Hafen von Lagos

Nigeria ist Afrikas größte Volkswirtschaft.

(Foto: Corbis News/Getty Images)

Besuch in Senegal, Ghana und Nigeria Merkel reist mit hochkarätiger Wirtschaftsdelegation nach Afrika

Die Kanzlerin will mit Hilfe der deutschen Wirtschaft Bleibeperspektiven für Menschen in Afrika schaffen. Für die Unternehmen könnte das lukrativ sein.
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Kapstadt, BerlinEs sind nur 14 Kilometer, die Europa und Afrika an der Straße von Gibraltar trennen. Wenn Kanzlerin Angela Merkel am heutigen Mittwoch zum Auftakt ihrer dreitägigen Westafrikareise nach Senegal, Ghana und Nigeria aufbricht, wird sie kaum 100 Kilometer entfernt an der weltbekannten Meerenge vorbeifliegen, die seit ein paar Monaten die neue Hauptroute für illegale Migranten nach Europa ist.

Gerade erst meldeten die spanischen Sicherheitskräfte, dass sich derzeit mehr als 50.000 Schwarzafrikaner in Marokko aufhalten, die demnächst die in Nordafrika gelegenen spanischen Enklaven Ceuta und Melilla erreichen oder mit Booten die Meerenge von Gibraltar überwinden wollen, um so nach Norden aufs europäische Festland zu gelangen.

Umso wichtiger ist für die Kanzlerin die hochkarätige Wirtschaftsdelegation, die mit an Bord ist. Darunter sind Siemens-Chef Joe Kaeser, Ralf Wintergerst, Chef von Giesecke + Devrient, Andreas Schindler, der unter dem Label Don Limon Tropenfrüchte nach Europa und in die USA importiert, oder Andreas Spiess, der erfolgreich sogenannte „Solarkioske“ herstellt. Bei der letzten Afrikareise Merkels im Jahr 2016 war kein Unternehmer dabei, doch die Erkenntnis „Wer zu Hause eine ökonomische Perspektive hat, wandert nicht nach Europa aus“ hat vieles verändert.

Den Ankündigungen neuer Wirtschaftspartnerschaften während des G20-Gipfels in Hamburg vor mehr als einem Jahr will Merkel jetzt Projekte folgen lassen. Kurz vor der Reise mahnte die Kanzlerin die afrikanischen Länder, verlässliche Investitionsbedingungen zu schaffen. Alle drei Länder engagieren sich im Rahmen des westafrikanischen Staatenbündnisses Ecowas für die Stabilität in ihrer Region. Deshalb gelten sie als besonders gute Partner.

Gleichzeitig ist es laut Merkel aber auch wichtig, darauf zu achten, dass Wirtschaftsvertreter Deutschlands ihre Chancen auf dem afrikanischen Markt wahrnehmen. Ein Fingerzeig, dass die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu Unternehmen aus China oder Japan den Kontinent durchaus neu vermessen könnte.

Große Erwartungen

Die Wirtschaft verspricht sich viel von der Reise Merkels. „Endlich“, sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. „Unsere Partner in Afrika reagieren bereits ungeduldig, weil nach den großen Ankündigungen kaum etwas passiert ist.“ Seit sieben Jahren bekleidet Liebing das Ehrenamt beim Afrika-Verein.

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Magere Jahre waren es, zu Afrika gab es wenig mehr als Bekenntnisse. Jetzt ist er zuversichtlich, dass sich das ändert. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat die Bedingungen für Hermes-Bürgschaften, mit denen Exporte abgesichert werden können, für jene Länder verbessert, die beim G20-Gipfel unter deutscher Präsidentschaft in Hamburg eine „Compact with Africa“-Partnerschaft mit Deutschland unterzeichnet haben.

Der Deal: Das jeweilige Land verbessert die Rechtssicherheit für Firmen, baut ein Steuersystem auf, bekämpft Korruption, investiert in Bildung – und wird dafür von Deutschland bevorzugt mit Entwicklungsgeldern für den Aufbau von Firmen und Infrastruktur belohnt. Für Investitionen in der Elfenbeinküste, Senegal, Äthiopien, Ghana und Ruanda ist der Selbstbehalt der Hermes-Versicherung im Schadensfall für Exporteure und Investoren von zehn auf fünf Prozent gesunken.

Eine erste Bilanz des „Compact with Africa“ kann die Bundesregierung noch nicht ziehen, doch alles ist dem Ziel untergeordnet, den Menschen eine Bleibeperspektive zu eröffnen.

Die verbesserten Hermes-Bürgschaften entfalten jedenfalls eine „erstaunlich starke Wirkung“, so Liebing. Die deutschen Direktinvestitionen in Afrika überstiegen im ersten Halbjahr mit 1,09 Milliarden Euro die des ganzen Vorjahres von 1,07 Milliarden Euro.

