Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Bildungspolitik Start-up-Prinzip statt Pauken: Japans Schulen ändern die Unterrichtsmethoden

Mit einem Umbau des Bildungswesens will Japan kreative Köpfe für die Digitaljobs der Zukunft formen. Man will weg vom puren Auswendiglernen.
Kommentieren
Bisher bereitet sie das Bildungswesen vor allem auf Aufnahmeprüfungen vor. Quelle: E+/Getty Images
Japanische Schulkinder

Bisher bereitet sie das Bildungswesen vor allem auf Aufnahmeprüfungen vor.

(Foto: E+/Getty Images)

Tokio Piep, piep, piep, oink, oink – die Kinder schauen auf ihre iPads und lachen. In der dritten Klasse der Kitayamata-Grundschule in Yokohama steht eine rudimentäre Form des Computerspiels „Angry Birds“ auf dem Stundenplan.

Ein kleiner Vogel muss dabei ein Schweinchen fangen. Doch die 26 Kinder sind nicht hier, um sich zu vergnügen, sondern um Programmieren zu lernen. Jeweils zu zweit teilen sie sich ein iPad, abwechselnd ziehen sie Befehle ins Programmierfenster, die den Vogel steuern. „Ich liebe es“, sagt Schülerin Iroha. „Es ist schwierig, aber macht echt Spaß.“

Kitayamata sei eine Modellschule für die große Erziehungsreform, erklärt Schulleiterin Chizuru Itakura. „Ab dem kommenden Jahr wird Programmieren in allen Grundschulen Pflicht.“ Japan hat sich vorgenommen, den Erziehungsstil in der ganzen Nation zu ändern.

„Wir wollen Pauken und passives Auswendiglernen, das in Asien verbreitet ist, durch aktives Lernen ersetzen“, erklärt Yuichiro Anzai, einer der führenden Experten für Künstliche Intelligenz im Land. Er war Chef der Kommission, die die Reform erdacht hat.

Bisher ist Japans Erziehungssystem darauf spezialisiert, gut ausgebildete, fleißige und folgsame Arbeiter und Manager für Unternehmenskollektive zu entwickeln. Fast alle Schüler durchlaufen das volle zwölfjährige Programm: sechs Jahre Grundschule und je drei Jahre an der Mittel- und Oberschule. Das System ist extrem auf Elitenbildung ausgelegt.

Es gibt eine informelle Rangliste von Grund-, Mittel- und Oberschulen. Der Zugang wird aber nicht über Noten geregelt, sondern über Aufnahmeprüfungen. Die meisten Schüler in den Großstädten gehen daher nach dem Unterricht zu einer Juku, einer Paukschule, die sie gezielt auf diese Tests vorbereitet. Und da muss man nicht kreativ denken können, sondern meist nur richtige Antworten ankreuzen.

Kreativität statt Pauken

Die berüchtigte Paukhölle beginnt in der Regel vor der Mittel-, spätestens vor der Oberstufe. Richtig hart wird sie, wenn die Tests für die Universität anstehen. Denn nur wer es auf eine der wenigen Elite-Unis schafft, darf auf eine Beamten- oder Managerkarriere hoffen. Weil den Kindern von klein auf Leistungsdruck eingeimpft wird, schneidet Japan in Bildungsvergleichen wie dem Pisa-Test gut ab.

Der Japaner der Zukunft soll aber nicht nur auswendig lernen, sondern auch ein bisschen so sein wie die Gründertypen im Silicon Valley. Dementsprechend strategisch geht die Regierung vor, um den Wandel anzuschieben. Voriges Jahr begannen erste Reformen im Kindergarten. 2020 kommen die Grundschulen dran, 2021 die Mittelschulen und 2022 die Oberstufe. Es geht nicht nur darum, programmieren zu lernen. Die Schüler sollen auch freier denken, diskutieren, Weltbürger werden.

Das zeigt sich auch an der Modellschule in Kitayamata, wo schon Grundschulkindern Englisch unterrichtet wird – wie künftig im ganzen Land. „Der Unterricht läuft ganz anders ab als zu meiner Zeit“, sagt Schulleiterin Itakura.

