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Leere Supermärkte in Großbritannien

Brexit und Corona schaden der britischen Wirtschaft erheblich. Das spüren besonders die Verbraucher.

(Foto: dpa)

Brexit-Folgen Das sind die Brexit-Folgen für Großbritannien, Deutschland und die EU

Großbritannien hat die EU endgültig verlassen. Nun sind die ersten negativen Folgen für die Wirtschaft sichtbar. Die Coronapandemie tut ihr übriges.
03.03.2021 - 11:29 Uhr Kommentieren

Düsseldorf Jahrelang beherrschte die Brexit-Debatte das tägliche Nachrichtengeschehen in Großbritannien. Nun ist es vollzogen. England ist nicht mehr Teil der europäischen Union. Offiziell ist das Land bereits am 31. Januar 2020 ausgetreten. Doch es gab eine Übergangsphase, die Ende 2020 auslief. Politik, Unternehmen und die Bevölkerungen sollten sich auf den Austritt vorbereiten. Doch es kam anders. Kurz vor knapp konnten sich Vertreter der EU und der britische Premier Boris Johnson auf einen Deal einigen.

Für viele Unternehmen kam es zu spät. Seit Mitte Dezember 2020 herrscht Chaos an den Grenzen, zu sehen an den langen Lkw-Staus in Dover, die zu einer Art Sinnbild der Brexit-Politik geworden sind.

Parallel dazu leidet die Wirtschaft stark unter der Coronapandemie – die Brexit-Folgen im Überblick.

Brexit-Folgen für Großbritannien, Deutschland und die EU

Folgen des Brexits für den Lieferverkehr

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    Die deutsche Industrie sieht trotz des Brexit-Handelsabkommens aktuell erhebliche Störungen im Warentransport von und nach Großbritannien. „Wir rechnen damit, dass die Engpässe mindestens bis zur Jahreshälfte andauern“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang, der Deutschen Presse-Agentur.

    „Das stellt die pan-europäischen Lieferketten in dramatischer Weise vor eine Zerreißprobe. Die Vorbereitungen der Regierung in London und in vielen britischen Unternehmen waren nicht ausreichend, um die zusätzliche Bürokratie und unnötige Grenzformalitäten abzufedern.“

    Obwohl sich die Unternehmen im vergangenen Jahr trotz Corona gut auf die neuen Handelsbarrieren vorbereitet hätten, träfen die Störungen viele Betriebe mit aller Härte, sagte Lang. „Dabei ist der Handel momentan zunächst geschrumpft. Sobald das Handelsvolumen zunimmt, steht uns ein massiver Stresstest bevor.“

    Folgen des Brexits für den Export

    Die deutschen Exporte nach Großbritannien sind im Januar nach Inkrafttreten des Brexit-Handelsabkommens um nahezu ein Drittel eingebrochen. Die Ausfuhren seien nach vorläufigen Berechnungen um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Grund dafür seien „die Auswirkungen des vollzogenen Brexits“.

    Bereits 2020 waren die deutschen Exporte in das Vereinigte Königreich um 15,5 Prozent auf 66,9 Milliarden Euro eingebrochen, vor allem wegen der Corona-Pandemie. Das war das größte Minus seit der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009. „Seit dem Jahr 2016 – dem Jahr des Brexit-Referendums – haben die deutschen Exporte in das Vereinigte Königreich stetig abgenommen“, so die Statistiker. 2015 hatten die deutschen Exporte dorthin noch 89,0 Milliarden Euro betragen.

    Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht davon aus, dass deutsche Unternehmen künftig rund zehn Millionen Zollanmeldungen pro Jahr einreichen müssen. Das allein dürfte etwa 400 Millionen Euro kosten.

    Folgen des Brexit für kleine Unternehmen

    Der Ausstieg des Landes aus der EU bedeutet für britische Firmen einen radikalen Bruch. Sie müssen sich neu aufstellen – oder das Geschäft über den Ärmelkanal ganz aufgeben. Die vielen kleinen Einbußen summieren sich zu einem volkswirtschaftlichen Schaden, der das Land laut der Bank of England langfristig vier Prozentpunkte Wachstum kosten wird.

    Ein Viertel der sechs Millionen kleinen Unternehmen im Königreich exportieren in die EU. Viele haben ihren Onlineverkauf vorerst eingestellt, weil sie die zusätzlichen Kosten, die durch die Zollgebühren entstehen, weder selbst übernehmen noch auf ihre Kunden abwälzen wollen.

