Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Balkan Bulgarien: Wachstumsmodell stößt an seine Grenzen

Das Wunderkind schwächelt. Nach Jahren des Wachstums bricht Bulgariens Industrieproduktion ein, der Kapitalzufluss versiegt, stattdessen blüht die Korruption wieder auf, etliche Bürger müssen sich verschulden. Trotzdem schätzen viele deutsche Firmen den Standort.
Auf den Straßen Sofias protestieren Stahlarbeiter für ihren Lohn. Quelle: ap

Auf den Straßen Sofias protestieren Stahlarbeiter für ihren Lohn.

(Foto: ap)

SOFIA. Rund um den Globus kämpfen die Volkswirtschaften gegen den Abschwung, doch die Regierung in Sofia strahlt Optimismus aus: „Bulgarien ist besser vorbereitet und besser geschützt in der weltweiten Finanzkrise“, sagt Premierminister Sergei Stanischew. Tatsächlich ist die Landeswährung Lew wegen der Koppelung an den Euro nicht abgestürzt – im Gegensatz zu vielen osteuropäischen Valuta. Und Bulgarien hat jahrelang deutliche Haushaltsüberschüsse eingefahren. Die Volkswirtschaft des Landes werde deshalb auch in diesem Krisenjahr um ein Prozent wachsen, prognostiziert der sozialistische Regierungschef, dessen Koalition bei der Parlamentswahl im Juli um das politische Überleben kämpfen muss.

Doch Ökonomen haben Zweifel an dieser Vorhersage: Die Wirtschaftsleistung des Musterlandes im Südosten Europas werde nach seiner Berechnung bestenfalls stagnieren oder sogar um bis zu drei Prozent schrumpfen, sagt Ruslan Stefanow, Koordinator des Wirtschaftsprogramms am Zentrum für Demokratie-Studien (CSD) in Sofia. „Woher die von der Regierung prognostizierten ein Prozent Wachstum kommen sollen, sehe ich nicht.“

Das nun etliche Jahre währende Wachstumsmodell Osteuropas – hohe Auslandsinvestitionen, Einfuhr von Investitionsgütern, Erhöhung der Produktion und wachsende Exporte – sei ins Stocken geraten. Und Sofias Regierung müsse sich nun auf erhebliche Lücken bei den Mehrwertsteuereinnahmen und Gesundheitsabgaben einstellen. Auch Unicredit, die italienische Bank, die Bulgariens größte Bank beherrscht, rechnet damit, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,9 bis drei Prozent schrumpfen wird.

Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (OA), sieht Bulgarien mittlerweile „erheblich von der Krise getroffen“: So hätten drei Viertel aller Baufirmen des Landes – bis vor kurzem noch Träger eines gewaltigen Immobilienbooms – keine Aufträge mehr.

Immerhin könnte Bulgarien von erheblichen Mitteln aus den EU-Strukturfonds profitieren. Für das vor nunmehr gut zwei Jahren der Europäischen Union beigetretene Land geht es dabei immerhin um 11,3 Mrd. Euro Hilfsgelder für 2007 bis 2013. „Dies könnte ein exzellentes Konjunkturprogramm sein“, so Lindner. Doch noch immer habe der Schwarzmeer-Staat Probleme, die EU-Fördermittel korrekt abzurufen und einzusetzen.

Im November vergangenen Jahres hat Brüssel sogar erstmals Fördermittel für Bulgarien gestrichen. Sofia könne nicht garantieren, dass die Gelder korruptionsfrei eingesetzt würden, hieß es zur Begründung. Der Staat mit seinen 7,6 Millionen Einwohnern ist laut der jüngsten Studie von Transparency International das korrupteste EU-Mitgliedsland. Zu Bestechungen oder Verflechtungen der Politik mit organisierten Kriminellen kommen nach Angaben von in Bulgaren ansässigen Firmen erhebliche bürokratische Hürden und Rechtsunsicherheit.

Aber das Land mit seiner Schwarzmeerküste, den Rosentälern und Donauauen bietet laut Weltbank auch viele Vorteile: Makroökonomisch stehe es besser da als viele Nachbarn: Das Steuersystem sei sehr vorteilhaft, das Arbeitsrecht vernünftig und die schlechteste Produktivität aller Länder biete der Region auch erhebliche Aufholpotenziale für die Zeit nach der Krise. Doch die trifft Bulgarien inzwischen mit voller Härte: Die Industrieproduktion breche ebenso ein wie die früher hohen Kapitalzuflüsse, sagt Bas Bakker, Chef der IWF-Delegation für Bulgarien.

Dabei ist vor allem der Rückgang der ausländischen Investitionen nicht allein der aktuellen Krise geschuldet: Schon im vergangenen Jahr flossen nach Angaben des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) nur noch 6,2 Mrd. Euro ausländischer Direktinvestitionen ans Schwarze Meer. Im Vorjahr waren es noch 8,5 Mrd. Euro. Dennoch hatte Bulgarien mit 25,3 Prozent das höchste Leistungsbilanzdefizit aller EU-Staaten. Zudem sind die Immobilienpreise erheblich ins Rutschen geraten, die Exporte brechen weg, viele Kredite werden notleidend. 52 Prozent der privaten Kreditnehmer in Bulgarien müssen bereits ein Fünftel ihres Gesamteinkommens zur Bedienung der Verbindlichkeiten einsetzen. Nur die Rumänen stehen noch schlechter da.

Doch trotz aller Probleme setzen die 1 200 in Bulgarien aktiven deutschen Unternehmen weiter auf das Land: Die deutschen Investoren seien mit ihrer Standortentscheidung zufrieden, berichtet die deutsch-bulgarische Industrie- und Handelskammer in Sofia nach ihrer jüngsten Konjunktur-Umfrage. Demnach wählten die befragten Firmen den Standort Bulgarien mit der Note 2,5 auf den ersten Platz vor Deutschland und Tschechien (Note 2,6). Vier von fünf Firmen würden sich wieder für Bulgarien entscheiden, heißt es.

Dem Balkanland komme die vorsichtige Fiskalpolitik und der niedrige Schuldenstand zugute, sagt Kenneth Orchard von der Ratingagentur Moody’s. Und zehn Jahre rasanten Wirtschaftswachstums, gekrönt durch die Mitgliedschaft in EU und Nato, haben viele ausländische Firmen neugierig auf Bulgarien gemacht. Vor allem im Agrarsektor, in der Metallverarbeitung, der Holzindustrie und Medizintechnik sieht Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Lindner noch erhebliches Wachstumspotenzial in der Zeit nach der Krise. Denn dank der dringend notwendigen Infrastrukturprogramme dürften deutsche Unternehmen sogar inmitten der Krisenphase profitieren.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite