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Bildung Bildungshindernis Brexit: Wie der EU-Austritt Großbritanniens das Auslandsstudium erschwert

Der nahende EU-Austritt Großbritanniens wirft auch für Studenten Probleme auf. Denn die Regeln für Finanzierungen ändern sich mitunter entscheidend.
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Der Brexit erschwert die Studienfinanzierung für EU-Bürger. Quelle: imago/ZUMA Press
Studierende an der Universität in Leeds

Der Brexit erschwert die Studienfinanzierung für EU-Bürger.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Düsseldorf Am 31. Oktober soll Großbritannien, so der Plan, aus der EU austreten. Wann und in welcher Form der Brexit tatsächlich kommt, ist nach wie vor ungewiss. Klar ist jedoch schon im Vorfeld, dass er große Auswirkungen auf Wirtschaft und Leben auf beiden Seiten des Ärmelkanals haben wird. Das gilt auch für junge Menschen mit Studienplänen im britischen Ausland. Denn die Regeln für Finanzierungen ändern sich mitunter drastisch.

Für Olivia Schneider ging ein Traum in Erfüllung, als sie im Frühjahr die Zusage für ein Studium an der Business-School der Leeds Beckett University erhielt. Das Vereinigte Königreich fasziniert Schneider, die ihren wirklichen Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, seit sie nach dem Abitur 2013 ein Jahr lang als Au-pair in London gearbeitet hat. Einen Teil ihrer Studienzeit wollte sie dort verbringen, vielleicht auch in den Beruf starten.

Ende September begann ihr Master in Public Relations and Strategic Communication. Doch der Weg dorthin war schwierig. Vor allem der Bafög-Antrag gestaltete sich komplizierter als ohnehin aus Deutschland gewohnt. Denn: Bafög wird in der Regel nur für Studien innerhalb der EU gezahlt. Nun befindet sich Großbritannien zum Semesterbeginn noch in der Union, das gilt aber nicht für den weiteren Studienverlauf.

Im Jahr 2018 wurden nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) 3958 deutsche Studierende im Vereinigten Königreich mit Bafög unterstützt. Um die Folgen des Brexits für sie und folgende Jahrgänge abzumildern, hat die Bundesregierung Übergangsregeln gesetzlich verankert. „Insbesondere für die vielen Studierenden, die aktuell an einer Hochschule im Vereinigten Königreich eingeschrieben sind, schaffen wir Rechts- und Planungssicherheit“, sagte Bildungsministerin Anja Karliczek im April.

Verlässt Großbritannien mit einem ratifizierten Abkommen die EU, ändert sich zunächst wenig. Die Übergangszeit erstreckt sich bis zum 31. Dezember 2020, in der Zeit erhalten Studierende weiterhin Bafög. Aber: „Bezüglich derjenigen, die ihre Ausbildung erst nach dem 31. Dezember 2020 beenden werden, steht ein Anspruch auf Weiterförderung ab Januar 2021 noch nicht fest“, erläutert Volker Abt, Pressesprecher des BMBF, dem Handelsblatt. Wer jetzt ein Bachelor-Studium in Großbritannien beginnt, kann sich nicht darauf verlassen, über die gesamte Dauer seiner Ausbildung gefördert zu werden.

Lange Wartezeit

Eine andere Übergangsregelung gilt im Fall eines ungeordneten Brexits. Beginnen Studierende ihre Ausbildung noch davor, werden sie bis zum Abschluss gefördert. Wer aber nach einem No-Deal-Brexit ein Studium beginnt oder fortsetzt, hat keinen Anspruch auf Förderung eines vollständigen Studiums. Laut BMBF steht ihnen lediglich eine Förderung für einen befristeten Aufenthalt bis zu einem Jahr zu.

Olivia Schneider reichte ihre Unterlagen bereits im April ein, kurz nach ihrer Zusage aus Leeds. Dann hörte sie lange Zeit nichts. Erst im August bekam sie auf Nachfrage die Auskunft: „Ich weiß nicht einmal, ob wir überhaupt fördern können! (Brexit)“. Das Ministerium begründet solche Verzögerungen mit eventuell fehlenden Unterlagen – Schneider hingegen sieht darin eher eine Hinhaltetaktik.

„Der Brexit wäre so oder so nicht vor meinem Studienantritt passiert“, ist sie überzeugt, denn ihr Studium begann am 23. September. Zu diesem Zeitpunkt weilte das Parlament noch in der Sommerpause beziehungsweise tagte nicht wegen der von Premier Boris Johnson angeordneten Zwangspause. Und der Brexit kann nicht von jetzt auf gleich in Kraft treten, sondern würde am ersten Tag des Folgemonats erfolgen.