    Grafik

    Darunter sind Lebensmittelanbieter die Cheshire Cheese Company aus Macclesfield. Allein die Gesundheitszertifikate sind regelmäßig teurer als der Wert des verkauften Käses. Die Firma überlegt nun, ein Vertriebszentrum in der EU zu errichten, um die Binnenmarkthürden zu umgehen. Was genau nun gilt, das hat die EU in einem PDF zusammengefasst.

    Folgen des Brexits für die Finanzbranche

    Großbritannien will die Regeln für Börsennotierungen lockern, um die Zahl der Emissionen von wachstumsstarken Unternehmen und Mantelgesellschaften (SPAC, Special Purpose Acquisition Company) in London nach dem Brexit zu erhöhen. Wie Finanzminister Rishi Sunak Anfang März mitteilt, sollen zum Beispiel die Listingvorgaben für SPACS liberalisiert werden. Spac ist ein Börsentrend aus den USA. Wie er funktioniert, finden sie in dieser Erklärung.

    Darüber hinaus könne der Streubesitz auf 15 Prozent gesenkt werden. Außerdem würden unterschiedliche Aktiengattungen empfohlen.

    Die Londoner Börse steht unter größerem Wettbewerbsdruck durch die New Yorker Börse und die Nasdaq sowie die Euronext, seit Großbritannien die Europäische Union Ende 2020 verlassen hat. Die Londoner City kämpft gegen den Exodus.

    Denn britische Geldhäuser müssen mehr Mitarbeiter in ihre Ableger in der EU schicken. Einige der Institute, die nach dem Brexit Geschäfte in der Ländergemeinschaft betreiben wollen, hätten immer noch nicht genügend Beschäftigte vor Ort, sagte EZB-Chefbankenwächter Andrea Enria.

    Aus manchen Geldhäusern war zuletzt zu hören, dass der Umzug von Mitarbeitern in die EU wegen Reisebeschränkungen aufgrund der Pandemie schwer zu bewerkstelligen sei.

    Mit dem endgültigen EU-Austritt des Landes nach dem Auslaufen der Übergangszeit endete für britische Banken die Möglichkeit, mit Hilfe des sogenannten EU-Passes von der Londoner City aus Geschäfte in der Ländergemeinschaft zu betreiben. Finanzdienstleistungen sind vom neuen Handelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich nicht abgedeckt.

    Folgen des Brexits für die Automobilbranche

    Wegen der Corona-Pandemie und den Folgen des Brexits ist die Autoproduktion in Großbritannien auch im Januar stark zurückgegangen. Etwas mehr als 86.000 Fahrzeuge bedeuteten ein Minus von 27,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, teilte der Branchenverband SMMT im Februar mit.

    Demnach war es der schlechteste Januar seit 2009 und der 17. monatliche Rückgang in Folge. Seit Beginn der Pandemie im März 2020 habe die Branche Verluste von 11,3 Milliarden Pfund (12,97 Mrd. Euro) erlitten.

    2019 war Großbritannien noch der weltweit größte Exportmarkt für die deutschen Automobilhersteller. Die deutsche Automobilindustrie unterhält in Großbritannien mehr als 100 Produktionsstätten, von denen die meisten Zulieferunternehmen gehören.

    Die britischen Zulieferer sind wiederum stark vom EU-Markt abhängig.

    Folgen des Brexits für die Verbraucher

    Für britische Verbraucher wird das Leben teurer. Bei den Lebensmittelpreisen ist laut Experten bereits eine Inflation zu beobachten. Auch Onlineshopper sind überrascht, wenn der Paketbote an der Haustür bei Bestellungen aus der EU neuerdings satte Nachzahlungen verlangt. So wird nun die Einfuhrumsatzsteuer von 20 Prozent fällig. Hinzu kommen Zölle, falls die Artikel zum überwiegenden Teil in Drittländern wie China, Bangladesch oder Vietnam gefertigt wurden.

    Vermeintliche Schnäppchen aus der EU werden somit schnell zum teuren Fehlkauf. Viele lassen die Päckchen dann zurückgehen. „Einzelpaket-Versendungen an private Adressaten in Großbritannien bereiten weiterhin Probleme“, bestätigt ein Sprecher des Paketlieferdienstes DPD.

    Noch verdeckt die Corona-Pandemie das ganze Ausmaß der Brexit-Folgen. Da Gastronomie, Einzelhandel und Tourismus wegen des Lockdowns geschlossen sind und auch viele Fabriken unter Kapazität arbeiten, ist die wirtschaftliche Aktivität in Großbritannien deutlich geringer als gewöhnlich. Das Frachtvolumen über den Ärmelkanal liegt laut der Logistikplattform Transporeon immer noch rund 40 Prozent unter dem Normalniveau. Die geringere Nachfrage nimmt etwas Druck aus den Lieferketten.

