Atomausstieg „Deutschland ist da eher ein gallisches Dorf“

Während in Deutschland der Ausstieg aus der Kernkraft beschlossene Sache ist und "nur" noch die Laufzeit geklärt werden muss, setzt der Rest der Welt weitgehend auf Atomkraftwerke als Zukunfttechnologie. Die Internationale Atombehörde kann die deutsche Skepsis ohnehin nicht verstehen, Tschernobyl läge ja schon 24 Jahre zurück.
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Atomkraft bei Landshut: Die deutsche Abkehr von der Kernkraft läuft gegen den weltweiten Trend. Quelle: dpa

Atomkraft bei Landshut: Die deutsche Abkehr von der Kernkraft läuft gegen den weltweiten Trend.

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HB WIEN. Bei der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien hat man für das Wort "Brückentechnologie" nur ein müdes Lächeln übrig. Nach aktuellen Informationen der Behörde der Vereinten Nationen wird Atomtechnik in vielen Staaten als Energiequelle der Zukunft betrachtet. Während Deutschland über die Frage nach der Verlängerung von Laufzeiten für Atomkraftwerke streitet und Kanzlerin Angela Merkel Atomenergie als "Brückentechnologie" bezeichnet, planen aktuell 65 Länder ihren Einstieg in die Kernkraft. Die Behörde in Wien, die sich für die friedliche Nutzung von Atomkraft einsetzt, will ihre Abteilung für Nuklearenergie aufrüsten und warnt vor einem weltweiten Expertenmangel.

"Deutschland ist da eher ein gallisches Dorf", sagt der Chef der IAEA-Abteilung für Nuklearplanung und Wirtschaftsstudien, Hans- Holger Rogner. Selbst in anderen einst nuklear-kritischen Staaten habe Atomkraft inzwischen ein völlig anderes Image: "Der letzte Störfall ist mit Tschernobyl 24 Jahre her." Der IAEA vorliegende Meinungsumfragen gehen von einer steigenden Akzeptanz in der Bevölkerung aus.

Erst vor einigen Tagen korrigierte die Behörde ihre Schätzungen für die Zukunft von Nukleartechnik deutlich nach oben. Der Atomkraft- Anteil an der weltweiten Energiegewinnung könnte von 7,6 Prozent im vergangenen Jahr bis 2030 auf bis zu 10,4 Prozent steigen - statt den bisher angenommenen neun Prozent. In 50 Jahren könnten gar bis zu 11,9 Prozent der weltweiten Energie aus Reaktoren stammen.

Auch danach bleibt der Trend nach Rogners Einschätzung ungebrochen: "Aktuell sind weltweit 60 Reaktoren im Bau, diese und noch kommende würden dann erst an die Grenze ihrer Laufzeit kommen." Rein technisch hält der deutsche Atomexperte gar Laufzeiten von bis zu 100 Jahren für möglich, da ein Reaktor so gut wie komplett bei laufendem Betrieb modernisiert werden könnte.

Trotz aller Risiken ist Atomkraft nach Ansicht des Experten zu einfach, effektiv und auf lange Sicht auch zu günstig, als dass eine Welt mit steigendem Energiebedarf sie ignorieren könnte. Die günstige CO2-Bilanz in der Klimawandel-Diskussion und das Schwinden fossiler Brennstoffe seien für Industriestaaten gute Argumente, an Reaktoren festzuhalten oder neue zu bauen. Für Entwicklungs- und Schwellenländer fallen vor allem die Versorgungssicherheit und die niedrigen Betriebs- nach hohen Anschaffungskosten ins Gewicht. Die meisten nuklearen "Newcomer" liegen in Afrika oder Asien.

Probleme bereitet der Behörde in Wien ein Verlust des weltweiten Wissens über Nukleartechnik. "Es wurde 20 Jahre lang gepredigt, dass Nuklearenergie schlecht ist, deshalb haben wir heute kaum noch junge Leute, die sich damit auskennen", sagt Rogner. Die USA könnten heute keinen Druckwasserkessel aus einem Guss mehr bauen, Großbritannien habe Schwierigkeiten, Experten für seine Regulationsbehörde zu finden: "Deutschland hat auch Probleme wegen fehlenden Wissens." Neben vielen Staaten rechnet die IAEA künftig selbst auch mit einem erhöhten Bedarf an Spezialisten.

Ein "Aber" gibt es bei den IAEA-Prognosen, die von Wirtschaftsentwicklung bis zur allgemeinen Stimmung zig Faktoren mit einrechnen, doch noch: Ein weltweit beachteter Störfall mit vielen Toten. Dann müsste man bei dem Thema noch einmal ganz neu anfangen zu rechnen, sagt Rogner.

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8 Kommentare zu "Atomausstieg: „Deutschland ist da eher ein gallisches Dorf“"

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  • "Trotz aller Risiken ist Atomkraft nach Ansicht des Experten zu einfach, effektiv und auf lange Sicht auch zu günstig..."

