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Brand der Pariser Kathedrale Das Notre-Dame-Feuerdrama lässt die Franzosen enger zusammenrücken

Der Wiederaufbau der Kathedrale wird lange dauern, auch wenn die internationale Solidarität groß ist. Doch das Unglück fördert den Zusammenhalt der Franzosen.
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Der Turm der Kirche Notre-Dame, der am Montagabend in Flammen stand und dann eingestürzt ist. Quelle: Reuters
Notre Dame in Flammen

Der Turm der Kirche Notre-Dame, der am Montagabend in Flammen stand und dann eingestürzt ist.

(Foto: Reuters)

Paris, DüsseldorfEin Loch klafft im Himmel über Paris: Wo sich noch am Montagnachmittag die fast 100 Meter hohe Nadel des Vierungsturms von Notre-Dame erhob, steht nur noch das verbogene Gerüst der Reparaturarbeiten, die der Kathedrale wohl zum Verhängnis wurden. Noch gibt es keine sicheren Erkenntnisse, aber der Pariser Staatsanwalt gab am Dienstag bekannt, dass er die Hypothese eines Unfalls als Brandursache für wahrscheinlich halte.

Mit 14 Millionen Besuchern jährlich ist die weitgehend im 13. Jahrhundert erbaute gotische Kathedrale das Wahrzeichen der Stadt, das die meisten Touristen anzieht. Entsprechend groß ist die Bewegung, die das Unglück auslöst.

Sie drückt sich nicht nur in Trauer, sondern auch in spontaner Hilfsbereitschaft über die Kontinente hinweg aus: In den USA meldeten sich Henry und Marie-Josée Kravis mit einem Zehn-Millionen-Scheck, die Milliardärsfamilie Bettencourt-Meyers und der Kosmetikriese L‘Oréal wollen insgesamt 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Kathedrale spenden.

Notre-Dame ist weder die größte noch die höchste Kathedrale des Landes. Das Mittelschiff von Beauvais ist höher als die 33 Meter „Unserer lieben Frau von Paris“, wie man im Deutschen sagt, die Dimensionen von Chartres sind gewaltiger.

Doch Notre-Dame mit ihren massiven Doppeltürmen, der in den Himmel greifenden Nadel und den großformatigen Rosenfenstern des Querhauses ist eines der wenigen Symbole, die man weltweit sofort erkennt: Hier auf der Ile de la Cité schlägt das Herz von Paris, hier wurden Könige gekrönt, Präsidenten betrauert, und hier wurde der Sieg über die Nazis gefeiert. „Notre-Dame war schon im Mittelalter Zufluchtsstätte für alle, die das Kirchenasyl suchten: Hier waren sie in Sicherheit“, erinnerte am Dienstag der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit.

Nun ist diese Ikone zerstört. Wie weit, wusste man am Dienstag noch nicht. Deshalb ist auch offen, was Emmanuel Macrons noch in der Nacht gemachtes Versprechen „Wir werden diese Kathedrale wieder aufbauen“ genau beinhalten wird.

Seit dem Morgen tagte eine Expertenkommission. Erleichterung und Niedergeschlagenheit wechseln sich ab: Dienstagmorgen waren die Pariser glücklich darüber, dass die Kirche noch steht. Die rund 400 Feuerwehrleute konnten zwar den mehr als 800 Jahre alten Dachstuhl nicht retten, aber die Türme und den größten Teil des Gewölbes.

Kosten des Wiederaufbaus sind nicht abzuschätzen

Doch später relativierte Kulturminister Franck Riester: „Wir wissen nicht, in welchem Zustand das Gewölbe ist.“ Die große Hitze, die Last der herunterstürzenden Balken und des Löschwassers haben die Tragfähigkeit der filigranen Konstruktion aus Sandsteinen möglicherweise entscheidend beeinträchtigt.

Über der Querung, wo Langhaus und Querhaus zusammentreffen, hat der herabstürzende Querungsturm das Gewölbe durchschlagen, auf den Aufnahmen der Feuerwehr sieht man ein riesiges Loch, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass dieses Wahrzeichen von Paris den beiden Weltkriegen standgehalten hat, aber nun im tiefsten Frieden verwüstet wurde.