    „Corona dämpft die Brexit-Auswirkungen“, sagt Shane Brennan von der Cold Chain Federation, dem britischen Verband der Kühllogistik. „Wenn es keinen Lockdown gäbe, hätten wir echte Lieferengpässe.“ So aber seien die Lastwagenstaus ausgeblieben und die Supermarktregale normal gefüllt. Importe seien ohnehin einfacher, weil die britische Regierung an der Grenze in den ersten sechs Monaten noch nicht kontrolliert.

    Auswirkungen des Brexits auf die EU

    Der Austritt des drittgrößten Mitgliedslandes ist ein enormer Verlust für die EU. Besonders wichtig ist, dass diesem Beispiel nicht noch andere Mitgliedsstaaten folgen. Eines der wichtigsten Argumente der Brexit-Befürworter ist das Geld. Das Vereinte Königreich zahle jede Woche die enorme Summe von 350 Millionen Pfund Sterling an die Europäische Union, hieß es.

    Großbritannien war tatsächlich der zweitgrößte Nettozahler in der EU. Doch die tatsächliche wöchentliche Summe, die an die Europäische Union überwiesen wird, beläuft sich aber auf rund 160 Millionen Pfund Sterling – was rund sechs Prozent des EU-Budgets ausmacht.

    Deutschland ist in absoluten Zahlen der größte „Nettozahler“ in der Europäischen Union. In den letzten Jahren zahlte Deutschland jeweils etwa 10 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr mehr in den EU-Haushalt ein, als direkt an Begünstigte in Deutschland zurückflossen. Der gemeinsame Wiederaufbau nach der Corona-Pandemie wird den deutschen Nettobeitrag noch erhöhen. Allerdings zahlen pro Kopf gerechnet die Schweden, Dänen, Luxemburger, Österreicher und Niederländer ähnlich viel ein – oder sogar mehr.

    Auswirkung auf die Freizügigkeit zwischen den Ländern

    Die Zukunft der in Großbritannien lebenden EU-Bürger ist vorerst geklärt. Wer dauerhaft in Großbritannien leben will, kann sich für das EU Settlement Scheme anmelden. Es gilt für EU-Bürger, Nicht-EU-Bürger und Schweizer sowie ihre Angehörigen.

    EU-Bürger, die für einen längeren Zeitraum in Großbritannien eingesetzt sind, müssen eine Aufenthaltsgenehmigung anmelden.

    Diese heißt „Pre-settled Status“ für die ersten fünf Jahre, alle weiteren Zeiten fallen in den „Settled Status“. Allerdings gibt es Ausnahmen für Arbeitnehmer, die sich bis zum Ende der Übergangsphase schon fünf Jahre im Vereinigten Königreich aufgehalten haben: Sie sollen direkt eine Daueraufenthaltsgenehmigung erhalten.

    Wer nur als Tourist oder Geschäftsreisender nach Großbritannien fährt und die deutsche Staatsangehörigkeit hat, braucht bis zu 6 Monaten kein Visum.

    Wer als Brite in Deutschland lebt, muss folgende Regeln beachten:

    Seit dem 1. Januar 2021 haben Personen, die bis Ende 2020 zum Aufenthalt oder zum Arbeiten in Deutschland (oder einem anderen EU-Staat) berechtigt waren und von diesem Recht Gebrauch gemacht hatten, im Wesentlichen dieselben Rechte wie vor dem Austritt. Die Rechte werden also „eingefroren“. Diese Rechte bestehen „kraft Gesetzes“. Menschen mit britischer Staatsangehörigkeit in Deutschland brauchen also nichts zu tun, um sie geltend zu machen.

    Um nachweisen zu können, dass Sie Rechte nach dem Austrittsabkommen haben, benötigen Sie jedoch zwingend ein Dokument, das Sie bei der Ausländerbehörde erhalten. Mehr Informationen dazu finden Sie auf den Seiten des BMI.

    Bis zum 30. Juni 2021 müssen Britinnen und Briten, die am 31. Dezember 2020 in Deutschland wohnen und weiterhin in Deutschland wohnen bleiben, ihren Aufenthalt bei der für ihren Wohnort zuständigen Ausländerbehörde anzeigen, um dann das neue Aufenthaltsdokument erhalten zu können.

    Der vereinfachte Zugang für „unternehmensintern transferierten Arbeitnehmern“ kann auch über die EU Blue Card erfolgen. Viele Briten wollen sich diesen Weg ersparen: Bereits 15.000 Briten haben deshalb die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

    Mehr: Die Chronologie des Brexits – der EU-Austritt Großbritanniens zusammengefasst.

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