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Auslandsinvestitionen Deutsche Unternehmen in Indien: Auf die Krise folgt die Hoffnung

Die Corona-Welle hat Indien hart getroffen. Doch deutsche Unternehmen betrachten das Land nach wie vor mit Optimismus, wie eine neue Studie zeigt. Eine Gefahr aber bleibt.
15.06.2021 - 07:21 Uhr Kommentieren
Die rückläufigen Corona-Infektionszahlen im Land stimmen die Wirtschaft optimistisch. Quelle: imago images/Pacific Press Agency
Impfungen in Indien

Die rückläufigen Corona-Infektionszahlen im Land stimmen die Wirtschaft optimistisch.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Bangkok Mit dunkler Jacke und schwarzem Pullover stellt sich T-Systems-Chef Adel Al-Saleh vor die Kamera und wendet sich in ernstem Ton an seine Mitarbeiter in Indien. „Wir machen uns über euch große Sorgen“, sagt der Manager in einer Videobotschaft an seine fast 3000 Mitarbeiter auf dem Subkontinent. „Wenn Sie oder Ihre Angehörigen Hilfe brauchen, zögern Sie bitte nicht, sich an uns zu wenden.“

100.000 Euro stünden zur Unterstützung zur Verfügung, verspricht Al-Saleh. Gleichzeitig macht er aber auch klar, was er von seinen Kollegen erwartet: „Fahren Sie nicht zur Arbeit, gehen Sie nicht aus dem Haus!“

Seine Krisenansprache schickte Al-Saleh am bisherigen Höhepunkt der Corona-Pandemie nach Indien, als das Land noch vor wenigen Wochen fast eine halbe Million bestätigte Neuinfektionen pro Tag zu verkraften hatte und das Gesundheitssystem unter dem Ansturm an Patienten zusammenbrach. Doch nur etwas mehr als einen Monat nachdem Aufnahmen von überfüllten Krankenhäusern und Krematorien um die Welt gingen, hat sich das Bild rasant gewandelt: Indiens Corona-Welle ist ähnlich schnell wieder abgeebbt, wie sie zuvor über das Land gespült war.

Am Montag meldeten die Gesundheitsbörden 70.421 neue bestätigte Fälle – so wenig wie zuletzt Ende März. Das 1,4 Milliarden Einwohner große Land kommt nun auf eine vergleichsweise niedrige Sieben-Tage-Inzidenz von 46.

Angesichts der Entspannung der Lage lockern nicht nur mehrere Bundesstaaten ihre Corona-Maßnahmen. Auch in den Indien-Niederlassungen der deutschen Konzerne hat die Krisenstimmung nachgelassen. Nach den sorgenvollen Äußerungen der vergangenen Wochen zeigen sich die Unternehmen wieder deutlich zuversichtlicher. Es zeige sich zwar, dass die Coronakrise spürbare Auswirkungen habe, heißt es bei T-Systems. Doch der lokale Niederlassungschef Laszlo Posset gibt sich überzeugt, dass sein Unternehmen auch 2021 in Indien weiter wachsen werde.

Vertrauensvorschuss für Narendra Modi

Dass Konzerne und Mittelständler aus Deutschland Indien nach wie vor mit großen Wachstumshoffnungen verbinden, unterstreicht eine gemeinsame Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG und der Deutsch-Indischen Handelskammer (AHK), die am Dienstag vorgestellt werden soll und dem Handelsblatt vorab vorliegt. Demnach gehen fast 90 Prozent der in Indien aktiven Unternehmen in den kommenden vier Jahren von einer positiven Umsatzentwicklung aus. 38 Prozent der befragten Firmen rechnen sogar mit einem Umsatzwachstum von mehr als 20 Prozent bis 2025.

Für die Regierung in Neu-Delhi sind die Befragungsergebnisse ein positives Signal in einer Zeit, in der gute Nachrichten aus Asiens drittgrößter Volkswirtschaft rar geworden sind. Premierminister Narendra Modi, der wegen seines Umgangs mit der Coronakrise zuletzt massiv in die Kritik geraten war, will mithilfe ausländischer Investitionen Indiens Wirtschaft wiederbeleben. Die positiven Geschäftserwartungen deutscher Unternehmen zeigen, dass er dabei weiter mit einem Vertrauensvorschuss rechnen kann.

Aus Sicht von Andreas Glunz, KPMG-Vorstand für den Bereich International Business, prägen Langfristtrends den Optimismus: „Indien ist schon jetzt ein großer Absatzmarkt, der noch weiter wächst. Bald wird Indiens Bevölkerung größer sein als die in China – die wachsende Mittelschicht bietet erhebliches Potenzial“, sagt er. Auch bei der Digitalisierung komme Indien eine wichtige Rolle zu. Unternehmen setzten zunehmend darauf, Tätigkeiten nach Indien zu verlagern. „Hier finden sie eine gut ausgebildete Bevölkerung mit hohem Know-how, besonders im IT-Umfeld.“

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Doch wie bald es Indien gelingen könnte, wieder zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt aufzusteigen, hängt entscheidend am weiteren Verlauf der Coronakrise: „Im Moment läuft ein Wettrennen zwischen der Impfkampagne und einer möglichen dritten Welle“, sagt AHK-Indien-Chef Stefan Halusa.