So oder so hätte ihr also auch nach der Übergangsregel eine Förderung zugestanden. Letztendlich hatte die Studierende auch Glück, ihr Antrag wurde bewilligt – und da ihr Master nur ein Jahr dauert, hat der Brexit keine weiteren Auswirkungen auf ihre Förderung.

Nicht nur Bafög

Neben dem monatlichen Betrag beteiligt sich der Staat über das Bafög auch an den Kosten einer Auslandskrankenversicherung, an den Reisekosten und mit bis zu 4600 Euro an möglichen Studiengebühren. „In Deutschland gibt es viel Unterstützung“, sagt Schneider. Und die braucht sie auch, allein die Studiengebühren in Leeds belaufen sich auf 7000 Pfund.

Das Beispiel zeigt, dass es zu einem erheblichen Problem werden kann, sich einzig auf die Förderquelle Bafög zu verlassen. Bei Schneider etwa speist sich die Finanzierung des Auslandsstudiums aus drei Quellen. Da ist erstens das Bafög, von dem sie nach Studienabschluss Anteile zinsfrei zurückzahlen muss.

Zweitens bezieht sie einen Bildungskredit der KfW. Gerade der niedrige Jahreszinssatz von derzeit 0,62 Prozent erscheint vielen Studierenden attraktiv. Anders als beim Bafög müssen sie hier den kompletten Betrag zurückzahlen. Die Tilgungsphase beginnt vier Jahre nach der ersten Auszahlung.

Die dritte Säule ihrer Studienfinanzierung bildet der sogenannte „postgraduate loan“, ein Bildungskredit der britischen Regierung. Kreditnehmer erhalten maximal rund 10 .900 Pfund – das genügt gerade, um die hohen Studiengebühren im Vereinigten Königreich zu stemmen, aber nicht die Miete und die Lebenshaltungskosten. Den „postgraduate loan“ können sowohl In- als auch Ausländer beziehen. Anders als beim deutschen Bafög müssen Absolventen auch hier den kompletten Bildungskredit zurückzahlen. Die Rückerstattung beginnt ein Jahr nach dem Einstieg ins Berufsleben, sofern man mindestens 20.000 Pfund verdient.

Eine Kombination aus verschiedenen Finanzierungsmodellen ist mitunter nicht so einfach, wie auch Schneider feststellen musste. Denn die Förderungen schließen sich zum Teil gegenseitig aus. So musste sie ihren „postgraduate loan“ herabsetzen, um Bafög zu erhalten. Denn aus Sicht des deutschen Amts hätte sie auf dem alten Niveau zu viel Geld zur Verfügung gehabt, um überhaupt gefördert zu werden.

Wenn Schneider mit ihrem Studium fertig ist, hat sie viel Geld in ihre Bildung gesteckt. Doch das ist es ihr wert. So wie sie denken derzeit insgesamt rund 135.000 Studierende aus der EU. Schneider begreift das Auslandsstudium als wertvolle Investition in ihre Zukunft, quasi als Eintrittskarte in ein gesichertes berufliches Morgen. Die Vorteile: das Studium in einem internationalen Kontext, die Praxisnähe ihrer Ausbildung, der tägliche Umgang mit der englischen Sprache, berufliche Perspektiven. „Und das gute Einkommen brauche ich irgendwann auch, um die Kredite zurückzuzahlen“, sagt Schneider.

Mehr: Zum Brexit-Desaster hat auch die EU ihren Teil beigetragen, kommentiert unser Redakteur Jens Münchrath.

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  • Ein weiteres Problem für die Zukunft derjenigen, die in UK studieren oder derzeit studieren ist auch die Frage der Anerkennung und Führung der in UK erworbenen akademischen Grade in Deutschland und Österreich. Während Ersteres (Anerkennung) wohl nicht zum Problem werden wird, kann die Führung jedoch eine Grundlegende Änderung erfahren, da akademische Grade aus UK dann grds. keine Grade aus dem Raum er Europäischen Union sind. Damit unterliegen sie in Deutschland keiner privilegierten Führungsweise mehr (Entfall Herkunftszusatz oder privilegierte Führungsweise von Bologna-Stufe-3-Graden) und sind in Österreich nicht mehr in öffentliche Urkunden und Register eintragbar. Auch hier wäre eine Bestandsschutzregelung für alle Betroffenen, die momentan in UK studieren oder dort studiert haben, sehr wichtig. Von Seiten Großbritanniens wird nach derzeitiger Sicht der Dinge keine Regelung erfolgen.

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