Ausbildung Wie ein Informatiker jungen Flüchtlingen in Afrika eine Zukunft bietet

Viele Menschen fliehen vor dem religiös motivierten Konflikt in Zentralafrika. In einem Flüchtlingslager bietet Informatikunterricht eine Perspektive.
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Sein Unterricht sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, sagt Salet. Aber der einzige, den die Kinder im Flüchtlingslager bekommen. Quelle: dpa
Flüchtlingslager

Sein Unterricht sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, sagt Salet. Aber der einzige, den die Kinder im Flüchtlingslager bekommen.

(Foto: dpa)

Bangassou Knifflige Probleme löst der Informatiker Djamaladine Mahamat Salet häufiger. Dass es keinen Strom und kein Internet gab, hielt den 38-Jährigen nicht davon ab, in einem Flüchtlingslager im Süden der Zentralafrikanischen Republik einen Computer-Unterricht auf die Beine zu stellen. Salet lieh sich vier Laptops, hing Solarmodule an eine Batterie und zimmerte ein Klassenzimmer aus alten Plastikplanen, Maschendraht und Holz. Irgendwo fand er auch eine Tafel.

Zwei Stunden pro Tag bringt der freundlich wirkende Mann mit dem dünnen Schnurrbart den Teenagern nun bei, wie man Computer, das Internet oder Microsoft Word bedient. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber besser als nichts, meint Salet: „Ich versuche diese Schüler vorzubereiten, damit sie Erfolg haben, wenn sie später an eine Universität gehen.“ Ohne seine Initiative hätten rund 100 Jugendliche in dem Lager gar keine Schule.

Der Zusammenbruch des Schulsystems ist nur eine der Auswirkungen eines Bürgerkriegs, der die Zentralafrikanische Republik seit Ende 2012 beutelt. Jedes dritte Kind ist dem UN-Kinderhilfswerk zufolge auf der Flucht und geht nicht zur Schule. Es drohe eine „verlorene Generation“, die nicht zum Wiederaufbau beitragen könne, warnt Unicef. Und der ist bitter nötig: Der Staat ist einem UN-Entwicklungsindex zufolge das ärmste Land der Welt.

Etwa ein Viertel der rund fünf Millionen Zentralafrikaner sind auf der Flucht. Mehr als 540.000 Menschen sind außer Landes geflohen, rund 700.000 innerhalb der Landesgrenzen, weil immer wieder Gewalt aufflammt. Die humanitäre und politische Krise beschäftigt derzeit auch die Vereinten Nationen.

Am Rande der UN-Vollversammlung in New York wird unter Führung des UN-Generalsekretärs António Guterres und des Präsidenten Faustin Touadéra beraten, wie Zentralafrika aus der Krise geholfen werden kann. Der Konflikt verläuft auf den ersten Blick entlang religiöser Linien: 2013 stürzte das vorwiegend muslimische Rebellenbündnis Seleka den christlichen Präsidenten François Bozizé und übernahm die Herrschaft über die mehrheitlich christliche Bevölkerung.

Dann wurden sie von vorwiegend christlichen Milizen, Anti-Balaka genannt, zurückgedrängt. Morde, Vergewaltigungen, zerstörte Dörfer und Massenvertreibungen – beiden Seiten werden schwere Gewalttaten vorgeworfen. Nachdem sich mit dem Eingreifen französischer Soldaten 2013 und der Entsendung von UN-Friedenstruppen die Lage zeitweise beruhigte, brachen Anfang 2017 neue Kämpfe aus. Bis heute sind in dem Land rund 13.000 Blauhelme stationiert.

Doch der Eindruck klarer religiöser Fronten täuscht auch. Zwar waren es christliche Milizen, die den Informatiker Salet und rund 1600 andere Muslime im Mai 2017 aus dem Marktflecken Bangassou an der Grenze zum Kongo verjagten und weiterhin bedrohen. Doch Zuflucht bietet ihnen ausgerechnet die katholische Kirche, auf deren Gelände die Vertriebenen nun in Hütten aus Holz, Blech und Planen ausharren. Überall im Land finden sich Kirchen, die Muslime beherbergen.

Die Religionsführer des Landes demonstrieren schon seit langem Einigkeit und bemühen sich gemeinsam um Frieden. Auch Papst Franziskus besuchte das Land 2015 und nannte Christen und Muslime „Brüder“, die sich zusammen für den Frieden einsetzen müssten. Alle Verantwortlichen „arbeiten für die Rückkehr des Friedens und des sozialen Zusammenhalts, das Zusammenleben und die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat“, sagt der Bischof von Bangassou, Juan-José Aguirre Muñoz.

Es gebe allerdings immer junge Menschen, die sich von den Konfliktparteien anstacheln ließen. Für viele Flüchtlinge ist eine Rückkehr zur Normalität daher noch lange nicht in Sicht. „Wir wollen nach Hause gehen, aber die Situation ist immer noch sehr schwierig. Es gibt keine Sicherheit“, sagt Ali Idriss, Anführer der Muslime, die in der katholischen Gemeinde festsitzen. „Wenn wir in die Stadt zurückkehrten, würden wir aufgehalten und umgebracht werden. Also müssen wir hier bleiben. Wir gehen nie raus.“

Auch ihre Lebensgrundlage sei fort, sagt Idriss. „Wir haben nichts. Wir haben alle unsere Häuser verloren. An manchen Orten haben andere Leute das Land übernommen und neue Häuser gebaut.“ Salets Computer-Unterricht ist für die jungen Vertriebenen in dem Lager zumindest ein Hoffnungsschimmer.

Sobald im Land Frieden herrschen sollte, werden Salets Schüler eine bessere Chance auf ein gutes Leben haben. Die Unicef-Landesdirektorin Christina Muhigana sagt, der Wiederaufbau des Landes werde wegen der verlorenen Bürgerkriegsgeneration schwierig werden. „Man hat Tränen in den Augen, wenn man sieht, wie die Menschen leben. Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, dass es schlimmer werden könnte.“

  • dpa
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