Die Kosten des Wiederaufbaus sind noch längst nicht abzuschätzen, da man nicht einmal weiß, wie viel von der noch stehenden Struktur nutzbar sein wird. Manche Architekten sprechen von Jahren, andere von Jahrzehnten. Die letztere Hypothese dürfte übertrieben sein. Denn auch wenn die Reparaturarbeiten an Notre-Dame wohl mit grobschlächtigen, gefährlichen Techniken durchgeführt wurden: Beim Wiederaufbau kann modernste Hightech helfen.

Simon Valadou von Datasoluce, einem in der Start-up-Schmiede der Pariser Hochschule HEC entstandenen, auf digitale 3D-Modellierung spezialisierten Unternehmen, erwartet einen großen Beitrag modernster Technologien zum Wiederaufbau von Notre-Dame: „Wir können die Beschreibungen und Pläne einlesen, der Algorithmus macht daraus einen digitalen Zwilling beispielsweise des Dachstuhls.“

Glücklicherweise sei die Datengrundlage sehr gut. Die Archive der Stadt und der Kirche verfügen nicht nur über viele originale Pläne. „Während der Vorbereitung der laufenden Restaurierung haben die Archäologen mit modernen Techniken Messungen vorgenommen, die man nun verwenden kann“, erläutert Valadou.

Besucher

14

Millionen Menschen besichtigen jährlich Notre-Dame

Die Algorithmen könnten „zwar nicht dem Zimmermann die Arbeit abnehmen, der neue Eichenbalken in Form bringen muss“. Notre-Dame wird auch nicht aus dem 3D-Drucker neu entspringen. Doch als Erstes ermöglicht ein digitaler Zwilling eine rasche Bestandsaufnahme und die Erstellung von Planungsalternativen: „Die Frage wird sein, wie originalgetreu man rekonstruiert: In Beauvais hat man nach einem Brand im 19. Jahrhundert Stahlbalken eingezogen, in Nantes solche aus Beton.“ Anschließend, wenn Konservatoren, Kirchenleute und Kulturpolitiker sich entschieden haben, lasse sich jedes benötigte Teil auf Bruchteile von Millimetern genau vorempfinden.

Kathedrale wird wohl mit neuer Technik aufgebaut

Klar dürfte sein, dass man nicht mehr wie im Mittelalter an den Aufbau herangeht. Damals wurde der Dachstuhl auf dem Boden vor der Kathedrale zusammengesetzt, jedes Werkstück nummeriert. Anschließend wurde die fertige Konstruktion wieder zerlegt und in die Höhe von 44 Metern befördert.

Die neuen Baumeister können von modernsten Erfahrungen profitieren: So etwa vom hochkomplexen Gehry-Bau der Vuitton-Stiftung im Bois de Boulogne, in dem kein Träger dem anderen gleicht. Der wurde mithilfe der Software „Catia“ von Dassault Systèmes erstellt, die beim Entwurf und Bau von Flugzeugen zum Einsatz kommt.

Planung und Produktion verschmelzen hier zu einem digitalen Ganzen, man bewegt sich wie in der Realität durch jeden Hohlraum des Baukörpers, der neu entsteht. Unliebsame Überraschungen lassen sich so vermeiden.

Eines macht Digitalexperte Valadou aber auch klar: „Nicht alles lässt sich digital lösen, das Blau der Fenster von Chartres können nur Experten aus Fleisch und Blut wieder so hinbekommen wie im Original.“

Bleibt die Frage der Kosten. Nicht die Kirche, sondern der Zentralstaat ist Eigentümer der Kathedralen. Eine Versicherung springt für die Folgekosten des Brandes nicht ein: „Der Staat ist seine eigene Versicherung, eine private Versicherung hat er nicht“, klärt eine Mitarbeiterin des Kulturministeriums auf.

Sollte man den an den Restaurierungsarbeiten beteiligten Unternehmen keine Schuld nachweisen können, bleibt alles am Staat hängen. Über welche Beträge man da redet, ist noch völlig offen. Ein Vergleich: Der Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche, von der nur noch ein Steinhaufen übrig war, hat 180 Millionen Euro gekostet.

Noch kann niemand sagen, ob es im Fall der Pariser Frauenkirche mehr oder weniger wird. Auf jeden Fall zeigt sich eine hohe Bereitschaft Privater, sich zu beteiligen. Schon bevor der Staat seine offizielle Spendenaktion für den Wiederaufbau beschlossen hatte, meldeten sich die reichsten Franzosen: Die Familie Pinault, Eigentümer des Luxuskonzerns Kering, will 100 Millionen zuschießen. Der ewige Rivale Arnault, LVMH-Eigner, lässt sich nicht lumpen und verdoppelt diesen Betrag. Auch im Internet sind bereits spontane Spendenplattformen entstanden.

