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Austritt Großbritanniens aus der EU Bei Unternehmen liegen wegen des Brexits die Nerven blank

Viele Firmen warnen vor den Brexit-Folgen und verlieren zunehmend die Geduld mit der Politik. Sie bereiten sich auf chaotische Zustände vor.
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Brexit News: Bei Unternehmen liegen die Nerven blank Quelle: Science Photo Library
Auto-Produktion bei BMW

Unternehmen wünschen sich vor allem eines: Sicherheit.

(Foto: Science Photo Library)

DüsseldorfSeit mehr als einem Jahr befindet sich die Wirtschaft mehr oder weniger in Alarmbereitschaft für den Tag X. Jenem Tag also, an dem Großbritannien ohne Vertrag die Europäische Union verlassen könnte. „Chaotischen Brexit“ nennen selbst die Briten das – und die Unternehmen unternehmen das, was ihre Pflicht ist: sich auf die chaotischen Zustände vorbereiten.

Sie machten Notfallpläne, verschoben Werksferien oder passten gar Lieferketten an. Nun sieht es so aus, als würde sich mit der Verschiebung des Ausstiegstermins, über die das britische Unterhaus Donnerstagabend abstimmt, die Leidenszeit für die Wirtschaft noch einmal verlängern. Noch mal zwei oder drei Monate Ungewissheit, noch mal Anpassung der Notfallpläne.

„Eine Verschiebung der Entscheidung ist nicht vorteilhaft“

Die Geduld der Manager, aus deren Sicht der Brexit ohnehin das tragischste Kapitel in der Geschichte der europäischen Integration darstellt, ist am Ende. Denn die Unsicherheit lähmt. BMW-Chef Harald Krüger gab kürzlich zu verstehen, dass er inzwischen einen chaotischen Brexit sogar für das geringere Übel hält.

„Eine Verschiebung der Entscheidung ist nicht vorteilhaft“, sagte Krüger auf dem Genfer Autosalon. Je länger diese Phase dauere, desto schwerer würden Investitionsentscheidungen. BMW ist mit seinem Mini-Werk in Oxford einer der bedeutenderen Automobilhersteller in Großbritannien.

Als Reaktion auf den Brexit hatte der Konzern bereits die Werksferien von August auf April vorgezogen. Außerdem charterte BMW das Großfrachtflugzeug Antonov, um die Versorgung der britischen Werke sicherzustellen. Insgesamt haben die Münchener einen kleinen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrag eingeplant, um die Folgen eines chaotischen Brexits abzumildern.

„Wir sind äußerst enttäuscht, dass die Gefahr eines ,Hard Brexit‘ unverändert existiert“, lässt auch Opel auf Anfrage wissen. Die Unsicherheit müsse ein Ende haben. Opel ist in Großbritannien mit seiner Schwestermarke Vauxhall eine feste Größe.

Während das Werk in Luton nördlich von London als unumstößlich gilt und weiter leichte Nutzfahrzeuge fertigen wird, hängt die Astra-Produktion in Ellesmere Port nahe Liverpool am seidenen Faden, heißt es im Konzern.

Gefahr für Bentley

Opel-Chef Michael Lohscheller betont zwar stets, alle Werke halten zu wollen, aber in Ellesmere Port stehen nötige Investitionen noch aus. Und weil die Fabrik im Konzernverbund zu hohe Fixkosten hat, wurden im vergangenen Jahr 320 Stellen gestrichen. Dieses Jahr fallen weitere 240 Jobs weg. Ende 2019 dürfte somit nur noch eine Rumpfmannschaft von etwas mehr als 900 Mitarbeitern übrig bleiben. Zur völligen Stilllegung ist es da nicht mehr weit.

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Ein harter Brexit würde die verlustreiche britische VW-Luxusmarke Bentley schwer treffen. „Das wäre die größte Bedrohung für Bentley“, sagte VW-Vorstandschef Herbert Diess kürzlich. Bentley besitze nur das eigene Werk in England. Die Produktion kurzfristig in ein anderes Werk des Konzerns zu verlegen sei nicht möglich. Bentley, nach einem ungeregelten Brexit dann vergleichsweise isoliert auf der britischen Insel gelegen, drohe der Verlust wichtiger Märkte wegen der sehr wahrscheinlichen zollbedingten Preiserhöhungen.

Ohnehin ist die Autoindustrie die Branche, die schon im Vorfeld des Brexits die meisten Konsequenzen gezogen hat. Der Autohersteller Nissan kündigte an, die nächste Generation seines SUV nicht in Großbritannien zu bauen, sondern in Japan. Auch die Nummer fünf in Großbritannien, der japanische Automobilhersteller Honda, hatte bereits mitgeteilt, sein Werk im Westen Englands 2022 zu schließen.

Deshalb zeigen sich vor allem auch Vertreter der britischen Wirtschaft zunehmend genervt. Das Parlament solle endlich „diesen Zirkus stoppen“, fordert Carolyn Fairbairn, Chefin des britischen Unternehmerverbands CBI. „Es reicht.“ Die Möglichkeit eines ungeordneten Brexits hänge „wie ein Damoklesschwert“ über der Wirtschaft.

Auch die deutschen Wirtschaftsverbände befinden sich im Daueralarmzustand. „Der Schrecken ohne Ende geht weiter.“ „Die Zugeständnisse der EU waren umsonst, das britische Parlament hat einmal mehr die Premierministerin auflaufen lassen“, sagte Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel. Allein die anhaltende Unsicherheit sei „verheerend für die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen“.

Keine langfristigen Lieferverträge mehr

Grundlegende Fragen zu Zolldokumenten oder Produktregistrierungen seien auch knapp drei Wochen vor dem möglichen Austritt offen. „Immer mehr Unternehmen schließen daher keine langfristigen Lieferverträge mehr ab. Diese Brexit-Hängepartie kennt keine Sieger“, sagte Bingmann.

DIHK-Präsident Eric Schweitzer nannte die Ablehnung des Brexit-Vertrags durch das Unterhaus eine „herbe Enttäuschung“. Neben erheblicher neuer Brexit-Bürokratie drohten der Abriss von Lieferketten und ein Ausfall der „Just in time“-Produktion im Königreich. Zusätzlich könnten für die deutschen Unternehmen jährlich mehr als zehn Millionen Zollanmeldungen und mehrere Milliarden Euro an Zöllen fällig werden.

Verschiebung oder nicht, für die Chemie- und Pharmabranche, die auch stark im Königreich vertreten ist, kommt es vor allem darauf an, den harten Brexit zu verhindern. Die wirtschaftlichen Folgen seien trotz aller Vorbereitungen unkalkulierbar.

Allerdings: Eine Verlängerung der Verhandlungen über den 29. März hinaus dürfe es nur geben, wenn damit ein harter Brexit ausgeschlossen werde, fordert Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Chemie-Verbands VCI. Auch dem Flugzeugbauer Airbus kommt es vor allem darauf an, dass ein ungeregelter Brexit verhindert wird.

Als legendär gilt inzwischen der flehende Appell des Vorstandsvorsitzenden Ende Januar. „Bitte hört nicht auf den Wahnsinn der Brexiteers, die behaupten, dass wir, weil wir hier riesige Fabriken haben, uns nicht bewegen werden und immer hier sein werden“, warnte Tom Enders.

Sollte es einen Brexit ohne Abkommen geben, müssten „wir wohl sehr schädliche Entscheidungen“ gegen Großbritannien treffen“. Auch die Wortwahl zeigt: Die Nerven liegen blank.

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