Bao Tong Ex-Parteiführer: „Ich habe große Sorge um China“

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Sehen Sie überhaupt keine Vorteile im Einparteiensystem?

Ich wünschte mir sehr, dass das alles unter der Führung einer einzigen Partei passieren kann. Aber meine Erfahrung mit sechzig Jahren KP zeigt mir, dass das unmöglich ist. Eine einzige Partei kann die Menschenrechte nicht schützen. Eine Partei kann nicht gleichzeitig politische Partei, Regierung und Verwaltung sein. So sind echte Bürger- und Menschenrechte nicht erreichbar.

Sie waren sieben Jahre in Haft, stehen im Alter von 76 Jahren noch immer unter Hausarrest. Wie muss man sich das vorstellen?

Normalerweise kann ich frei ausgehen, aber ich bin immer unter Bewachung. Ich hab mich daran gewöhnt, die Sicherheitspolizisten sind irgendwie Teil meines Lebens geworden (lacht). Ich käme mir richtig verloren vor, wenn die weg wären.

Warum dürfen Sie mit ausländischen Journalisten sprechen?

Jeder ausländische Journalist darf seit 2008 jeden Bürger Chinas interviewen. Das war eine wirklich clevere Entscheidung der Regierung . Denn ausländische Medien berichten ja nur für ihr Publikum, das richtet in China keinen Schaden an. So weiß zwar nun ein Leser des Handelsblatts, dass da ein alter Knabe in China ist, der diese und jene Ansicht vertritt. Aber wer kein Deutsch versteht, nicht an ein Handelsblatt kommt und keinen Zugang zu der Webseite hat - also der ganz normale Chinese -, der weiß nichts von meinen Ansichten, kennt nicht mal meinen Namen. Das fügt der chinesische Regierung keinen Schaden zu, krümmt ihr kein Härchen. Für sie bringt es aber Vorteile. Guck doch mal, sagen jetzt alle, so großartig hat sich China geöffnet.

Leidet das heutige China noch unter den Folgen von 1989?

Chinas heutige Politik, Wirtschaft, Moral - die gesamte Gesellschaft hat durch den 4. Juni eine tiefe Verwundung erfahren. China hat sich wegen der anhaltenden Repressionen zu einem Land ohne Stimme entwickelt. Wer sich kritisch äußert, wird verhaftet. Das ist nicht viel anders als unter Deng Xiaoping, der die Armee geschickt hat. Was damals auf dem Tiananmen Platz passiert ist, passiert heute im Kleinen in jedem Dorf und jeder Kreisstadt.

Waren die Forderungen der Studenten 1989 richtig?

Ich glaube die Studenten hatten keine echte Organisation, das war eher spontan. Ihre Forderungen sind erst durch die Diskussionen auf dem Platz entstanden. Dass sie nicht früher aufgehört, sondern so zäh weiter gemacht haben, war eine Reaktion auf Deng Xiaoping. Hätte Deng nicht am 25. April gesagt, sie seien Unruhestifter und Chaoten, wären sie nicht so erbost gewesen. Dann wäre vielleicht nach zehn Tagen Schluss gewesen, hätten sie nach zwei Wochen wieder in den Vorlesungen gesessen.

Wie viele Tote gab es beim Armee-Einsatz 1989 wirklich?

Ich weiß es nicht, denn ich saß ja schon ab dem 28. Mai hinter Gittern. Ich weiß nur, dass in allen großen Krankenhäusern die Operationssäle voll besetzt waren. Und es waren keineswegs nur Studenten, sondern sehr viele Pekinger Bürger, die dort behandelt wurden. Es sind ja mehr Bürger als Studenten umgekommen.

Was bringt die Neubewertung der Vergangenheit?

Eine Neubewertung des 4. Juni wäre ein sehr bedeutendes Signal für unser Land. Denn entweder schreitet China weiter auf Maos Spuren oder geht einen entgegen gesetzten Weg - folgt also den Wünschen des Volkes. Das ist die große Frage, vor der wir momentan stehen.

So wie 1989??

? schon vor 30 Jahren, als Mao starb, hatten die Chinesen große Hoffnungen auf einen Wandel. Aber dann kam ein Zauberer, vielleicht der größte Zauberer der Welt. Und der hieß Deng Xiaoping. Er sagte: Ich finde auch, dass sich die Kulturrevolution nicht wiederholen darf. Aber diese Tragödie hat sich gegen die Ideen Mao Zedongs entwickelt. Deshalb müssen wir nun erst recht die großartige Rote Fahne Maos hissen. Da war wirklich ein großes Zauberkunststück.

Warum hat 1989 Deng Xiaoping nicht Maos Vergangenheit abgelegt?

Weil er genau wusste, dass nur so das Einparteiensystem gerettet werden kann. Als Zhao Ziyang mit seinem politischen Öffnungskurs das Volk in Bewegung brachte da war 1989 für ihn die Grenze erreicht. Sein einziger Gedanke war die Rettung der Partei. Wenn nur ein Rückzug die KP retten konnte, zog er sich zurück. Konnte nur ein Angriff die KP retten, griff er an. Auch das eigene Volk. Das haben wir alle am 4. Juni 1989 erlebt.

Hintergrund: Konsequenter Mahner im Arrest

Der Reformer: Bao Tong (Jahrgang 1932) gehörte 1989 zu den führenden Köpfen unter dem damaligen Chef der kommunistischen Partei, Zhao Ziyang. Als sein Sekretär und engster Vertrauter schrieb Bao Tong für Zhao Ziyang zahlreiche wichtige Reden. Bao Tong gehört zu den starken Reformkräften in China und trat stets für eine weitere Öffnung des Landes ein. Er stammt aus Haining in der Küstenprovinz Zhejiang. Heute lebt er mit seiner Frau und Tochter in einem Apartmentblock in Westpeking. Sein Sohn Bao Pu, der mit US-Pass im Ausland lebt, wird als Herausgeber der jetzt aufgetauchten Memoiren von Zhao Ziyang genannt.

Der Häftling: Bao Tong ist als ehemaliges Mitglied des Zentralkomitees der KP Chinas der höchste chinesische Funktionär, der für die Ereignisse von 1989 verurteilt worden ist. Während Zhao Ziyang bis zu seinem Tod Anfang 2005 unter Hausarrest stand, wurde Bao Tong bereits am 28. Mai - also kurz vor dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens - verhaftet. Zhao Ziyang war zuvor aus Protest gegen den sich abzeichnenden harten Kurs von Deng Xiaoping gegen die Studenten, die politische Freiheiten forderten, zurückgetreten. 1992 wurde Bao Tong in einem kurzen Schauprozess wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen und wegen konterrevolutionärer Aktivitäten zu sieben Jahre Isolationshaft verurteilt, die er voll absaß.

Der Dissident: Seit seiner Entlassung vor 13 Jahren steht Bao Tong unter Hausarrest. Er hat dennoch zahlreiche Artikel veröffentlicht, in der er Chinas Führung und Partei scharf kritisiert, etwa zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Er gehört zu den Unterzeichnern der "Charta 08", die Ende 2008 von 8 000 chinesischen Intellektuellen unterzeichnet worden ist und öffentlich Menschenrechte sowie Demokratie für China fordert.

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