Region Afrin

Es ist nicht das erste Mal, dass die Türkei direkt in den Konflikt in Syrien eingreift.

(Foto: AFP)

Bevorstehender Einmarsch Das riskante Kalkül der Türken in Syrien

Das türkische Militär beginnt wie geplant den Einmarsch ins syrische Kurdengebiet. Der Konflikt könnte viele Todesopfer fordern. Die Türkei will ihren Einfluss ausbauen – auch gegenüber den USA. Eine Analyse.
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Ankara/MoskauDie türkische Armee hat in der Nacht zu Freitag mit massivem Beschuss kurdischer Dörfer in der syrischen Grenzregion Afrin begonnen. Nach Angaben der Kurdenmiliz YPG schlugen etwa 70 Granaten in mehreren Ortschaften ein. Der türkische Verteidigungsminister Nurettin Canikli sagte, damit habe de facto die seit Tagen angekündigte Offensive gegen die Miliz begonnen. Soldaten hätten die Grenze aber noch nicht überschritten, sagte der Minister laut der Nachrichtenagentur Reuters dem türkischen Fernsehsender AHaber.

Die türkische Führung in Ankara greift damit zum zweiten Mal innerhalb von 18 Monaten direkt in den Syrienkrieg ein. Beim ersten Einmarsch ins Grenzgebiet bombte das türkische Militär ein Gebiet fünf Mal so groß wie Berlin frei. Damals starben mehr als 60 türkische Soldaten. Das droht auch diesmal.

Die Gemengelage ist – wie schon lange – komplex und hochexplosiv. Während Russland gemeinsam mit dem Iran den syrischen Staatschef Baschar al-Assad stützt, steht die Türkei seit Beginn des Konflikts im Jahr 2011 auf der Seite der nicht-kurdischen Opposition im Land. Die USA wiederum haben sich mit Rebellen der kurdischen YPG in Syrien zusammengetan.

Dörfer unter Beschuss: Türkei startet Kampfeinsatz gegen Kurdenmiliz

„Der türkische Kampfeinsatz ist (damit) auch das Ergebnis eines jahrelangen Streits zwischen Ankara und Washington über die korrekte Syrienpolitik und wie man den IS am besten besiegt“, erklärte der Nahostanalyst Aaron Stein.

Um das einst gemeinsame Ziel – nämlich den Islamischen Staat auszurotten – geht es dabei längst nicht mehr. Sondern um Einfluss in einer Region, die geostrategisch wichtig und äußerst fragil ist. Ankara zwingt jetzt die Regierungen in Washington und Moskau, sich auf eine Seite zu schlagen. Am Ende könnte die Rechnung für den türkischen Staatschef Erdogan aufgehen. Russische Truppen haben sich in diesen Stunden schon aus der Region zurückgezogen. Washington droht den Anschluss zu verlieren.

Die türkische Regierung hat angekündigt, in Afrin sowie im 100 Kilometer östlich gelegenen Manbidsch einzugreifen, um gegen die kurdische Miliz YPG vorzugehen. Das Gebiet südlich davon wird von syrischen Truppen beherrscht. Die Türkei verfolgt das Erstarken kurdisch geprägter Milizen im syrischen Grenzgebiet schon lange mit Argwohn.

Die Regierung in Ankara betrachtet die YPG als Schwesterorganisation der verbotenen PKK, die in der Türkei seit Jahrzehnten mit Brutalität für mehr Autonomie kämpft. In dem Konflikt sind Zehntausende Menschen getötet worden. Seine Regierung stimme sich weiter mit Russland über die Militäraktion ab, erklärte Ankaras Verteidigungsminister Canikli am Freitag. Am Donnerstag sollen sich die ranghöchsten Militärs der beiden Länder darauf geeinigt haben, dass Moskau den türkischen Militärschlag duldet – wenig später folgte dann die Bekanntgabe des Rückzugs der Russen.

Ein weiterer Einmarsch der Türken nach Syrien hätte Moskau bis vor kurzem wenig gepasst. Derzeit sind Russland allerdings die Hände gebunden, die Allianz mit Ankara basiert auf dem Verzicht Moskaus, die Kurden weiter zu unterstützen. Und: Die USA haben Pläne für eine Grenztruppe mit 30.000 Mitgliedern angekündigt, die von Kurden unter anderem aus der YPG angeführt werden soll. Die Türkei hatte das scharf kritisiert, auch dem Kreml dürfte das nicht gepasst haben. Auch, weil die YPG aktuell rund ein Viertel der Fläche Syriens kontrolliert.

