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Australien Deutsche lieben Kängurufleisch – die Jagd bleibt umstritten

Kängurufleisch aus Australien landet auf deutschen Tellern. Es gilt als nachhaltige und gesunde Alternative zu Schwein oder Rind. Doch es gibt Kritik.
29.07.2018 - 09:44 Uhr Kommentieren
Jäger in New South Wales mit ihrer Beute. Quelle: Imago
Erlegtes Känguru

Jäger in New South Wales mit ihrer Beute.

(Foto: Imago)

Broken Hill Im australischen „Outback“ kommt der Tod im Toyota. „Mein Pick-up ist perfekt für dieses Terrain“, sagt Mike Fraser (Name geändert), ein lizenzierter Kängurujäger. Nach einer halben Stunde Fahrt durch stacheliges Spinifex-Gras und über scharfe Felsen stoppt der 38-Jährige seinen wuchtigen Allrad-Wagen.

Es ist kurz vor Mitternacht, mitten in der Weite der südostaustralischen Wüste. Fraser steuert den Strahl eines auf dem Kabinendach befestigten pfannengroßen Scheinwerfers durch die sternenlose Nacht. „Da vorne“, sagt er, kurbelt das Fenster herunter und bringt sein Gewehr in Anschlag. In etwa 100 Metern Entfernung stehen vier große Rotkängurus.

Erst waren die Tiere vor dem herannahenden Fahrzeug geflohen, jetzt stehen sie still und äugen neugierig in Richtung des Scheinwerfers. Typisches Verhalten für Kängurus, ein ruhiges Ziel für Fraser: Ein Schuss zerreißt die Stille. Wie vom Schlag getroffen fällt eines der Tiere zu Boden. Für ein paar Sekunden stoppt das Zirpen der Grillen. „Ok, los geht's“, murmelt der Schütze und drückt seinen Fuß aufs Gaspedal.

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    Etwa 2,5 Millionen Kängurus erlegen speziell lizenzierte Jäger pro Jahr auf dem Antipodenkontinent. Sie arbeiten für einen Zweig der Agrarwirtschaft, der dem Land gut 300 Millionen Dollar (201 Millionen Euro) einbringe und über 4000 Menschen beschäftige, so das Landwirtschaftsministerium. Doch in Australien ist das Fleisch der „Beutelhasen“, wie faszinierte frühe deutsche Forscher das hüpfende Tier genannt hatten, nicht selten ein Ladenhüter.

    Jährlich werden 2,5 Millionen Kängurus in Australien legal gejagt.
    Antragsformular für die Känguru-Jagd

    Jährlich werden 2,5 Millionen Kängurus in Australien legal gejagt.

    Nur die Hälfte der Australier hat es je gegessen, obwohl es inzwischen in jedem Supermarkt zu finden ist – zwischen Rindersteaks und Lammfilets. Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig, und oft sehr persönlich. „Das ist etwas, was ich nur den Hunden geben würde“, macht Mick McDonald klar, ein 72-jähriger Rentner aus einer Kleinstadt südlich von Sydney, mit von Abscheu gezeichnetem Blick. Traditionell war Känguru „das Fleisch der Armen, das einzige, was wir uns damals leisten konnten“.

    Wie viele ältere Australier ist McDonald in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Die 23-jährige Tina Matthews dagegen will „doch nicht unser Wappentier essen“, als sie vor der Fleischtheke eines Einkaufszentrums steht und nach den Lammkoteletts greift. So endet der weitaus größte Teil des „geernteten“ Kängurufleisches – so der Fachausdruck – in Dosen: Die Tiere werden zu Hundefutter verarbeitet.

    Im Ausland dagegen scheint die Hemmschwelle, sich ein Känguru-Steak auf den Grill zu legen, immer niedriger zu werden. Die Industrie exportiert pro Jahr rund 3000 Tonnen Kängurufleisch im Wert von mindestens 17 Millionen Euro. Asien ist mit Abstand der größte Wachstumsmarkt – das Interesse an dem exotischen und sehr gesunden Fleisch wächst vor allem in China rasant.