Eine Solarstromversorgung für 300 Dörfer im Senegal wurde gestartet, Ambulanzfahrzeuge wurden nach Ghana geliefert. Dort investiert der Pharmariese Merck, begleitet vom Autozulieferer Bosch, ins Gesundheitswesen. Siemens wiederum will in den nächsten Jahren eine Milliarde Euro in die Stromversorgung auf dem Kontinent investieren. Viele Dax-Konzerne, so Liebing, sind „mit Volldampf unterwegs“.

Feierliche Unterzeichnungen von Geschäftsabschlüssen soll es auf der Reise der Kanzlerin auch geben: Etwa für das Sambangalou-Wasserkraftprojekt im Vierländereck Senegal, Gambia, Guinea und Guinea-Bissau. Oder – wenn alles bei der Vorbereitung klappt – für eine Produktionsstätte von VW in Nigeria.

Partner auf Augenhöhe

G+D-Chef Wintergerst erwartet, dass Berlin beginnt, Afrika nicht nur als Elendskontinent wahrzunehmen, sondern die stärkeren der 54 Staaten als echte Geschäftspartner. „Wir sollten anfangen, Afrika auch für innovative Projekte in Betracht zu ziehen“, sagt Wintergerst. G+D liefert seit Jahrzehnten Banknoten in die meisten afrikanischen Länder. Das Unternehmen will jetzt sichere ID-Verfahren für ein Pass- und Ausweiswesen in ausgewählten Ländern einführen. „Länder wie Ghana beginnen, eine Software-Entwicklung aufzubauen“, so Wintergerst. „Das könnte ein Hub werden für Innovation“, ein Silicon Valley auch für die Nachbarländer.

An Bord des Kanzlerfliegers sind auch mittelgroße Spezialisten wie Swen Sewerin, und sie wollen Geschäfte in Afrika machen. Seine Firma ist ein Hidden Champion für die Instandhaltung von Wasserversorgungssystemen.

Viele Entwicklungsländer-Regierungen wollten immer neue Leitungen bauen. „Nur werden die dann genauso verfallen wie die vorhandenen Leitungen“, sagt Sewerin. „Wir brauchen die Politik, damit in den Ländern ein Mentalitätswechsel hin zu mehr Nachhaltigkeit entsteht.“ Besonders in Nigeria sehe er viel Potenzial.

Das gilt auch für Martin Billhardt, den Chef des Stromnetz-Spezialisten Pfisterer, der Technologiepartner für den größten afrikanischen Stromerzeuger Eskom aus Südafrika ist. Stromversorgung über die Kopplung von erneuerbaren Energien mit Batterien will Pfisterer in entlegenere Gegenden bringen und zur Versorgung der Städte Hochspannungsstromnetze unterhalten.

Nigeria als Schlüsselland

Dass Nigeria kein „Compact“-Land Deutschlands ist, können die Unternehmer nur schwer verstehen. Das mit 190 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land Afrikas mit dem höchsten Energiebedarf biete „viele Möglichkeiten zum Einsatz unserer bewährten Technologien, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, sagt Billhardt.

Liebing ist froh, dass die Kanzlerin nicht nur in die kleinen Länder Ghana (29 Millionen Einwohner) und Senegal (16 Millionen Einwohner) reist, sondern auch nach Nigeria. „Man kann Afrika nicht stabilisieren wollen und dabei die größte Volkswirtschaft ignorieren“, sagt der Afrikakenner.

„In Deutschland sehen wir Nigeria viel zu negativ, wahrscheinlich wegen der betrügerischen E-Mails, die viele ja kennen.“ Dabei habe Nigeria Investoren viel zu bieten: Es gebe dort Industrie und Infrastrukturprojekte, etwa rund um den Hafen Lagos.

Weit weg von reiner Entwicklungshilfe sieht sich Obstimporteur Andreas Schindler. Seine Familie ist seit Generationen Obst-Großhändler, ein Geschäft, das sich seit Anfang der 2000er-Jahre als zunehmend schwierig erwiesen hat – wegen der Konzentration der Supermärkte, die ohne Zwischenhändler auskommen.

Schindler begann, Tropenfrüchte zu importieren. In Ghana hat er sich an einer Süßkartoffelproduktion beteiligt und plant das auch in Nigeria, dem zweitgrößten Süßkartoffelproduzenten der Welt. „Eine Investition von 80.000 Euro in eine Süßkartoffelfarm kann vor Ort mehr bewirken als das nächste große Staudammprojekt“, ist sich Schindler sicher.

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