Dass das türkische Militär nun offenbar doch einmarschieren darf, zeigt daher einen deutlichen strategischen Schwenk der Russen, deren Politik sich nun aktiv gegen die der Amerikaner in der Region stellt. Einst hatte der Kreml nämlich selbst mit den Kurden angebändelt. Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat waren die Milizen eine willkommene Bodentruppe zur Ergänzung der russischen Luftschläge.

Während der türkisch-russischen Krise nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im Grenzgebiet durch einen türkischen Abfangjäger liebäugelte Moskau sogar mit der Anerkennung kurdischer Unabhängigkeitsbestrebungen. Doch seit der Annäherung mit Ankara ist das Verhältnis zu den Kurden wieder abgekühlt.

Das Vorgehen der USA in Syrien wird von der russischen Führung hart kritisiert. Die jüngst geäußerten Pläne, eine 30.000 Mann starke Kurdenmiliz zu bewaffnen, verurteilte Lawrow auf einer Pressekonferenz diese Woche als versuchte Zerstückelung Syriens. „Die Handlungen, die wir sehen, zeigen, dass die USA die territoriale Einheit Syriens nicht bewahren wollen“, sagte Lawrow. Die kurdischen Milizen sahen lange so aus, als könnten sie als lachender Dritter aus dem brutalen Syrienkonflikt hervorgehen: mit mehr Einfluss, größerer Autonomie oder sogar einem eigenen Staat. Jetzt sind sie zum Spielball der Machtinteressen in der Region geworden.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu fasste die Situation der Kurden in einem Gespräch mit deutschen Journalisten Anfang Januar so zusammen: Er kritisierte, dass sowohl Russland als auch die USA die Kurdenmilizen der YPG in Nordsyrien nacheinander unterstützten. Russland gebe gegenüber der Türkei an, dass die YPG sich ansonsten an die Amerikaner wenden würde. „Die Amerikaner nutzen genau dieselbe Entschuldigung.“

Jetzt greifen die Türken erneut ein. Weil die Kurden in der fraglichen Region teils schwerbewaffnet sind, könnte der Konflikt schnell eskalieren und viele Todesopfer fordern. Sollte die Türkei am Ende die YPG-Rebellen vertreiben, wäre das allerdings auch ein Schlag gegen den amerikanischen Einfluss im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Kremlchef Wladimir Putin – der sich mit dem türkischen Staatschef Erdogan wieder bestens versteht – dürfte das freuen. Am Ende könnte der Militäreinsatz die Rolle der Türkei als neues Machtzentrum in der Region deutlich stärken. Ein riskantes Kalkül. Aber aus Sicht des Machtpolitikers Erdogan offenbar ein logisches.

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9 Kommentare zu "Bevorstehender Einmarsch: Das riskante Kalkül der Türken in Syrien"

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  • Herr Vinci Query,

    das ist doch nichts Neues. EgoWahn hat doch mit seiner Methode bereits im Irak die besten Erfahrungen gemacht.

    Sehen Sie das doch als Gewohnheitsrecht, dass man dem Islamisten zugestanden hat.

  • Die Wertegemeinschaft liefert die Waffen an die Türken und die Kurden, das fördert den ewigen Frieden der Beteiligten. Man hilft, wo man kann.

  • Die Tuerken sind absolut ILLEGAL in Syrien. Kein UNO-Mandat und auch keine Einladung seitens der SYRER.

    Die Welt GUCKT zu, wie ein Aggressor ein anderes Land ueberfaellt und dort Krieg fuehrt.

    UNFASSBAR !

  • Der Erdogan weiß, Angriff ist die beste Verteidigung. Außerdem ist die Türkei ja Natomitglied und damit automatisch auf der Seite der Guten.

  • Die Expansionspolitik Erdogans ist extrem gefährlich. Wir sollten das bei unseren Beziehungen zur Türkei berücksichtigen. Was würde ihn im Zweifelsfall davon abhalten, seine Anhänger in D gegen uns in Stellung zu bringen, wenn es in seinen Kram passt? Die Türkei ist auch kein verlässlicher Natopartner mehr. Wie war das noch mal mit dem Angriffskrieg? Gehört das nicht zu den Kriegsverbrechen?


  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.


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  • Das wäre eine gute Gelegenheit für Trump, zu beweißen, dass seine Eier in der Hose auch Gewicht haben.

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