Ökonomen korrigieren Wachstumsprognosen für Indien nach unten

Der Ausgang davon ist noch völlig offen. Obwohl Indien mit dem Serum Institute of India – einem Lizenznehmer von Astra-Zeneca – über einen der international wichtigsten Lieferanten von Covid-19-Impfdosen verfügt, kommt die Impfkampagne nur langsam voran: Aktuell haben erst 15 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten. Ein Wiederanstieg der Infektionszahlen ist damit nicht ausgeschlossen – vor allem auch mit Blick auf die in Indien weitverbreitete Delta-Variante des Virus, die als besonders ansteckend gilt.

Angesichts der Unsicherheiten korrigierten Ökonomen ihre Konjunkturprognosen für Indien zuletzt nach unten. Die Weltbank hatte noch im April mit einem Wachstum von mehr als zehn Prozent im laufenden Fiskaljahr gerechnet, das im März 2022 endet. Nun geht die Organisation davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 8,3 Prozent zulegen wird. Damit würde Indien unter den G20-Staaten zwar wohl nur von China übertroffen werden. Doch in Indien würde das Wachstum gerade einmal reichen, um den Einbruch des Vorjahres auszugleichen und wieder auf dem Stand von vor Beginn der Pandemie anzukommen.

Der „German Indian Business Outlook“ von KPMG und AHK zeigt, dass auch die deutschen Unternehmen in dem Land Rückschläge aufzuholen haben. 55 Prozent der befragten Firmen gaben an, dass sie angesichts der Pandemie unter einer sinkenden Nachfrage am indischen Markt zu leiden hatten. Jedes vierte Unternehmen sah sich mit Liquiditätsengpässen konfrontiert. 41 Prozent reagierten mit Sparprogrammen auf die Krise.

Trotzdem rechnet ein Großteil der insgesamt rund 100 befragten Unternehmen für das Gesamtjahr mit einem vergleichsweise positiven Abschneiden: Zwei Drittel gehen von einem Umsatzwachstum aus – jeder sechste Betrieb erwartet sogar Zuwächse von mehr als 20 Prozent. 14 Prozent prognostizieren sinkende Einnahmen. Laut Indien-AHK-Chef Halusa könnten die meisten Unternehmen damit die Rückgänge vom vergangenen Jahr wieder aufholen.

Unternehmen sehen das Land als Alternative zu China

Die Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu bewerten: Die Befragung endete Mitte April – kurz vor dem Höhepunkt der jüngsten Corona-Welle. KPMG-Vorstand Glunz glaubt dennoch an die Aussagekraft der Werte: „Die mittelfristigen Trends bleiben unverändert bestehen – und ich bin zuversichtlich, dass Indien die Corona-Lage in den Griff bekommt.“

Auch die jüngsten Konjunkturdaten legen nahe, dass die zweite Corona-Welle Indiens Wirtschaft deutlich weniger stark getroffen hat als befürchtet. Die Industrieproduktion ging im April saisonal bereinigt im Vergleich zum Vormonat nur um 2,3 Prozent zurück. „Wenn man bedenkt, welchen starken Anstieg der Neuinfektionen Indien im April zu verzeichnen hatte, fällt dieser Rückgang relativ mild aus“, kommentiert Shilan Shah, Indien-Volkswirt des Analysehauses Capital Economics.

AHK-Chef Halusa hofft auf politischen Rückenwind: Mit weiteren Investitionen in die Infrastruktur könne Modis Regierung wichtige Impulse setzen, sagt er. „An den großen Schwierigkeiten, Hilfsgüter dorthin zu transportieren, wo sie am dringendsten benötigt wurden, haben wir am Höhepunkt der Pandemie gesehen, wie fragil die Infrastruktur ist.“ Ein umfangreiches neues Konjunkturprogramm gilt allerdings vorerst als unwahrscheinlich: Die Regierung sieht angesichts eines wachsenden Haushaltsdefizits dafür kaum Spielraum.

Aus Sicht deutscher Investoren könnte die Regierung den Standort aber auch ohne Ausgaben attraktiver machen – vor allem mit einem Abbau der Bürokratie: Administrative Hürden sehen laut KPMG-Studie 59 Prozent der Befragten als größte Herausforderung im Land. Eine derart negative Sicht auf die regulatorischen Rahmenbedingungen kennt KPMG-Vorstand Glunz von keinem anderen Standort. Er warnt jedoch davor, sich von den Schwierigkeiten abschrecken zu lassen: „Ein Großteil der deutschen Wirtschaft droht den Zukunftsmarkt Indien zu verschlafen“, sagt er. „Wer darauf wartet, bis Indien ein modernes Industrieland ist, kommt zu spät. Dann ist der Markt längst aufgeteilt.“

Ein Argument für ein stärkeres Engagement in Indien sieht Glunz auch in den geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China. Sollten diese weiter zunehmen, wäre es für deutsche Unternehmen sicherlich sinnvoll, nach alternativen Märkten zu suchen, sagt er. „Indien bietet Unternehmen eine zusätzliche Möglichkeit, um Abhängigkeiten abzubauen und die Krisenanfälligkeit zu senken.“

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