    Fast die Hälfte des Produktes geht aber in die Europäische Union. Deutsche gehören zu den größten Liebhabern von Kängurusteaks. Für immer mehr kalorienbewusste Verbraucher wird das dunkelrote und leicht nach Wild schmeckende Fleisch zur Alternative zu Schweinekoteletts und Rindergehacktem. „Es ist ein sehr mageres Fleisch, eine gute Quelle von Eiweiß und eine exzellente Quelle von Eisen und Zink“, so Kerin O’Dea, Ernährungswissenschaftlerin an der Universität von Südaustralien in Adelaide.

    Kängurufleisch hat einen Fettgehalt von nur zwei Prozent, deutlich weniger als Lamm-, Rind- oder Schweinefleisch. Auch was den Cholesteringehalt angeht, ist Kängurufleisch unter Ernährungsexperten ein Favorit.

    Kängurus sind klimafreundlicher

    „Ja, ich esse es auch“, sagt Mike Fraser, als er den leblosen Körper des mindestens 80 Kilo schweren Kängurumännchens auf seinen Wagen hebt und ihn an einen Haken hängt. „Aber lieber verdiene ich damit Geld.“

    Die Ladefläche von Frasers Toyota ist eine fahrende Metzgerei: Stahlschienen, Aluminiumplatten, eine Winde, ein elektrischer Messerschleifer. Mit einer scharfen Klinge öffnet er die Bauchhöhle des Tieres. Magen, Gedärme, die Leber und andere Eingeweide klatschen in den roten Sand der Wüste.

    „Das ist schon vor Sonnenaufgang weg“, meint Fraser, „die Füchse und die Adler lieben mich.“ Dann schlägt er mit einer Machete den Schwanz des Tieres ab, die Hinterbeine und das, was vom Kopf übriggeblieben ist. Die Kugel hat die Schädelhöhle des Kängurus komplett zerschmettert – der Tod war augenblicklich. „Alles andere ist illegal“, sagt Fraser und schiebt den Körper auf den hinteren Teil der Ladefläche.

    Gibt es später bei der Zerlegung im Schlachthof Indizien für einen Bauch- oder Brustschuss, wird der Jäger bestraft und kann sogar seine Lizenz verlieren. Drei Minuten sind seit dem Schuss vergangen. Fraser desinfiziert sich die Hände, dann geht’s weiter. Töten ist hier Akkordarbeit.

    Känguru wird auch in Europa zunehmend als umweltfreundliche Alternative zum Fleisch von Masttieren gesehen. Die ressourcenintensive Produktion von Fleisch mit herkömmlichen, industriellen Methoden gilt als eine der führenden Ursachen der globalen Klimaerwärmung. „Kängurus richten an der Natur einen deutlich geringeren Schaden an als Rinder und Schafe“, so Rosie Cooney von der University of New South Wales in Sydney.

    „Sie trinken viel weniger Wasser und haben keine harten Hufe, die zu Erosion und der Zerstörung des in Australien sehr fragilen Bodens beitragen.“ Vor allem aber rülpsen Kängurus umweltschonender. Im Gegensatz zu Rindern und Schafen produzieren die Beuteltiere bei der Verdauung kaum Methan, ein Treibhausgas, 20-mal schädlicher als Kohlendioxid.

    Mike Fraser hat zwei Feinde, erzählt er, während er mit hoher Geschwindigkeit durch die Dunkelheit fährt. „Fliegen und extreme Tierschützer.“ Fliegen, weil sie in Minuten die gesamte Beute einer Nacht verderben können, wenn er es nicht schafft, die Tierkörper vor dem Morgengrauen in den Kühlcontainer zu bringen.

    „Kaum geht die Sonne auf, kommen die Fliegen und legen Eier ins Fleisch.“ Doch das habe er im Griff, das sei ihm noch nie passiert. Keine Kontrolle aber habe er über das, was ihm die Tierschützer antäten. „Nicht einmal unbedingt die australischen“, sagt er, „aber die Ausländer, die keine Ahnung haben.“

    Für viele europäische Tierschützer ist die Jagd nach dem australischen Tier ein rotes Tuch. Die Känguru-Industrie sieht sich regelmäßig mit Boykottaufrufen konfrontiert. Forderungen an Kaufhäuser, Känguruprodukte aus den Auslagen zu nehmen, sind immer wieder erfolgreich. Der britische Großverteiler Tesco verbannte nach der Intervention der Vegetarierorganisation „Viva!“ Kängurufleisch aus dem Sortiment.