Früher hätten die Schüler vor allem Grammatik gepaukt, denn die meisten Lehrer sprachen selbst nur gebrochen Englisch. Daher konnte in der Vergangenheit kaum ein Japaner Englisch sprechen, obwohl fast jeder die Sprache jahrelang gepaukt hatte. Inzwischen wird ab der ersten Klasse das gesprochene Wort trainiert, Grammatik und Rechtschreibung folgen später.

„In den vergangenen Jahren habe ich wirklich Wandel erlebt“, erzählt Karl Reid, der seit 20 Jahren Englisch in Japan unterrichtet. „Die früheren Reformversuche waren halbherzig, aber dieses Mal scheint die Regierung es ernst zu meinen.“

Nun komme es darauf an, dass die Universitäten wie versprochen die Ankreuzprüfungen stärker durch mündliche und schriftliche Tests ersetzten. Gerade die besten Lehranstalten für die Elite scheinen entschlossen, etwas zu ändern. Denn sie sind in den vergangenen Jahrzehnten aus der Liga der globalen Topuniversitäten verschwunden.

So hat die private Ritsumeikan Asia Pacific University 2018 nicht etwa einen altgedienten Akademiker zum neuen Präsidenten berufen, sondern einen Topmanager: Haruaki Deguchi, der 2006 nach über dreißigjähriger Karriere beim Lebensversicherer Nippon Life die Assekuranz Lifenet gegründet hat. Erst hatte der 71-Jährige die Tokio-Universität beraten, eine der Elitehochschulen des Landes.

Nun mischt sich der Quereinsteiger und -denker als Universitätspräsident noch hörbarer in die Debatte ein. „Wir müssen die Gesellschaft durch einen Mentalitätswandel reformieren“, beschreibt er sein Ziel: weg vom kollektiven Bandarbeiter hin zu einer Gesellschaft, die das Individuum und Ideenreichtum verehrt. „Solange wir das nicht tun, hat Japan keine glänzende Zukunft.“

Mehr investieren

Immer wieder appelliert der Manager an die Regierung, den Staatshaushalt zu sanieren, um mehr in Bildung investieren zu können. Denn die Klassen seien derzeit viel zu groß, individuelle Förderung wäre so kaum möglich. In die Hochschulbildung steckt der Staat laut OECD nur rund 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, Japan ist damit Schlusslicht unter den Industrieländern.

Von der höheren Finanzarithmetik ihrer Schulausbildung erfahren die kleinen Programmierer in Kitayamata noch nichts, von Technik dafür umso mehr. Schulleiterin Itakura will das Schreiben von Computercodes ab der ersten Klasse in vielen Fächern erproben, in Mathematik oder Geografie zum Beispiel. „Unser Ziel ist es, logisches Denken spielerisch mit Spaß zu fördern“, sagt die Pädagogin.

Die Kinder sollen sich früh an das Start-up-Prinzip gewöhnen, daran, dass Versuch, Irrtum und schnelle Korrektur entscheidend sind. Bisher gilt Scheitern als blamabel.

Den Schülern an der Kitayamata-Grundschule macht die neue pädagogische Ausrichtung Spaß. Die vierten Klassen hatten ein Projekt zum Thema „Papier“ und wollten das Erlernte gerne an die Erstklässler weitervermitteln. Also entwickelten sie eine App, sodass die Präsentation ein bisschen wie ein Videospiel gewirkt habe, erzählt Itakura. Die kleinen Schüler studierten selbst an iPads, wie Papier gemacht wird. „Das war wie lehren, ohne dabei zu sein“, freut sich die Schulleiterin.

Mehr: Der Lehrerverband in Deutschland fürchtet, dass der Digitalpakt den Schulen nicht viel bringen wird. Es brauche pädagogische Konzepte und entsprechendes Personal.

Startseite

Mehr zu: Bildungspolitik - Start-up-Prinzip statt Pauken: Japans Schulen ändern die Unterrichtsmethoden

0 Kommentare zu "Bildungspolitik: Start-up-Prinzip statt Pauken: Japans Schulen ändern die Unterrichtsmethoden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote