Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

August Hanning im Interview Ex-BND-Chef: „Der Iran ist der Unruhestifter in der Region“

August Hanning erkennt unmittelbare Kriegsgefahr am Golf und warnt Europa vor einer Koalition gegen die USA. Die Bundeswehr sieht er in der Pflicht.
1 Kommentar
Die Stimmung ist anti-amerikanisch aufgeheizt. Der ehemalige BND-Chef sieht im Iran einen Aggressor. Quelle: Reuters
Graffiti in Teheran

Die Stimmung ist anti-amerikanisch aufgeheizt. Der ehemalige BND-Chef sieht im Iran einen Aggressor.

(Foto: Reuters)

Berlin Der frühere Chef des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, hat sich für ein stärkeres Engagement der Bundeswehr im Nahen Osten ausgesprochen. „Einerseits beklagen wir den amerikanischen Rückzug aus der Region“, sagte Hanning im Interview mit dem Handelsblatt. „Andererseits sind wir aber nicht bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen, obwohl der Konflikt vor unserer Haustür tobt.“

Auf Dauer werde sich Deutschland einem stärkeren Engagement nicht entziehen und „keine Option ausschließen” können – auch nicht die Entsendung von Bodentruppen. Damit widerspricht Hanning der Bundesregierung, die am Montag die amerikanische Bitte zurückgewiesen hatte, Bundeswehrsoldaten nach Syrien zu schicken.

Mit großer Sorge sieht Hanning den Konflikt um das iranische Atomprogramm. Er glaube derzeit aber nicht, „dass der Iran die Entscheidung zur Bau einer Nuklearwaffe schon getroffen hat“. Das sei die rote Linie, auf die man achten müsse. Die Versuche der Europäer, mit der Handelsplattform Instex die US-Sanktionen gegen den Iran teilweise zu umgehen und so das Abkommen zu retten, hält Hanning für wenig aussichtsreich – und gefährlich: „Wir sollten uns davor hüten, mit Russland und China eine Koalition gegen die USA zu bilden.“

Lesen Sie hier das ganze Interview

Herr Hanning, der Iran fährt sein Atomprogramm schrittweise wieder hoch. Was können die Europäer tun, um eine Eskalation zu vermeiden?
Wir erleben nun zum ersten Mal Verletzungen der Vereinbarungen. Ich glaube, dass der Iran die Entwicklung der Fähigkeit zum Bau einer Nuklearwaffe nie aufgegeben hat. Und wir wissen, dass er bis zum Jahr 2003 gezielt an der Entwicklung einer Nuklearwaffe gearbeitet hat. Doch momentan habe ich nicht den Eindruck, dass der Iran die Entscheidung zum Bau einer Nuklearwaffe schon getroffen hat. Das ist die rote Linie, auf die man achten muss. Wenn Iran sie überschreitet, wird es kritisch.

Droht dann ein neuer Golfkrieg?
Militärische Optionen sind, wenn überhaupt, nur die Ultima Ratio. Natürlich hätten die USA mit ihrer überlegenen Feuerkraft die Möglichkeit, erhebliche Zerstörung im Iran anzurichten. Aber letztlich lässt sich der Iran in der gegenwärtigen Lage militärisch nicht besiegen. Er hätte erhebliche Möglichkeiten, seinerseits Zerstörung anzurichten. Etwa könnte er Ölförderanlagen angreifen oder den Schiffsverkehr blockieren.

Auf Dauer werde sich Deutschland einem stärkeren Engagement nicht entziehen können, so der Ex-BND-Chef. Quelle: ddp images/Dominik Bindl
August Hanning

Auf Dauer werde sich Deutschland einem stärkeren Engagement nicht entziehen können, so der Ex-BND-Chef.

