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Bodenschätze Erdgas-Rausch im Mittelmeer: Streit um die Vorkommen vor Zyperns Küste

Im östlichen Mittelmeer boomt die Suche nach Erdgas. Die Türkei fürchtet, leer auszugehen – und setzt auf Konfrontation mit Zypern und Griechenland.
Update: 10.07.2019 - 22:18 Uhr 2 Kommentare
Erdgassuche vor Zypern. Quelle: Reuters
Türkisches Bohrschiff „Fatih“

Erdgassuche vor Zypern.

(Foto: Reuters)

Frankfurt, Berlin, Istanbul, Brüssel, Athen Die schwimmende Provokation ist rund 230 Meter lang, 36 Meter breit und ihr Rumpf ist in den Farben der türkischen Flagge lackiert: weißer Mond und weißer Stern auf rotem Grund. Derzeit liegt das türkische Bohrschiff „Fatih“ rund 60 Kilometer vor der Ostküste Zyperns und sucht nach Erdgas. Anstalten, den Heimathafen Antalya anzusteuern, macht die Besatzung der „Fatih“ nicht – sehr zum Ärger von zypriotischen Politikern und EU-Beamten. 

Denn das Bohrschiff sucht in einem Gebiet nach Bodenschätzen, das Zypern als sogenannte Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) für sich beansprucht. Nach den Regelungen der Vereinten Nationen steht in dieser Zone Zypern das alleinige Recht zu, Bodenschätze auszubeuten. Die Türkei erkennt das nicht an – und hat kürzlich noch zwei weitere Schiffe losgeschickt: Das Bohrschiff „Yavuz“ liegt vor der Ostküste Zyperns und ein seismologisches Forschungsschiff nähert sich der Insel von Süden.

Die EU bereitet unterdessen wegen der türkischen Erdgas-Erkundungen vor Zypern Strafmaßnahmen vor. Die Botschafter der Mitgliedstaaten einigten sich am Mittwoch darauf, konkrete Planungen zu beginnen. Eventuell könnten bereits am kommenden Montag bei einem EU-Außenministertreffen Strafmaßnahmen beschlossen werden.

Trotz der besten Absichten der EU, gute Beziehungen zur Türkei aufrechtzuerhalten, setze das Land die Eskalationen fort, kommentierte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Das werde unausweichlich zu einer Reaktion der EU führen.

Der Streit um die Bodenschätze vor den Küsten Zyperns schwelt seit Jahrzehnten. Dass er sich jetzt gefährlich zuspitzt, ist kein Zufall. Im östlichen Mittelmeer ist ein regelrechter Erdgas-Rausch ausgebrochen. Nicht nur die Türkei und Zypern wollen in der Region lukrative Gas-Vorkommen ausbeuten. Auch Nachbarstaaten wie Ägypten und Israel haben ihre Erkundungen und die Erdgas-Förderung zuletzt deutlich ausgeweitet.

Die Region steht davor, ein neues Zentrum der globalen Erdgas-Förderung zu werden. Das weckt Begehrlichkeiten – und sorgt dafür, dass im östlichen Mittelmeer ein neuer geopolitischer Konflikt droht, in dessen Zentrum Zypern, Griechenland und die Türkei stehen.

Lukrative Geschäfte

Für die Anrainer-Staaten geht es um umfassende wirtschaftliche Interessen: Schätzungen der US-Geologiebehörde USGS zufolge liegen in der Region 3,5 Billionen Kubikmeter Erdgas. Das ist zwar im internationalen Vergleich nicht viel: Die nachgewiesenen Reserven der USA sind drei Mal so hoch, die Russlands betragen das Zehnfache.

Doch aus europäischer Sicht sind die Vorkommen wertvoll: Die einzigen Länder mit nennenswerten Vorkommen auf dem europäischen Kontinent, Norwegen und die Ukraine, kommen zusammen auf 2,7 Billionen Kubikmeter.

Zypern könnte damit zu einem Erdgas-Exporteur aufsteigen. Den Mittelmeer-Anrainern winken Energiesicherheit und Milliarden-Einnahmen, zumal die Nachfrage bei Erdgas bis 2030 jährlich zwischen 1,6 und zwei Prozent steigen dürfte, so eine aktuelle Schätzung der Unternehmensberatung Accenture Strategy.

