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Aus Deutschland ins Kriegsgebiet Die Abgeschobenen – drei Leben in Afghanistan

Ein Jahr, acht Flüge, 155 abgeschobene Afghanen – und die Debatte in Deutschland: Darf man Menschen in ein Kriegsgebiet zurückschicken? Ein Blick in das Leben von drei jungen Männern, die zurückkehren mussten.
21.12.2017 - 14:16 Uhr Kommentieren
Rückkehrer nach Afghanistan stehen vor riesigen Herausforderungen. Quelle: AFP
Familie in Kabul

Rückkehrer nach Afghanistan stehen vor riesigen Herausforderungen.

(Foto: AFP)

Kabul Badam Haidari lebt weiter wie gelähmt in der Hütte am Rande der Hauptstadt Kabul. Arasch Alokosai kommt nicht voran mit seiner deutschen Hochzeit. Matiullah Asisi hat Arbeit gefunden, aber kämpft mit Depressionen. Wie geht es jenen, die Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten nach Afghanistan abgeschoben hat?

Vor gut einem Jahr, am 14. Dezember 2016, hat die Bundesregierung damit begonnen, afghanische Flüchtlinge mit Direktflügen abzuschieben. 155 abgelehnte Asylbewerber sind seitdem nach Afghanistan zurückgebracht worden. In acht Flugzeugen saßen Männer, die in Deutschland Job und Wohnung hatten, Männer, die monatelang in Lagern saßen und nie Deutsch gelernt haben, Männer, die abgeholt wurden aus dem Gefängnis, aus dem Job oder aus dem Kurs in der Berufsschule. Und in Deutschland ist eine emotionale Debatte entbrannt: Ist es rechtens – oder human – Menschen in ein Kriegsland abzuschieben?

In diesem einen Jahr hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan noch einmal drastisch verschlechtert. Die Taliban, die schon kurz nach dem Einmarsch der internationalen Streitkräfte in Afghanistan vor 16 Jahren als geschlagen galten, kehren zurück. Mit Macht. Sie kontrollieren, so sagen internationale Militärs, heute wieder 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Gleichzeitig wächst ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Allein in Kabul – Zielort aller Abschiebeflüge – gab es in diesem Jahr rund 20 große Anschläge mit Hunderten von Toten und Verletzten.

Matiullah Asisi wurde im Dezember 2016 nach acht Jahren in Deutschland mit dem ersten Abschiebeflug von Bund und Ländern nach Afghanistan zurückgebracht. Quelle: dpa
Matiullah Asisi

Matiullah Asisi wurde im Dezember 2016 nach acht Jahren in Deutschland mit dem ersten Abschiebeflug von Bund und Ländern nach Afghanistan zurückgebracht.

(Foto: dpa)

Einigen Abgeschobenen ist die Deutsche Presse-Agentur weiter gefolgt – Matiullah Asisi zum Beispiel, der mit dem ersten Abschiebeflug im Dezember 2016 nach Afghanistan zurückgebracht worden war. Er ist der einzige der unfreiwilligen Rückkehrer, die die dpa in Afghanistan regelmäßig besucht, der einen Job gefunden hat – ausgerechnet bei einer internationalen Organisation, die psycho-soziale Hilfe für rückkehrende Migranten und Binnenflüchtlinge anbietet. Mehr als 250.000 Afghanen sollen 2016 das Land verlassen haben, aber noch sehr viel mehr Afghanen sind im eigenen Land auf der Flucht vor dem Krieg – 660.000 im vergangenen Jahr, mehr als 400.000 in diesem.

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    Asisi, dem Ärzte in Deutschland seelische Probleme bescheinigten, hatte bei dieser Organisation anfangs selber Hilfe gesucht. Jetzt versucht der 23-Jährige, anderen zu helfen – aber das tut ihm nicht immer gut. „Ich sehe alle diese Leute nach Kabul kommen, weil bei ihnen Krieg ist“, sagt er mit Blick auf Flüchtlinge aus anderen Landesteilen. „Aber wo gehen wir hin, wenn der Krieg nach Kabul kommt?“ Asisi fürchtet sich vor Autobomben im dichten Verkehr, vor Überfällen auf dem Weg nach Hause – Afghanistan, das gefährliche Land, ist ihm nach der Jugend in Deutschland gründlich fremd. „Ich fühle mich oft so traurig“, sagt er.

    Menschen wie Matiullah Asisi säßen heute allerdings nicht mehr auf Abschiebeflügen, denn nicht nur die Sicherheitslage, sondern auch die Abschiebepraxis hat sich in den vergangenen Monaten drastisch verändert. Nachdem im Mai vor der deutschen Botschaft in Kabul eine massive Lastwagenbombe explodiert war, hat die Bundesregierung Abschiebungen auf drei Kategorien von abgelehnten Asylbewerbern beschränkt: auf Straftäter, auf Gefährder – also Menschen, denen die Behörden terroristische Taten zutrauen – und Flüchtlinge, die „die Mitarbeit an der Feststellung ihrer Identität verweigern“.

    „Das ist so ungerecht“, sagt Badam Haidari bei einem Treffen im Oktober. „Vor ein paar Monaten wir, die in Deutschland Miete und Steuern gezahlt haben und jetzt nur noch Verbrecher und Terroristen?“

    Haidari, heute 34 Jahre alt, hat acht Jahre lang in Würzburg gelebt. Er habe Vollzeit gearbeitet, bei Burger King, sagt er. Im Januar wurde er trotzdem abgeschoben. Seit der Ankunft lebt er bei einem Freund der Familie in einem Häuschen außerhalb von Kabul. Wind, Berge, Matsch, sonst nichts. Er und der alte Mann sind allein.

    Badam Haidari wurde im Januar 2017 aus Deutschland abgeschoben. Acht Jahre lang hat er in Würzburg gelebt, fünf davon Vollzeit bei Burger King gearbeitet. Quelle: dpa
    Badam Haidari

    Badam Haidari wurde im Januar 2017 aus Deutschland abgeschoben. Acht Jahre lang hat er in Würzburg gelebt, fünf davon Vollzeit bei Burger King gearbeitet.

    (Foto: dpa)

    Haidari hat nie aus der Lähmung nach der Abschiebung herausgefunden. In seine Heimatprovinz Gasni kann er nicht. Cousins sind da bei den Taliban – sie waren vor Jahren der Grund für seine Flucht nach Europa. Haidaris Job als Wächter bei einer US-Organisation war ihnen ein Dorn im Auge gewesen, sie hatten Druck gemacht. Seine Frau, die Kinder und die Eltern leben heute in Pakistan, aber Pakistan wirft derzeit Afghanen hinaus, und das Geld für Reise und Visum hat Haidari eh nicht. Er lebt von den 50 Euro, die ihm der Bruder, der noch in Deutschland ist, ab und zu schickt.

    „Außerdem: Wenn ich nach Pakistan gehe, wird die Familie fragen: Und was hast Du aus Deutschland mitgebracht?“, sagt Haidari. „Ich habe doch nichts.“ Hätte er Geld – er wäre sofort wieder auf dem Weg nach Deutschland. Die Vergangenheit könne man nicht vergessen. „Ein Jahr in Deutschland vielleicht – aber acht?“

    Der Traum, zurückzugehen ist vielen Abgeschobenen gemein: dem Straftäter mit fast zwei Jahren Gefängnis auf dem Buckel vom jüngsten Flug am 6. Dezember 2017, der gesagt hatte, er hole sich jetzt einen neuen Pass, und dann gehe er über die Türkei wieder nach Deutschland. Oder all den jungen Männern, die Badam Haidari und Matiullah Asisi von ihren Abschiebeflügen kennen, die wieder geflohen sind.

    Die Rückkehr nach Deutschland als einzige Perspektive
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