    Keine wissenschaftlichen Belege für Artengefährdung

    Selbst globale Firmen sind nicht vor spektakulären Protestaktionen von Tierschützern sicher. 2012 gab der Sportartikelhersteller Adidas dem Druck nach und meldete, künftig keine Fußballschuhe aus Känguruleder mehr herstellen zu wollen. Adidas hatte sich über Jahre gegen den Schritt gewehrt. Schon 2006 hatte der britische Spitzenfußballspieler David Beckham 2006 bekannt gegeben, er habe seine Schuhe aus dem Leder der australischen Tiere an den Haken gehängt.

    Tierschutzorganisationen werfen der Industrie Grausamkeit und Tierquälerei vor. Außerdem gefährde der Abschuss den Bestand an Kängurus; er treibe die Tiere an den Rand des Aussterbens.

    Experten sind in der Regel anderer Meinung. Nicht nur dürften ausschließlich speziell ausgebildete und lizenzierte Jäger Kängurus schießen. Laut Bidda Jones, Sachverständige beim australischen Tierschutzbund RSPCA ist die „Ernte“ von Kängurus um einiges humaner als der Tötungsprozess von Nutztieren im Schlachthof.

    Da Kängurus nicht gezüchtet werden, sondern wild leben, sterben sie in ihrer natürlichen Umgebung. Das erspart ihnen einen oftmals langen Transport in den Schlachthof. Zudem sei vorgeschrieben, dass Kängurus durch einen einzelnen Schuss einer Hochleistungswaffe in den Kopf augenblicklich getötet werden. „Es klingt brutal, aber ein Schuss, der das Hirn zerstört, ist die humanste Methode, ein Tier zu töten“, so Jones.  

    Das Argument der Artengefährdung hat keine wissenschaftliche Basis. In Australien sind Kängurus geschützt. Die Abschussquote wird jährlich festgelegt - nach aufwendigen Zählungen. Gegenwärtig gibt es landesweit etwa 50 bis 60 Millionen Kängurus, die gejagt werden dürfen – fünf von insgesamt 48 Arten.

    Wissenschaftler glauben, dass es heute ein Vielfaches mehr Rot- und Graukängurus gibt als zur Zeit der Ankunft der Weißen auf dem Kontinent 1788. Mit der Einführung der Landwirtschaft in Australien erhielten die Tiere Zugang zu mehr Wasser und Futter. Dadurch vermehren sie sich häufiger und rascher, selbst in Zeiten der Dürre, die früher eine Art natürliche Geburtenkontrolle war. Kängurus bremsen das Wachstum ihres Fötus im Beutel, wenn Mangel an Wasser und Nahrung besteht.

    Fraser hat in dieser Nacht Glück. Innerhalb einer Stunde „erntet“ er zwölf weitere Tiere, bis vier Uhr früh hat er 52 auf der Ladefläche. „Nein, Freude macht mir dieser Job nicht“, sagt er, „aber ich muss ja von etwas leben.“ Er reagiert nervös auf die Frage nach dem „dunklen Geheimnis“, das seine Industrie habe, wie Tierschützer immer wieder geltend machen.

    Was geschieht mit den Baby-Kängurus, den „Joeys“, wenn ein Jäger aus Versehen ein trächtiges Weibchen schießt? „Wir müssen es töten, das ist Vorschrift“, sagt er, „durch einen Schlag auf den Kopf.“ Die Industrie tut sich schwer mit der Tatsache, dass „Joeys“ ein kaum zu verhindernder Kollateralschaden der Jagd sind. Kängurufleisch-Exporteure wie der Industrieführer Macro Meats machen geltend, sie würden nur männliche Tiere akzeptieren.

    Doch im Dunkel der Nacht ist es nicht immer möglich, das Geschlecht eines Kängurus aus über 100 Metern Entfernung zu bestimmen. Ja, er habe auch schon Kängurubabys töten müssen, sagt Fraser, „und ich hasse es.“ Ein „Joey“ sich selbst zu überlassen sei aber viel brutaler. „Es würde von Füchsen und Vögeln gefressen – bei lebendigem Leib.“

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