    Atomkraft ist nicht günstig. Sie ist subventioniert. Würden die Subventionen wegfallen, wäre Schluss mit Atomstrom. Mehr dazu im Kommentar auf independence.Wirsol.de hier:
    http://independence.wirsol.de/news/was-heist-subvention/439

  • @Mischael:
    Uran ist endlich, aber es gibt eine Alternative. Mit der brütertechnologie und Plutonium läßt sich noch Energie erzeugen. Wenn nicht mit dem Volk, dann eben ohne deren Zustimmung. Von der Technik hat das normale Volk eh keine Ahnung.

  • Wir sollten uns nicht mit den Energieversorgern anlegen. Die Politik hat nicht aus heiteren Himmel heraus die Laufzeit verlängert, es nützt dem Volk. Hier müssen alle Neiddebatten mal außen vor bleiben. ich habe lieber ein AKW oder ein Endlager in der Nachbarschaft als im Winter mit kalten Hintern im Haus zu sitzen. Linke, mäßsigt euch endlich!

  • bin ich froh, dass wir da ein "gallisches Dorf" sind, haben wir wenigstens etwas, wodurch wir uns von anderen Ländern abheben. Atomkraft ist die teuerste Energieform, die zur Zeit eine Rolle spielt. Die Stromerzeugung an sich ist zwar vergleichsweise günstig, aber was bringt das, wenn alles andere besonders teuer ist? Keine Kraftwerksart muss man auch nur annähernd so teuer absichern wie ein AKW, keine Müllart muss man annähernd so teuer entsorgen wie Atommüll und bei keiner Kraftwerksart sind Unfälle annähernd so teuer wie bei einem AKW. Alles Kosten, die man einkalkulieren muss, denn alle paar Jahrzehnte ist mit einer größeren Atomkatastrophe irgendwo in der Welt zu rechnen, uns sie steigt sogar, denn um 1980 gab es noch keine 40 Jahre alten Reaktoren und es gab noch weniger Atommüll, zudem gab es mehr Experten, die sich mit dem Umgang mit einem AKW auskannten, sagt die iAEA ja schon selber. Warum sollte man eine Technologie betreiben, wenn man die geeigneten Experten für diese nicht hat? Und zum Thema CO2 ist die Argumentation der iAEA unschlüssig. Sie sagt, ohne Atomkraft können wir die industrie auf dem heutigen Niveau nicht aufrechterhalten. Damit hat sie zwar nicht Recht, denn wir können auch ohne Atomkraft so viel Strom erzeugen wie wir es jetzt tun. Aber wenn sie Recht hätte, würde das bedeuten, dass die wegfallende industrie entsprechend weniger CO2 ausstoßen würde.

  • Danke der iAEA. Es ehrt uns, dass wir es in diesen Vergleich schaffen und zeigt, wie mächtig die Atomwelt, aber auch der Widerstand zu sein scheint. Und am Ende gewinnt immer das gallische Dorf. So erinnere ich gerne zu dem Thema günstiger Strom, Machtverhältnisse und Geld an den freien Anfang eines jeden Asterixheftes:
    Wir befinden uns im Jahr 2010 n. Chr. Die ganze Welt ist von der Atomlobby besetzt....die ganze Welt? Nein! Ein von unbeugsamen Europären bevölkerte Gegend Deutschland/Wendland hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Atomlobby, die als besatzung in den befestigen Lagern Frankreich, USA, Russland und iran liegen.

  • @ Michael

    „....solange ich nicht die zukünftigen Kosten der Atommüllentsorgung mit einkalkuliere!“

    Die Rücklagen dafür sind und werden gebildet.

    „....was es bedeutet den Müll über Jahrtausende oder langer so unter Kontrolle zu haben daß er uns nicht schadet!“

    Welcher Schaden geht von Atommüll aus, der 900m tief unter der Erdoberfläche liegt?

    Welcher Schaden geht von den derzeit schon existierenden Giftmülldeponien aus, die teilweise schon heute und in Zukunft das Grundwasser verseuchen und in 100000 Jahren immer noch giftig sind?

  • Atomstrom ist auch nur solange "billig", solange ich nicht die zukünftigen Kosten der Atommüllentsorgung mit einkalkuliere! Wir nutzen die Atomkraft einige Jahrzehnte, da können wir doch garnicht kalkulieren was es bedeutet den Müll über Jahrtausende oder langer so unter Kontrolle zu haben daß er uns nicht schadet!

    Wie wichtigste und interessanteste Frage bleibt die tolle iAEA schuldig: Wohin mit dem Atommüll?

    Einen Vorteil hat auch Uran: Es ist endlich! :-)

  • Merkel, Röttgen und die Grüninnen:
    Morgenthau reloaded.

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