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Autoritärer Kurs Chinas gefährliche Charmeoffensive

Pekings autoritärer Kurs Richtung Kapitalismus gewinnt weltweit Anhänger, während das US-Modell "Entwicklungshilfe für Demokratie" an Reiz verliert. Cambridge-Professor Stefan Halper befürchtet: "China schrumpft den Westen". Die Debatte ist eröffnet.
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Autokratie statt Demokratie: Chinas System gewinnt Anhänger. Quelle: Reuters

Autokratie statt Demokratie: Chinas System gewinnt Anhänger.

(Foto: Reuters)

DÜSSELDORF. Es gibt Sätze, die lassen aufhorchen. "Chinas Herangehensweise an unsere Bedürfnisse passt einfach besser als der langsame, manchmal gängelnde postkoloniale Ansatz europäischer Investoren, Hilfsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen", ist so ein Satz. Gesprochen vom Präsidenten Senegals, Abdoulaye Wade, der gerne betont, dass er in einem einstündigen Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao mehr erreicht hat als während eines gesamten G8-Treffens.

Wade ist nicht der Einzige, der so denkt. Und genau darin liegt die wahre Gefahr, die von China ausgeht, argumentiert der Politikexperte Stefan Halper in seinem neuesten Buch. "China schrumpft den Westen", so seine These - und dies sei eine wirkliche Gefahr, anders als die unterstellte militärische oder wirtschaftliche Bedrohung. Das wirtschaftlich rasch wachsende Land zeigt vielen anderen Staaten einen alternativen Weg der Entwicklung: kapitalistisch werden, aber autokratisch bleiben.

Diesen Weg lebt China nicht nur vor, sondern exportiert ihn seit rund einem Jahrzehnt zunehmend über seine wachsende wirtschaftliche Verflechtung mit vielen Entwicklungs- und Schwellenländern - auch den Ländern mit diktatorischen Regimen, was Halper mit Tabellen und Fallbeispielen zeigt. Das alternative Entwicklungsmodell zu einer "kapitalistisch autoritären" Gesellschaft nennt er den "Beijing Consensus", was dem Buch seinen Titel verleiht. Der "Washington-Konsens" - die Forderung des Westens an Entwicklungsländer, für die Hilfe transparenter und demokratischer zu werden - wird damit weiter untergraben.

Falscher hätten kluge Vordenker wie Francis Fukuyama, die nach dem Ende des Kalten Krieges mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 den westlichen Mix aus Demokratie und Kapitalismus als alternativlos ansahen, kaum liegen können.

Halper, der unter den US-Präsidenten Nixon, Ford und Reagan für die Regierung in Washington arbeitete und heute an der Universität von Cambridge forscht, ist nicht der Erste, der diese These vertritt. Aber er bietet eine große Einordnung dieser Entwicklung, und das macht sein Buch sehr lesenswert. Er beschreibt, wie die USA zunächst ein Vakuum entstehen ließen, weil sich die Regierung zu stark auf den Irak konzentrierte, andere Regionen wie Afrika, aber auch Südostasien und Lateinamerika vernachlässigte und sich bei internationalen Abkommen wie dem Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz ausgrenzte. 2004 hatte Halper als Co-Autor von "America Alone" bereits in diese Richtung argumentiert.

China indes, betont er, betreibe die weltweite Charmeoffensive nicht aus globaler Großmannssucht. Die politische Führung in Peking ist zum Wirtschaftswachstum verdammt, um ihr höchstes Ziel zu erreichen, an der Macht zu bleiben und größere Unruhen von sozial Schwächeren zu verhindern. Für dieses Wirtschaftswachstum aber muss das Land seinen Rohstoffhunger stillen und sich weitere Exportmärkte eröffnen. Deshalb werde China so weitermachen wie in den vergangenen Jahren.

Halper ist deshalb überzeugt, dass China eben nicht wie von einigen Analysten angenommen mit wachsender Wirtschaft quasi automatisch demokratischer wird. Und deshalb müsse sich, so eine zentrale Forderung, die Chinapolitik der USA ändern, aber auch die Außenpolitik insgesamt. Washington müsse internationale Bündnisse bilden, etwa beim Thema Energiesicherheit. Am Ende werde sich China so aus der Angst heraus, international isoliert zu sein, besser einbinden lassen als mit bilateralen Forderungen.

Halper schreckt auch vor konkreten Vorschlägen nicht zurück: Der Westen sollte seine Entwicklungshilfe flexibler gestalten, die USA sollten ihre Kooperation mit Indien und Russland stärken, besser mit Entwicklungsländern kommunizieren, eigene Agrarsubventionen kürzen, das Geld in Bildung und Forschung zu Hause stecken. Schade ist, dass Halper von wenigen Interviews abgesehen keine chinesischen Quellen nutzt. "The Beijing Consensus" ist kein Buch über China, sondern eines über die außenpolitischen Herausforderungen des Westens, vor allem der USA, durch China. Locker und zum Teil provokativ geschrieben, bereichert es die Diskussion auch in Deutschland (und findet sicherlich einen Verlag für die deutsche Übersetzung).

Stefan Halper: The Beijing Concensus. How China's Authoritarian Model will dominate the Twenty-First-Century
Basic Books, New York 2010, 304 Seiten, 28,95 US-Dollar

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