zentrum für die Beilegung von Investitionsstreitigkeiten). Auch zahlreiche deutsche Firmen wie Siemens, BMW, Daimler und v. a. haben Argentinien vor diesem Weltbankschiedsgericht verklagt.
    Dieses Argentinien ist alleine in Deutschland durch eine Vielzahl von Klagen rechtskräftig verurteilt und verweigert sowohl die Begleichung der Urteile, als auch der Prozess- und Verfahrenskosten.
    Dieses Argentinien ist das einzige G20-Mitglied, das seit Jahren provokativ seine wirtschaftlichen Fundamentaldaten verkündet aber nicht Einblick gewährt.
    Dieses Argentinien schuldet den Staaten im Pariser Club seit über zehn Jahren Geld. Hierzu gehört auch die Bundesrepublik Deutschland mit einem beachtlichen Anteil in Milliardenhöhe.
    Ach ja, und nicht zu vergessen die tausende von privaten Gläubigern weltweit, denen Argentinien immer noch mehrere Milliarden schuldet.
    Inzwischen lehnt sogar Präsident Obama weitere Weltbankdarlehen und internationale Unterstützungen für Argentinien öffentlich ab, solange diese Regierung nicht seinen ausstehenden Verpflichtungen nachkommt. Präsident Obama forderte jüngst eine solidarische Haltung aller wichtigen Wirtschaftsnationen gegen dieses von Ihnen ins falsche Licht gesetzte Argentinien.
    Sie zeigen Griechenland und anderen Staaten in Not mit diesem Artikel den argentinischen Weg des “Diebstahls“ und keine Alternative!

  • Sehr schlecht recherchiert Herr Klaus Ehringfeld! Oder hat die argentinische Regierung für diesen Artikel bezahlt?

    Nun, hier ein wenig Nachhilfe, was Sie versäumten zu erwähnen:
    Argentinien mit dieser Regierung missachtet seit einem Jahrzehnt internationales Recht.
    Dieses Argentinien ignoriert Urteile der ICSID (Internationales Zentrum für die Beilegung von Investitionsstreitigkeiten). Auch zahlreiche deutsche Firmen wie Siemens, BMW, Daimler und v. a. haben Argentinien vor diesem Weltbankschiedsgericht verklagt.
    Dieses Argentinien ist alleine in Deutschland durch eine Vielzahl von Klagen rechtskräftig verurteilt und verweigert sowohl die Begleichung der Urteile, als auch der Prozess- und Verfahrenskosten.
    Dieses Argentinien ist das einzige G20-Mitglied, das seit Jahren provokativ seine wirtschaftlichen Fundamentaldaten verkündet aber nicht Einblick gewährt.
    Dieses Argentinien schuldet den Staaten im Pariser Club seit über zehn Jahren Geld. Hierzu gehört auch die Bundesrepublik Deutschland mit einem beachtlichen Anteil in Milliardenhöhe.
    Ach ja, und nicht zu vergessen die tausende von privaten Gläubigern weltweit, denen Argentinien immer noch mehrere Milliarden schuldet.
    Inzwischen lehnt sogar Präsident Obama weitere Weltbankdarlehen und internationale Unterstützungen für Argentinien öffentlich ab, solange diese Regierung nicht seinen ausstehenden Verpflichtungen nachkommt. Präsident Obama forderte jüngst eine solidarische Haltung aller wichtigen Wirtschaftsnationen gegen dieses von Ihnen ins falsche Licht gesetzte Argentinien.
    Sie zeigen Griechenland und anderen Staaten in Not mit diesem Artikel den argentinischen Weg des “Diebstahls“ und keine Alternative!

  • "Das hier gezogene positve Resümee ist realitätsfremd und verkennt die tatsächliche Situation in Argentinien." Diesen Satz kann man nur unterstreichen! Aber anstatt sich kundig zu machen, folgt der Autor des Artikels offensichtlich nur der Selbstbeweihraeucherung des Senor Lavagna. Tatsache ist, dass bis heute Argentinien vollstaendig vom freien Kapitalmarkt abgeschnitten ist und -falls ueberhaupt- Geld nur von Hugo Chavez zu exorbitant hohen (> 12 %) Zinsen bekommt. Um Ausgaben des laufenden Staatshaushaltes zu decken, wurde das gesamte angesparte Kapital der privaten Pensionskassen verstaatlicht. Obwohl die Teuerungsrate von allen unabhaengigen Institutionen auf weit ueber 20 Prozent/Jahr berechnet wird, meldet das von regierungstreuen Beamten kontrollierte Statistikamt nur eine Inflationsrate von weniger als 10 Prozent; auf diese betruegerische Weise spart Argentinien zudem jaehrlich viele Millionen an Zinszahlungen fuer inflationsindizierte Anleihen. Auch heute ist die Kapitalflucht riesig, so dass in den letzten Monaten sogar Hunderte zusaetzlicher "Schnueffelhunde" eingesetzt wurden, um Bargeldbestaende bei der Ausreise aufzuspueren.

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