Ausländische Investoren verärgert „Land der vergebenen Chancen“ – Daimler-Manager kritisiert Indien

Ausländische Investoren sind mit der Politik von Premierminister Narendra Modi unzufrieden. Ein ranghoher Daimler-Manager findet deutliche Worte.
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Die Wirtschaftspolitik von Modi soll mehr schaden als nutzen. Quelle: AFP
Indiens Ministerpräsident Narendra Modi

Die Wirtschaftspolitik von Modi soll mehr schaden als nutzen.

(Foto: AFP)

BangkokDie Regierung von Indiens Ministerpräsident Narendra Modi ist in Feierlaune: „Indien hat seinen Status als die weltweit am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft zurückerlangt“, jubelt Eisenbahnminister Piyush Goyal am Donnerstag auf Twitter. Kurz zuvor hatte die Statistikbehörde seines Landes die Wachstumsrate von 7,2 Prozent für das letzte Quartal 2017 verkündet.

Damit gelang es den Indern nach einem zwischenzeitlichen konjunkturellen Einbruch wieder an den Chinesen vorbeizuziehen. Zu verdanken sei das der entscheidungsstarken Führung durch Modi und seinen bahnbrechenden Reformen, erklärt Goyal.

Doch nicht jeder sieht die wirtschaftliche Lage so rosig wie er. In dieser Woche sorgte ein namhafter ausländischer Investor für Aufsehen, der sich ungewohnt kritisch über die Wirtschaftspolitik von Narendra Modis Regierung äußerte: der Daimler-Manager Roland Folger, der seit zweieinhalb Jahren die Indien-Geschäfte von Mercedes-Benz leitet. Sein Unternehmen sehe Indien zunehmend als „Land der vergebenen Chancen“, sagte er indischen Journalisten.

Der Subkontinent liege immer noch deutlich hinter China zurück. „Immer wenn wir etwas Wachstum sehen, werden wir höher besteuert“, beklagte Folger und erklärte, warum Daimler Indien nicht als Werkbank für die Weltmärkte nutzt: „Die Kosten für Steuern und Logistik machen uns im Export fertig.“

Die Äußerungen des erfahrenen Managers, der vor seinem Indien-Einsatz die Mercedes-Benz-Geschäfte in Malaysia leitete, stießen nicht nur in sozialen Medien auf reges Interesse. Bei deutschen Diplomaten wurden die Äußerungen als „scharfe Attacke gegen die indische Wirtschaftspolitik“ gewertet.

Mercedes gehört zu den Hauptbetroffenen von Narendra Modis neuer Zollpolitik: Dessen Regierung verkündete Anfang Februar, die Einfuhrzölle für diverse Produktgruppen kräftig zu erhöhen – dazu gehören auch Autokomponenten. Deutsche Premiumhersteller wie Mercedes, Audi und BMW bauen keine kompletten Autos in Indien, sondern importieren Komponenten und Baugruppen, die dann in Indien zusammengesetzt werden. Durch die höheren Abgaben dürften die Fahrzeuge nun teurer werden.

Dabei sei der indische Markt im Vergleich zu chinesischen Verhältnissen ohnehin schon winzig, wie Folger betont: „Für jedes Luxusauto, das in Indien verkauft wird, verkauft China gleich 53.“ Mit den höheren Zöllen will Modi internationalen Unternehmen Anreize geben, verstärkt in Indien zu produzieren und damit Jobs zu schaffen.

Doch Folger glaubt, dass das Vorhaben nach hinten losgeht. Der Absatz der Premiumhersteller sei mit ein paar Zehntausend Fahrzeugen im Jahr zu gering, um die Komponenten lokal zu beschaffen. „Das Luxus-Segment könnte viel schneller wachsen, wenn man uns in Ruhe lassen würde.“

Die Zollanhebung wäre nicht das erste Mal, dass Modis Wirtschaftspolitik mehr schadet als nutzt: Den rasanten Konjunktureinbruch, den Indien im vergangenen Jahr erlebte, erklärten Analysten mit Modis umstrittener Bargeldreform, in der Geldscheine über Nacht für ungültig erklärt wurden – eine Maßnahme, die Schwarzgeld bekämpfen sollte, aber Alltagsgeschäfte monatelang erschwerte. Zudem lief die Einführung einer landesweiten Mehrwertsteuer holprig, was die Wirtschaft ebenfalls bremste.

Auch auf den internationalen Finanzmärkten gab es für Indien zuletzt Gegenwind: Investoren zogen in großem Umfang Kapital aus dem Land ab. Die indische Rupie verlor im Februar im Vergleich zum US-Dollar 2,2 Prozent an Wert und gehörte damit zu den größten Verlierern unter Asiens Währungen.

Ein Grund für das schwindende Vertrauen ist der angeschlagene Bankensektor, der unter einer Vielzahl an faulen Krediten leidet. In den vergangenen Wochen machte zudem ein milliardenschwerer Betrugsfall bei einer indischen Staatsbank Schlagzeilen.

Analysten warnen zudem vor dem wachsenden Haushaltsdefizit in Indien. Im Jahr vor der landesweiten Wahl liegen Ausgabenprogramme dennoch in Modis Fokus. Der aktuelle Anstieg des Wirtschaftswachstums sei unter anderem durch steigende Staatsausgaben zu erklären, kommentierte Shilan Shah, Volkswirt bei dem Analysehaus Capital Economics. Diese seien in erster Linie anlässlich der Regionalwahl in Modis Heimatstaat Gujarat erfolgt.

Nun sollen laut neuem Haushaltsplan die Ausgaben für die Landbevölkerung in ganz Indien steigen. Modi hatte den Indern bei seiner Wahl vor vier Jahren schließlich bessere wirtschaftliche Verhältnisse versprochen. Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter wächst jeden Monat schließlich um eine Million.

Dass das Wirtschaftswachstum deutlich höher als derzeit sein müsste, um allen einen Job zu verschaffen, war auch Modis Finanzminister kurz nach seinem Amtsantritt bewusst. Er sagte damals: „Ein Indien, das nur fünf, sechs oder sieben Prozent wächst, wird dieser Herausforderung nicht gerecht werden.“

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