Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Griechenland-Reise

Premierminister Alexis Tsipras empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Athen.

(Foto: AFP)

Besuch bei Tsipras Warum Angela Merkel in Griechenland plötzlich willkommen ist

Premierminister Tsipras lobt beim Besuch der Kanzlerin die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit seiner deutschen Amtskollegin. Das war nicht immer so.
Kommentieren

Athen Milde Temperaturen, ein Rest von Abendrot am Athener Himmel und zwei Küsschen von Premier Alexis Tsipras: Der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Griechenland begann am Donnerstagabend in lockerer Atmosphäre.

Tsipras erinnerte in seinen Begrüßungsworten daran, dass Merkel zuletzt vor fast fünf Jahren in Athen war, als das Land noch tief in der Krise steckte. Seither habe man „Konflikte ausgetragen, Herausforderungen bestanden und Kompromisse gefunden“, so Tsipras.

„Heute kommen Sie in ein anderes Griechenland“, sagte der Premier: „Wir haben die Krise überstanden und sind auf dem Weg der Erholung.“ Sein Land sei „nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung“, so Tsipras und schloss seine einführenden Worte mit einem freundlichen „Willkommen!“

Vor einigen Jahren klang das noch ganz anders. „Go back, Frau Merkel!“, rief Tsipras der Kanzlerin bei ihrem letzten Athen-Besuch zu. Das war im April 2014.

Tsipras war damals Oppositionsführer. Er dämonisierte Merkel als „gefährlichste Politikerin Europas“ und warf ihr vor, in Griechenland eine „humanitäre Katastrophe“ anzurichten.

Den damaligen konservativen Regierungschef Antonis Samaras verspottete Tsipras als „Merkelisten“. Ein schlimmes Schimpfwort, denn die Kanzlerin war in jenen Jahren in Griechenland die meistgehasste ausländische Politikerin. Viele Menschen sahen in Merkel die treibende Kraft dessen, was sie als „Spardiktat“ der Europäer empfanden.

Für manche Griechen ist Merkel immer noch ein rotes Tuch. Schließlich leiden die Menschen weiter unter den Folgen der Krise, die ihre Einkommen um durchschnittlich ein Drittel geschmälert und die Vermögen der privaten Haushalte sogar um 40 Prozent dezimiert hat.

Die linkspopulistische, europakritische Partei Laiki Enotita (Volkseinheit) erklärte die Kanzlerin zur unerwünschten Person und rief zu einer Demonstration vor der Athener Akademie auf. Als die Demonstranten versuchten, ins Regierungsviertel zu marschieren, setzte die Polizei Tränengas ein. Auch die Neonazi-Partei Goldene Morgenröte protestierte gegen den Merkel-Besuch.

Aber die Zeiten, als griechische Zeitungen Merkel in einer SS-Uniform abbildeten oder Demonstranten auf dem Athener Syntagma-Platz einen symbolischen Galgen für die Kanzlerin aufbauten, sind längst vorbei – wie auch das in deutschen Boulevardblättern lange gepflegte Klischee von den „Pleite-Griechen“ der Vergangenheit angehört.

Auf beiden Seiten haben sich die Zerrbilder entspannt. Viele Griechen erkennen an, dass es Merkel war, die das Krisenland im Euro hielt – gegen die Pläne ihres damaligen Finanzministers Wolfgang Schäuble.

Auch Tsipras hat sein Merkel-Bild revidiert. Als Regierungschef hat er, nach anfänglicher Eiszeit, einen guten Draht zu Merkel gefunden. Er weiß: Ohne die Kanzlerin läuft wenig in Europa, gegen sie gar nichts. Auch Merkel honoriert die Wandlung des Griechen vom politischen Paria zum Pragmatiker.

Beide hoffen, von diesem Besuch zu profitieren. Merkel kann demonstrieren, dass ihre auch in der eigenen Partei nicht unumstrittene Rettungspolitik Früchte getragen hat. Ausdrücklich würdigte die Kanzlerin die Opfer der Griechen in der Krise: „Mir ist bewusst, dass die letzten Jahre für viele Menschen in Griechenland sehr schwierig waren“, sagte die Kanzlerin. Griechenland sei aber bereits „weit vorangekommen“. Das sollte „Ansporn für die Zukunft sein“, so Merkel.

