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Auftritt in Harvard Merkel legt das Fundament für ihren Abschied von der Kanzlerschaft

Vor Tausenden Elitestudenten zog Angela Merkel eine Bilanz ihres politischen und privaten Lebens – und grenzte sich deutlich von Donald Trump ab.
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Für diese Rede erntet Merkel stehenden Beifall in Harvard

CambridgeAm Anfang eines langen, bewegenden Tages sitzt Angela Merkel auf einer Bühne mit Blick auf das Harvard-Gelände, die Besuchermenge zieht sich über den Campus, selbst die Freitreppe der Bibliothek ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Bundeskanzlerin schaut auf ein Meer aus schwarzen und roten Roben. Sie selbst ist in so ein Gewand gekleidet, weil sie die Ehrendoktorwürde der ältesten amerikanischen Universität verliehen bekommt.

Alles an diesem Ort strahlt Pracht, Privileg und Tradition aus, und für mehr als 7000 Absolventen bringen die Abschlussfeiern Erleichterung, Freiheit, Stolz. Für Merkel ist der Anlass eine Vorschau in ein Leben jenseits der Tagespolitik. In eine Zeit, in der sie nicht mehr Kanzlerin, sondern Ex-Kanzlerin sein wird.

Noch, natürlich, führt sie die Regierungsgeschäfte in Deutschland. „Ihre Mauer brach ein, und sie stieg auf, um ihr Land und Europa durch Veränderungen und Herausforderungen zu leiten“, sagt Universitätspräsident Lawrence Bacow, kurz bevor er „Angela Dorothea Merkel“ mit der Ehrendoktorwürde, unter anderem für ihre Flüchtlingspolitik, auszeichnen wird.

Die Kameras zoomen, Merkel lächelt, das Publikum jubelt. Es ist ein ungewöhnlicher Moment für eine Politikerin mit ostdeutschen Wurzeln, der die russische Sprache lange geläufiger gewesen sein muss als die englische. Und doch wirkt Merkel, die das Ende ihrer Kanzlerschaft für 2021 erklärt hat, nicht wie ein Fremdkörper in der internationalen Denker-Elite.

Sie passt auf diese Bühne, auf der sie einige Stunden später die sogenannte Commencement-Rede halten wird, als Hauptgast der Abschlusszeremonie. Auch Konrad Adenauer, Helmut Schmidt und Helmut Kohl durften an diesem renommierten Ort sprechen, und in den vergangenen Jahren waren Facebook-Chef Mark Zuckerberg, Microsoft-Gründer Bill Gates oder der langjährige Uno-Generalsekretär Kofi Annan eingeladen. Die Idee ist, dass große Vorbilder Inspiration geben, doch die Umstände der Merkel-Rede machten diese besonders interessant.

Denn zu Hause, in Europa, mag sie mit einer vermasselten Europawahl, einer Krise der Volksparteien und heiklen Youtube-Videos konfrontiert sein. Hier, in den USA, vor allem in einer linksliberalen Intellektuellen-Hochburg wie Harvard, sieht man das „big picture“, man sieht Merkels lange Linien über bald vier Amtszeiten.

„Es ist eine neue Welt“ sagt der Rentner Acisilaos Manickas, US-Bürger mit griechischen Wurzeln, der für den Abschluss seiner Enkelin angereist ist. Merkel, sagt er, versuche noch, Teile der alten Welt zusammenzuhalten. Er muss nicht weitersprechen, weil man weiß, welche Welt er meint: eine mit stringenten Allianzen, ohne Brexit, ohne Präsidenten-Tweets mit sieben Ausrufezeichen.

Angriff auf Trumps verdrehte Wahrheiten

Es ist genau diese Erwartungshaltung, wegen der Merkel eingeladen wurde, und genau die bedient sie in Harvard und wird dafür begeistert empfangen. „Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln, global statt national, weltoffen statt isolationistisch“, sagt sie unter Jubel. „Protektionismus und Handelskonflikte gefährden den freien Welthandel und damit die Grundlagen unseres Wohlstandes“.

Im Kontext von Handelskrieg und ständigen Drohungen aus dem Weißen Haus sind das nicht nur theoretische Feststellungen. Sie spiegeln wider, dass sich einstige Gewissheiten immens verschoben haben. Dass am Ende von Merkels Amtszeit viele Dinge nicht mehr so sein werden wie am Anfang.

Im Vorfeld war viel spekuliert worden, ob die Kanzlerin US-Präsident Donald Trump direkt kritisieren werde. Doch Merkel wählte einen für sie sehr typischen Weg: Ihre Botschaften waren unmissverständlich, aber so verpackt, dass der Vorwurf einer Frontalattacke im Zweifelsfall stets von sich gewiesen werden könnte.

Sie habe „gelernt, dass auch für schwierige Fragen Antworten gefunden werden können“, sagt sie etwa, und zwar am besten, indem man unter Entscheidungsdruck „nicht immer unseren ersten Impulsen folgen, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen“.

Das ist so ziemlich das Gegenteil der Trump’schen Drohpolitik, und an dieser Stelle lässt Merkel klare Missbilligung durchschimmern. „Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen.“ Die Zuhörer erheben sich von ihren Klappstühlen, schenken ihrem Ehrengast Applaus und Bravo-Rufe.

Dass sie das transatlantische Verhältnis preist, die Freundschaft einstiger Kriegsgegner, ist für eine deutsche Kanzlerin zwar wenig überraschend. Harvard ist zudem ein wichtiger Ort für die deutsch-amerikanischen Beziehungen: So wurde der Marshall-Plan für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg vom gleichnamigen US-Außenminister hier verkündet.

Auch Merkels Verhältnis mit den USA hat eine regelrechte Evolution durchgemacht. Als Physikerin in Ost-Berlin, erzählt sie den Harvard-Studenten, habe sie in der Nähe der Mauer gewohnt. „Jeden Tag musste ich kurz vor der Freiheit abbiegen. Wie oft habe ich gedacht, das halte ich nicht aus. Es war wirklich frustrierend.“

2009, in ihrer Rede vor dem US-Kongress, erzählte sie von Westverwandten, die Filme und Bücher über Amerika einschmuggelten, von ihrer Sehnsucht nach Jeans, von ihrer ersten Kalifornien-Reise nach dem Mauerfall. 2011 bekam sie von Barack Obama die Freiheitsmedaille verliehen.

In den Jahren danach blieb Merkel eine Konstante Europas, doch auf der anderen Seite des Atlantiks änderte sich die Politik radikal. Ob es zeitnah zu einem persönlichen Treffen zwischen Trump und Merkel, etwa am Rande eines Gipfels, kommen wird, ist unklar. Auch für gegenseitige Staatsbesuche gibt es keine konkreten Pläne.

Merkel spricht über Ende ihrer Kanzlerschaft

In dieser Phase der Verunsicherung sollte Merkels Auftritt grundsätzliche Fragen beantworten: Welche Werte bleiben, für welche Werte lohnt es sich zu kämpfen? Nicht nur Merkel versuchte, darauf eine Antwort zu finden.

Die Studentin Genesis Noelia De Los Santos Fragoso trieb Besuchern Tränen in die Augen, als sie von ihrer Kindheit in einer Siedlung für sozial Schwache erzählte. Ihre Nachbarn hätten ihre Familie nach einem Verkehrsunfall ihres Vaters „genährt, gekleidet, umsorgt“, diese Stabilität habe sie nach Harvard geführt.

Im Gedächtnis blieb auch die Rede der Absolventin Lucila Hanane Takjerad, deren Familie nach dem algerischen Bürgerkrieg über die Flüchtlingslotterie nach Frankreich kam. Ihre Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Ein Fremder half ihr beim Ausfüllen der Papiere. Lucila hält jetzt als erste in ihrer Familie einen Uni-Abschluss in der Hand.

Aufstiegsgeschichten wie diese sind berührend, tröstend, relevant, und sie fügen sich in Merkels „Wir schaffen das“-Vision von 2015. Allerdings wurde Merkel in Harvard zum Teil für vermeintliche Verdienste gefeiert, die sie gar nicht selbst vorantrieb, wie den Mindestlohn oder die Ehe für Alle.

Streckenweise pries ihre Rede progressive Ideale von Klimaschutz, Bildung, Aufbruch und Zukunftsmut. Die Realität ihrer Kanzlerschaft und ihrem Vorsitz einer konservativen Partei sah freilich differenzierter aus.

Doch Merkel konnte sich in Harvard den Luxus erlauben, von den Mühen der Tagespolitik für wenige Stunden befreit zu sein und ihren absehbaren Rückzug zu reflektieren. Bald seien die Politikerinnen und Politiker ihrer Generation „Leadership in History“, sagte sie. „Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt? Es ist völlig offen. Nur eines ist klar: Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein.“

Mehr: Lesen Sie hier die Rede von Angela Merkel im Wortlaut.

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