Geld dürfte kein Problem sein

An den Geldern dürfte die Renaissance des Pariser Wahrzeichens nicht scheitern. Notre-Dame wiederaufzubauen kostet nicht nur viel Geld, sondern vor allem auch Zeit. Wie viel, wagt noch kein Experte zu sagen. Die Freiburger Dombaumeisterin Yvonne Faller warnt vor Spekulationen: „Es wäre völlig unseriös, über Dauer und Kosten zu sprechen, solange man nicht weiß, was überhaupt gemacht werden muss.“

Aus Solidarität rückten die Dombaumeister europäischer Kathedralen in der Nacht des Brandes zusammen. Um Punkt 12 Uhr am folgenden Tag läuteten für fünf Minuten die Glocken zahlreicher Kirchen in Europa. Ein Zeichen für den internationalen Zusammenhalt, die länderübergreifende Trauer.

Die Mitglieder des Vereins europäischer Dombaumeister wollen den Parisern aktiv ihre Hilfe anbieten. Das wären 110 versierte Unterstützer. Die Franzosen und Österreicher verbindet eine Tragödie. 1945 brannte das Dach des Stephansdoms, eines der Wahrzeichen Wiens. „Da wird jetzt überlegt, ob der Sachverstand aus Wien ausgeliehen wird“, erzählt Faller.

Nach solchen Nächten wird die Frage laut, ob so etwas auch in Deutschland hätte passieren können. Die Antwortet ist kurz und ernüchternd: Ja. Im Freiburger Münster habe man in den vergangenen Jahren mit Brandmelde- und Löschwasseranlagen einiges getan, um die Gefahr zu bannen. Der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich ist sicher, dass der Kölner Dom besser vor Flammen geschützt ist als so manch andere Kirche: „Durch die Weitsicht der Baumeister aus dem 19. Jahrhundert hat man auf dem Dach des Doms eine Eisenkonstruktion realisiert.“

Doch genau wie in Paris verfügen auch in Deutschland einige Kirchen noch über Originalbauteile aus Holz. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Aachener Dom. Der zuständige Dombaumeister Helmut Maintz gesteht, dass dort die Brandgefahr besonders hoch ist.

„Wenn man das gestern in Paris gesehen hat, muss man sehr froh sein, dass bisher alles gut gegangen ist“, sagte er der „Rheinischen Post“. Faller zieht ihr Fazit: „Man kann nicht alles verhindern, aber mit Sicherheit wird jetzt jeder in seiner Kathedrale intensiv prüfen, ob man den Brandschutz noch optimieren kann.“

Katastrophe hat auch politische Folgen

Weil Notre-Dame ein nationales Symbol ist, hat diese Katastrophe auch politische Folgen. Präsident Macron hatte für Montagabend seine Fernsehansprache angesetzt, in der er seine Schlussfolgerungen aus der seit Januar laufenden „Großen nationalen Debatte“ über Steuern, Klimaschutz und Staatsaufbau und aus der Krise der Gelbwesten bekanntgeben wollte. Doch um kurz vor sieben brach das Feuer aus und machte Macrons Pläne zunichte.

Am Abend dachte man noch, die Ansprache werde einfach um ein, zwei Tage verschoben. Doch mittlerweile scheint sich im Élysée-Palast die Meinung durchgesetzt zu haben, dass es so einfach nicht sein wird. Zu groß ist die Bewegung der Franzosen. Da könnten Macrons Entscheidungen, die eine Grundlage für sein Handeln während der zweiten Hälfte seiner Amtszeit bilden sollen, in ein Aufmerksamkeitsloch fallen. Oder, schlimmer noch, als pietätlos empfunden werden.

Der Élysée jedenfalls zog die Bremse. „Man muss eine Zeit des Gedenkens einhalten und die Verantwortung aufbringen, die angesichts dieser großen nationalen Emotion gefordert ist“, teilten Macrons Mitarbeiter am Dienstagmittag mit. „Der Präsident der Republik wird sich zu gegebener Zeit äußern.“

Emmanuel Macron: „Wir werden Notre-Dame zusammen wieder aufbauen“


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