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Die Nachfrage von flüssigem Erdgas, sogenanntem LNG, dürfte mit 2,8 Prozent jährlich künftig sogar noch höher ausfallen. Frank Konertz, Chefanalyst für den LNG-Markt bei S&P Global Platts, sagt: „Das östliche Mittelmeer entwickelt sich rasant zu einer Schlüsselregion für das Wachstum des globalen LNG-Marktes.“

Auch die Ölkonzerne wittern Geschäfte: Zypern hat bereits zahlreiche Explorations- und Förderkonzessionen an ausländische Energiekonzerne vergeben, darunter an Eni, Total, Shell, die israelische Delek und den US-Konzern Exxon Mobil.

Auch Ägypten will im LNG-Geschäft mitmischen. Energieminister Tarek El Molla und der staatliche Gaskonzern EGAS werden von den Ölkonzernen bedrängt. Projekte von Eni, Shell und Exxon-Mobil seien „Gamechanger“, meint Energieanalyst Ciril Widdershoven. Denn nun mischten die internationalen Energiemultis mit und nicht mehr nur die deutlich kleineren Regionalunternehmen.

Ägyptens Wunsch, sich zum veritablen „Energie-Hub“ zu entwickeln, könnte bald wahr werden, sagt auch Gasser Hanter, der Chairman von Shell Egypt. Denn das Land hat nicht nur riesige Gasfelder entdeckt, sondern hat auch zwei LNG-Anlagen, mit denen das Erdgas verflüssigt und zum Abtransport per Tanker vorbereitet werden kann. „Ägypten ist das wichtigste Land in der Region“, bestätigt S&P Global-Platts-Experte Konertz. Das liege sowohl an der Größe der Erdgasvorkommen als auch an der Export-Infrastruktur, die bislang kaum ausgelastet sei.

Um das zu ändern, hat Ägypten bereits mit Zypern und Israel Abkommen geschlossen, Gas per Pipeline von den Vorkommen im Meer an die ägyptischen LNG-Anlagen zu liefern. Doch der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan sieht nur ungern dabei zu, wie die regionalen Konkurrenten mithilfe multinationaler Konzerne ihre Claims abstecken.

Die türkische Regierung hat das östliche Mittelmeer ebenfalls zur strategisch wichtigen Zone erklärt. Sie steht besonders unter Druck, da das Land bislang keine eigenen Öl- und Gasquellen besitzt und daher auf Importe angewiesen ist. Wegen der Abwertung der heimischen Lira im Vergleich zum Dollar sind diese Importe zuletzt erheblich teurer geworden.

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Hinzu kommt, dass die Türkei kein Öl mehr aus dem Iran importieren darf, weil die USA den Kauf von Öl aus Iran weltweit sanktioniert haben. Die Regierung in Ankara sucht daher händeringend nach Möglichkeiten, die Abhängigkeit von Öl und Gas aus dem Ausland mit eigenen Vorkommen zu kompensieren.

Der Nationale Sicherheitsrat, ein Gremium von Militär, Sicherheitsdiensten und den wichtigsten Ministern unter der Leitung Erdogans, erklärte daher im Mai: „Die Türkei wird ihre Aktivitäten im östlichen Mittelmeer fortführen und keine vollendeten Tatsachen akzeptieren.“ Eine kaum verhohlene Drohung, dass die Türkei ihre Interessen notfalls mit Militärgewalt durchsetzen will. Schon jetzt werden Bohrschiffe, die im Auftrag Ankaras nach Gasfeldern suchen sollen, von türkischen Fregatten begleitet.

Zypriotische Politiker sind alarmiert: Zyperns Präsident Nikos Anastasiades forderte als Reaktion auf die türkischen Erdgasbohrungen Sanktionen der EU gegen die Türkei. „Wir wollen eine härtere Haltung der EU“, sagte er im zyprischen Staatsfernsehen RIK. Gegen die Besatzung des Bohrschiffs und Manager der beteiligten Firmen will Zypern internationale Haftbefehle ausstellen.

Streit zwischen der Türkei und Griechenland

Auch mit Griechenland liegt die Türkei im Streit: Die Türkei beansprucht die östliche Hälfte der Ägäis, in der etliche griechische Inseln liegen, als eigene Wirtschaftszone. Ein weiterer Streitpunkt ist die kleine griechische Insel Kastelorizo, die auf halber Strecke zwischen Rhodos und Zypern und damit wenige Kilometer vor der südtürkischen Hafenstadt Kas liegt.

Nach griechischer Ansicht ergibt sich aus der Lage der Insel eine griechische Wirtschaftszone, die im Osten bis an jene Zyperns heranreicht. Für die Türkei bliebe als Wirtschaftszone danach in diesem Seegebiet nur ein kleiner Rest übrig.

Griechenlands soeben abgewählter Premierminister Alexis Tsipras erklärte in einem Fernsehinterview, er glaube nicht, dass die Türkei es wagen werde, vor Kastelorizo mit einem Bohrschiff aufzukreuzen. Griechenland habe Pläne, das zu verhindern. „Wir werden es Erdogan nicht erlauben, in der griechischen Wirtschaftszone zu bohren“, sagte Tsipras und versicherte: „Griechenland wird keinen Schritt zurückweichen“. Das „aggressive Verhalten“ der Türkei und „die Verletzungen des Völkerrechts“ seien „keine Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche“ Ankaras, sagte Tsipras.

Auch andere Regionalmächte mischen beim Erdgas-Rausch mit: „Katar hat von dem Potenzial im östlichen Mittelmeer Notiz genommen“, sagt LNG-Experte Konertz. Das Land kontrolliert ein Fünftel des weltweiten Flüssiggas-Marktes. Diesen Marktanteil will das Land halten – und entwickelt zusammen mit dem italienischen Energiekonzern Eni Projekte vor der Küste Zyperns.

Saudi-Arabien wiederum unterstützt Ägypten auf der Suche nach Gas. Mit Saudi Aramco stünde den Ägyptern der weltgrößte Ölkonzern zur Seite, und auch politisch unterstützt Riad massiv Kairos Militärregime unter Präsident Abdel-Fatah al Sisi.

Immerhin: Es besteht Hoffnung, dass sich die Akteure gemeinsam auf eine Verteilung der Ressourcen einigen können. „Der rasante Ausbau der Gas-Exploration hat regionalen Dialog und Kooperationen gefördert“, sagt Konertz. So arbeiten Erdgas-Unternehmen aus den einstmals verfeindeten Staaten Ägypten und Israel bereits zusammen. Mittlerweile wollen israelische Firmen sogar in Ägypten investieren – früher undenkbar.

Ein ähnliches Modell sei auch für den Konflikt mit der Türkei nötig, sagt Ogan Kose, Managing Director bei Accenture Strategy. Er schlägt ein türkisch-zypriotisches Konsortium vor, an dem sich auch andere Länder der Region beteiligen können. „Das ist der einzige Weg“, sagt Kose. Jede andere Lösung wäre eine „Lose-Lose-Situation“ für alle Beteiligten.

Doch bis sich die Türkei, Zypern und Griechenland auf ein Konsortium zur Ausbeutung der Erdgasvorkommen einigen können, dürfte es angesichts der aggressiven Rhetorik auf allen Seiten noch ein weiter Weg sein.

Mehr: Zypern galt jahrelang als beliebter Fluchtort für Schwarzgeld. Jetzt entdeckt Zypern ein neues, sauberes Geschäftsmodell: Erdgas.

Mit Agenturmaterial.

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2 Kommentare zu "Bodenschätze: Erdgas-Rausch im Mittelmeer: Streit um die Vorkommen vor Zyperns Küste"

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  • Deutschland muß sich an Seite Zyperns der Griechen stellen und Israel stellen. Auch militärisch. Dann kann mal die Loyalität der im Land wohnenden testen.

  • Was waere, wuerden diese offenbar illegalen Bohrungen, von Russland oder dem Iran
    durchgefuehrt? Aber die Tuerkei ist ja Nato-Partner und haelt seit Jahrzehnten Nord-Zypern
    besetzt, ohne dass dies irgendwelche Folgen haette.

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