Brand auf russischem U-Boot Warum das Unglück auf der „Loscharik“ ein Déjà-vu für Putin ist
Am 1. Juli starben bei einem Brand auf einem russischen U-Boot 14 Menschen.
Moskau Das russische Verteidigungsministerium hat nur eine knappe Meldung veröffentlicht: Am 1. Juli habe es einen Brand auf einem Forschungsschiff gegeben, teilte es einen Tag später mit. Der Crew sei es gelungen, bei einem „selbstlosen“ Löscheinsatz das Feuer an Bord zu löschen, doch 14 Besatzungsmitglieder seien an Rauchvergiftung gestorben.
Als einziges Detail gab es von offizieller Seite, dass das Boot gerade „in russischen Hoheitsgewässern“ den Meeresboden untersucht und vermessen habe. Weder zur Ursache des Brands, noch zum U-Boot, seiner Besatzungsstärke und möglichen weiteren Betroffenen nahm die Flottenführung Stellung.
Dennoch sickerten Details zu dem Unglück durch: So soll es sich bei dem betroffenen U-Boot um das geheime Projekt AS-12 handeln – auch „Loscharik“ genannt – eine Wortschöpfung zusammengesetzt aus den russischen Bezeichnungen für Pferd und Kugel, weil es wie das gleichnamige Spielzeugpferd aus einem russischen Trickfilm aus Kugeln zusammengebaut wurde. Diese Art der Konstruktion dient der größeren Festigkeit, denn „Loscharik“ ist ein atomar betriebenes Tiefsee-U-Boot mit einer Besatzungsstärke von 25 Mann.
Neben den 14 Toten kursieren in den sozialen Medien Berichte von „vier bis fünf“ weiteren Verletzten mit Rauchvergiftung, ein Kurzschluss wird als mögliche Brandursache genannt. Bestätigt ist das nicht.
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Offizielle Fotos von dem Atom-U-Boot, das angeblich bis zu 6.500 Meter tief tauchen kann, gibt es ebenfalls nicht. Lediglich bei Aufnahmen zur russischen Ausgabe von „Top Gear“ tauchte es 2015 zufällig im Hintergrund auf, als die Macher der Produktion eigentlich einen Mercedes am Ufer des Weißen Meeres ins Visier nahmen.
Die Loscharik konnte auch als Spionageschiff eingesetzt werden
Die Geheimhaltung begründet sich aus dem Einsatzgebiet der „Loscharik“, das wohl weit mehr umfasst als die deklarierten Meeresbodenuntersuchungen. AS-12 kann, obwohl unbewaffnet, US-Geheimdienstangaben nach als Spionage- und Sabotageschiff eingesetzt werden. Unter anderem soll es im Kriegsfall die Unterseekabel kappen können, die zwischen Europa und Nordamerika verlegt sind. Damit wären beispielsweise die meisten Internetverbindungen zwischen beiden Kontinenten lahmgelegt.
Wladimir Putin selbst sprach am Abend nach Bekanntwerden des Unfalls von „einem großen Verlust für die Flotte, ja für die ganze Armee“.
Tatsächlich ist es auch ein Schlag für das von Putin aufgebaute politische System, erinnert der Vorfall doch fatal an eine Katastrophe gleich zu Beginn seiner Regentschaft.
Die „Loscharik“ ist nicht die „Kursk“, die Situation bei den russischen Streitkräften 2019 ist eine andere als zu Putins Amtsantritt im Jahr 2000, und doch weisen die beiden U-Boot-Katastrophen Parallelen auf. Beide Unglücke ereigneten sich auf Prestigeobjekten der russischen Nordmeerflotte, Atom-Booten mit höchster Geheimhaltungsstufe. Und beide befanden sich wohl im Manöver, als sie das Schicksal ereilte.
Zwar ist die Zahl der Todesopfer auf der „Loscharik“ kleiner als auf der „Kursk“, wo im August 2000 alle 118 Seeleute ums Leben kamen, doch ist es immer noch das größte Flottenunglück der vergangenen zehn Jahre, zumal auf dem Schiff ausschließlich Offiziere stationiert waren, darunter sieben mit dem Rang Kapitän zur See und zwei mit dem Orden „Held Russlands“.
Unglück wirft fragen nach Sicherheit der Streitkräfte auf
In den vergangenen 20 Jahren hat Putin am Mythos des „starken Russlands“ gebaut. In erster Linie stützte er sich dabei auf die Modernisierung und Hochrüstung der Streitkräfte: Neue Atomraketen mit Hyperschallgeschwindigkeit, punktgenaue Marschflugkörper, aber auch atomwaffenfähige Unterwasserdrohnen waren die Highlights, mit denen er im vergangenen Jahr vor seiner Wiederwahl Russlands militärische Potenz rühmte. Daneben hat sich Russland aber auch mit neuen Panzern, Kampfflugzeugen, Luftabwehrsystemen und Kriegsschiffen verstärkt.
Und doch taucht immer wieder die Frage nach den Sicherheitsstandards bei den Streitkräften auf, gerade nach solch großen Unfällen. Offizielle Zahlen zu den Verlusten beim Militär gibt es seit 2010 nicht mehr, als Generalstaatsanwalt Juri Tschaika von 478 Toten in der Armee sprach.
Doch schon damals zweifelten Bürgerrechtler an den Zahlen. So schätzte Veronika Martschenko, die Gründerin der Bürgerrechtsorganisation „Recht der Mütter“, die Zahl der Todesfälle beim russischen Militär pro Jahr auf 2.000 bis 2.500. Nach dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts hat Putin alle Informationen über solche Todesfälle zum Staatsgeheimnis erklärt. Seither ist es praktisch unmöglich, auch nur annähernde Schätzungen abzugeben.
Immerhin: Der Kreml selbst hat aus dem Untergang der Kursk gelernt. Ließ sich Putin damals fünf Tage Zeit, ehe er seinen Urlaub abgebrochen hatte, bestellte er nun bereits am nächsten Tag Verteidigungsminister Sergej Schoigu vor die Kameras in den Kreml ein, um ihn anschließend nach Seweromorsk zu schicken, um die Ermittlungen persönlich zu überwachen.
Doch ob die Öffentlichkeit angesichts der großen Geheimhaltung je die tatsächlichen Hintergründe und Ursachen des Unglücks erfahren wird, ist fraglich. Immer noch scheint die Technik wichtiger als ein Menschenleben. Die Bewahrung militärischer Geheimnisse wichtiger als das Recht der Öffentlichkeit, die Ursachen der Katastrophe zu erfahren.
Gut möglich, dass wir am Ende auf die Frage: „Was ist auf der Loscharik passiert?“ mit der Antwort abgespeist werden: „Sie hat gebrannt.“ So wie einst Putin auf Larry Kings Frage nach der Kursk lapidar erwiderte: „Sie ist untergegangen.“






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