(Foto: ddp images/Dominik Bindl)

Geht die US-Strategie, den Nuklearpakt aufzukündigen und durch maximalen Sanktionsdruck zu ersetzen, nach hinten los?
Wir müssen uns zunächst das Atomabkommen noch einmal genauer anschauen. Die Vereinbarung hat nicht nur Vor-, sondern auch beachtliche Nachteile, und Letztere unterschätzen wir in Deutschland: Das Raketenprogramm ist durch das Abkommen nicht erfasst worden, die Laufzeit begrenzt. Die Erwartung war, dass der Iran sich auf seine wirtschaftliche Entwicklung konzentriert und die Spannungen in der Region zumindest nicht erhöht. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Vor allem das Raketenprogramm ist sehr beunruhigend. Die Iraner arbeiten mit Hochdruck an höheren Reichweiten, verbesserter Treffergenauigkeit, bis hin zur Überwindung von Raketenabwehrsystemen. Damit bedrohen sie Israel, Europa und langfristig auch die USA.

Könnten Nachverhandlungen die Defizite des Atomabkommens ausgleichen – und einen Krieg abwenden?
Eine Verhandlungslösung wäre sicher gut. Aber dafür muss zunächst der Iran seine Politik ändern. Wir sehen, dass der Iran sehr aktiv im Gazastreifen, in Syrien, im Irak und auch im Jemenkonflikt agiert. Saudi-Arabien kommt aus dem Jemen unter Beschuss von Raketen aus iranischer Herstellung. Die Hoffnung, dass der Iran mit dem Abschluss des Atomabkommens eine konstruktive Rolle in der Region spielen könnte, hat sich als unrealistisch erwiesen. Irans Revolutionsführer Ali Chamenei spricht weiter davon, Israel auszulöschen. Gerade als Deutsche sollten wir das bedenken.

Berlin, Paris und London haben viel Energie in den Aufbau der Handelsplattform Instex gesteckt, um legale Geschäfte mit dem Iran vor US-Sanktionen zu schützen. Was halten Sie davon?
Ich halte davon gar nichts. Zu glauben, wir könnten die wirtschaftlichen Auswirkungen der amerikanischen Iransanktionen ausgleichen, war von Anfang an unrealistisch. Zahlungsströme sind sicher ein Problem für den Iran. Aber alle Unternehmen, die sich zwischen dem iranischen und dem US-Markt entscheiden müssen, werden den US-Markt wählen. Und da hilft ihnen Instex nichts. Wir sollten uns davor hüten, mit Russland und China eine Koalition gegen die USA zu bilden.

Mit ihren Sanktionen stärken die USA ausgerechnet die Hardliner, deren Politik sie fürchten. Liegt darin nicht die besondere Tragik dieses Konflikts?
Nein, die eigentliche Macht im Iran liegt ohnehin beim religiösen Führer Ali Chamenei und beim Revolutionsrat, der weiter von den Konservativen dominiert wird. Das gilt gerade für die Außen- und Sicherheitspolitik. Die sogenannten Reformer um Premier Hassan Ruhani haben auf die Aktivitäten in Syrien, im Gazastreifen und im Jemen eigentlich keinen Einfluss.

Ihr früherer Kollege, Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy, sagte uns erst kürzlich: Der Iran verhalte sich rational – im Unterschied zu den USA.
Ich weiß nicht, ob es klug ist, wenn der Iran an seinen nuklearen Ambitionen festhält. Ich weiß auch nicht, ob es klug ist zu versuchen, Nachbarländer zu destabilisieren. Insofern kann ich Halevy nicht zustimmen, ich halte die iranische Politik nicht für rational. Teheran wäre gut beraten, sich darauf zu konzentrieren, das Leben der Iraner zu verbessern und das Land zu modernisieren. Über die US-Politik kann man streiten, aber Sanktionen sind durchaus ein Mittel, um Druck auszuüben und politische Ziele zu erreichen. Der Iran versucht, seine Machtansprüche auf die Region auszuweiten. Er hat die Ressourcen, die durch das Atomabkommen freigegeben wurden, leider dazu verwendet, Gruppierungen zu unterstützen, die die staatliche Ordnung in den Nachbarstaaten untergraben.

Was die Trump-Regierung fordert, läuft faktisch auf die Kapitulation des iranischen Regimes hinaus. Ist es realistisch, das zu erwarten?
Das sehe ich anders, eine Forderung nach einer Kapitulation sehe ich nicht, nur nach einer Verhaltensänderung. Wir hätten keinen Konflikt, wenn sich der Iran auf die eigene Wohlfahrt, auf die eigene wirtschaftliche Entwicklung, kurzum auf seine eigenen nationalen Interessen konzentriert hätte.

Jedes Land hat Sicherheitsinteressen – die Saudis, die Israelis und auch der Iran. Ist es nicht verständlich, dass die Drohungen aus Washington und die Aufrüstungspolitik der Saudis die iranische Führung beunruhigen?
Das Entscheidende ist doch: Niemand hat ein Interesse, Iran anzugreifen oder iranisches Territorium zu besetzen. Umgekehrt gibt es Stimmen im Iran, die erklären, dass Bahrain eigentlich zum Iran gehöre. Wir haben die Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel. Wir sehen das Ausgreifen des iranischen Einflusses im Jemen. Die Saudis haben Sorge, dass ihre heiligen Stätten aus dem Jemen heraus bedroht werden. Kurz: Diejenigen, die aggressiv gegenüber ihren Nachbarn sind, sind die Iraner selbst. Der Iran ist der Unruhestifter in der Region.

Teilen Sie die Auffassung der Amerikaner, dass der Iran auch Hauptexporteur des islamistischen Terrors ist?
Das muss man differenzierter sehen. Mit al-Qaida und anderen sunnitischen Gruppierungen hat der Iran nichts zu tun. Aber er sieht sich als Anwalt der Schiiten in der Region. Er unterstützt die Hisbollah-Miliz im Libanon, die durchaus terroristische Aktivitäten entfaltet hat. Auch, wie die Huthis im Jemen agieren, kann man im weiteren Sinne als terroristisch beschreiben. Der Iran unterstützt asymmetrische Kriegsführung außerhalb des eigenen Territoriums.

Das allerdings war uns im Westen auch ganz recht, als iranische Truppen in Syrien und im Irak die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zurückdrängten.
Ich würde das anders formulieren: Durch den Irakkrieg und den Rückzug der Amerikaner 2011 ist ein Vakuum entstanden, in das der Iran vordringen konnte. Ja, wir hatten beim Kampf gegen den IS einen gemeinsamen Feind, aber das heißt nicht, dass man mit den iranischen Milizen sympathisieren sollte. In ihren Methoden unterscheiden sie sich oft wenig von den brutalen Taktiken des IS.

Die USA haben die Bundesregierung aufgefordert, Bodentruppen nach Syrien zu schicken. Sollte sich Berlin darauf einlassen?
Das ist eine schwierige Frage. Einerseits beklagen wir den amerikanischen Rückzug aus der Region. Andererseits sind wir aber nicht bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen, obwohl der Konflikt vor unserer Haustür tobt. Wir müssen uns mit den Amerikanern, der Türkei und Russland an einen Tisch setzen, um eine Friedenslösung zu erreichen. Auf Dauer wird sich Deutschland stärker engagieren müssen. Ob wir dann diejenigen seien würden, die Bodentruppen stellen, bezweifle ich. Aber im Ergebnis sollten wir keine Option ausschließen.

Herr Hanning, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Ex-Mossad Chef sieht Verhandlungswillen aus Teheran. Im Handelsblatt-Interview erklärt er, warum er die Verschärfungen der Iran-Sanktionen für einen Schritt in die falsche Richtung hält.

Startseite

Mehr zu: August Hanning im Interview - Ex-BND-Chef: „Der Iran ist der Unruhestifter in der Region“

1 Kommentar zu "August Hanning im Interview: Ex-BND-Chef: „Der Iran ist der Unruhestifter in der Region“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Kriegsgefahr am Golf besteht, weil die USA weiterhin einen Regime-Change im Iran
    erwirken wollen. Siehe Krieg Iran-Irak, wo die USA die Verbuendeten von Saddam waren.
    Wer dies natuerlich auch bewirken will, sind die Saudis, die ihre mittelalterliches Regime
    bedroht sehen. Wir sollen und muessen uns schlicht draushalten. Im uebrigen verdanken
    wir dem Iran und Russland die Niederlage des I.S., der nur die Foerderung der Saudis
    entstehen konnte.