Tsipras erhofft sich von Sätzen wie diesen positive Signale an Investoren und Anleger, deren Vertrauen Griechenland zurückgewinnen muss. Wenn Merkel bei ihrer Athen-Visite nun dem griechischen Patienten die Genesung attestiert, ist das nicht nur eine gute Botschaft für die Finanzmärkte. Tsipras kann sich davon auch Rückenwind für die in diesem Jahr bevorstehende Parlamentswahl versprechen.

Grafik

Der griechische Premier setzt auf Merkels Fürsprache. Auch bei der in Kürze in Athen anstehenden Parlamentsabstimmung über das Abkommen mit dem benachbarten Mazedonien.

Es sieht vor, dass sich das Nachbarland künftig „Nord-Mazedonien“ nennt. Mit einer Beilegung des seit einem Vierteljahrhundert schwelenden Namensstreits würde sich für Mazedonien die Tür zur EU und zur Nato öffnen. In Europa und den USA verspricht man sich davon eine politische Stabilisierung des konfliktgeladenen Westbalkans. Berlin hat deshalb hinter den Kulissen das Zustandekommen der Einigung nach Kräften gefördert.

Tsipras bekam für den Kompromiss viel Lob von der EU und der Nato. Manche bringen ihn und den mazedonischen Regierungschef Zoran Zaef sogar für den Friedensnobelpreis ins Gespräch.

Daheim ist das Abkommen allerdings umstritten. Laut Umfragen sind zwei von drei Griechen dagegen. Auch Tsipras’ Koalitionspartner, die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen (Anel), wollen den Kompromiss nicht mittragen. An dem Konflikt könnte das Regierungsbündnis zerbrechen. Neuwahlen, noch vor dem regulären Wahltermin im Herbst, wären die wahrscheinliche Folge.

Merkel hatte schon im Vorfeld ihres Besuchs die historische Bedeutung einer Beilegung des Namensstreits unterstrichen. Ein heikles Thema, denn damit schlägt sich die Kanzlerin in einem erbittert ausgetragenen innenpolitischen Streit auf die Seite von Tsipras – und stößt die Opposition vor den Kopf.

Die konservative Nea Dimokratia (ND), die mit der CDU zur Familie der Europäischen Volkspartei (EVP) gehört, lehnt den Vertrag kategorisch ab. ND-Chef Kyriakos Mitsotakis, eigentlich selbst ein Liberaler, glaubt, in der Mazedonienfrage auf den rechten, nationalistischen Flügel seiner Partei Rücksicht nehmen zu müssen.

Ein Familienstreit mit der ND könnte Merkel egal sein. Schließlich geht es bei Mazedonien um ein geopolitisches Thema. Da müssen familiäre Empfindlichkeiten zurücktreten.

Aber wenn es wegen der Mazedonienfrage in Griechenland zu Neuwahlen kommt, dürfte es in Athen einen Machtwechsel geben. In den Umfragen liegt die ND mit rund zehn Prozentpunkten Vorsprung vor dem Tsipras-Linksbündnis Syriza.

Der Oppositionschef Mitsotakis, den Merkel am Freitag treffen wird, könnte Tsipras schon bald als Regierungschef ablösen. Merkel muss ein kleines Kunststück hinbekommen: Sie will sich einerseits für den Mazedonien-Deal aussprechen, darf aber zugleich den Premier in spe, Mitsotakis, nicht bloßstellen.

Oder muss Merkel darauf gar keine Rücksicht mehr nehmen? Auf das Ausscheiden aus dem CDU-Vorsitz wird irgendwann der Auszug aus dem Kanzleramt folgen. Darauf spielte am Donnerstag die Zeitung „Kathimerini“ in einer Analyse an unter der deutschen Überschrift „Willkommen und auf Wiedersehen, Frau Merkel“. Beide Politiker, Tsipras und Merkel, stünden „vor dem Abschied von der Macht“, kommentiert die Zeitung.

Startseite

0 Kommentare zu "Besuch bei Tsipras: Warum Angela Merkel in Griechenland plötzlich willkommen ist"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote