Nach dem Brexit-Entscheid Schotten wollen neuen Anlauf für die Unabhängigkeit

Nicht Teil der EU zu sein, das können sich viele Schotten schwer vorstellen. Auch in Schottland kämpfen Städte mit dem Niedergang ihrer Industrie, aber sie zogen andere Schlüsse als ihre Nachbarn in England und Wales.
Eine Frau zündet sich eine Zigarette an: Die Schottische Stadt Motherwell gehört zu einem Wahlkreis, in dem sich 62 Prozent für den Verbleib in der EU ausgesprochen haben. Quelle: AP
Motherwell

Eine Frau zündet sich eine Zigarette an: Die Schottische Stadt Motherwell gehört zu einem Wahlkreis, in dem sich 62 Prozent für den Verbleib in der EU ausgesprochen haben.

(Foto: AP)

MotherwellKühltürme und Kokskohle, Hochöfen und Stahlarbeiter: Das war Motherwell vor dem Ende der Stahlproduktion. Heute ist das einstige „Steelopolis“ nur eine weitere heruntergekommene Arbeiterstadt in Schottland, die ihren Platz sucht in einer Dienstleistungsgesellschaft. Läge Motherwell südlich der Grenze, dann hätten hier wohl viele wie in England und Wales für den Brexit gestimmt. Stattdessen sprach sich eine klare Mehrheit für den Verbleib in der EU aus.

Zu denen, die ihr Kreuz in der Wahlkabine bei „Remain“ gemacht haben, gehört Robert Butcher. Sein Vater verlor seinen Job, als 1992 das Stahlwerk Ravenscraig geschlossen wurde. In einer vergleichbaren Lage haben sich Wähler in England und Wales für den Brexit ausgesprochen, aber Butcher sieht nicht ein, wie das den verfallenden einstigen Industriestädten helfen soll.

„Großbritannien ist einfach nicht mehr das, was es einmal war“, sagt der 52 Jahre alte Schlosser, als er vor einem verlassenen Haus in der Nähe des ehemaligen Stahlwerks sein Auto repariert. „So einfach ist das.“

Beim EU-Referendum in der vergangenen Woche wandten sich alle 32 Verwaltungsbezirke in Schottland und Nordirland gegen ihre Nachbarn aus dem Süden und stimmten für „Remain“, für den Verbleib in der EU.

„Ich denke, das hat viel mit der schottischen Unabhängigkeitsbewegung zu tun“, sagt Tasmina Ahmed-Sheikh, eine von 54 Abgeordneten der Schottischen Nationalpartei (SNP) im britischen Parlament. Die Partei stellt in Schottland die Regierung und führte die Bemühungen für eine schottische Unabhängigkeit an. Ein entsprechendes Referendum scheiterte jedoch 2014. „Es ist einfach unvorstellbar, dass Schottland nicht Teil der EU sein soll“, erklärt Ahmed-Sheikh. „Menschen im ganzen Land glauben, dass sie morgen aufwachen und alles nur ein böser Traum war.“

Unternehmen, die den Brexit schon heute spüren
Vodafone
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Der Mobilfunk-Riese Vodafone denkt nach dem Brexit-Referendum laut über die Verlegung seines Hauptsitzes aufs europäische Festland nach. „Die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU war ein wichtiger Faktor für das Wachstum eines Unternehmens wie Vodafone“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens von Mittwoch. Noch sei es zu früh, Schlüsse für den langfristigen Standort des Hauptsitzes zu ziehen, aber es werde entschieden, was zweckmäßig für das Interesse von Kunden, Aktionären und Angestellten sei. Vodafone beschäftigt rund 13.000 Menschen in Großbritannien und hat Sitze in London und Newbury.

Ryanair
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Wegen des Brexit-Votums will sich Billigflieger Ryanair verstärkt auf Kontinentaleuropa konzentrieren. Es sei „höchst unwahrscheinlich“, dass im kommenden Jahr auch nur eines der 50 neuen Flugzeuge in Großbritannien stationiert werde, sagte Firmenchef Michael O‘Leary (M.). „Wir werden all unser Wachstum in die Europäische Union umleiten.“ Bisher hat die irische Ryanair einen beträchtlichen Teil ihrer Flotte in Großbritannien stationiert. Der eingebrochene Pfund-Kurs werde die Bilanz belasten, die in Euro abgerechnet wird. Für Ryanair ist Großbritannien bislang der größte Markt.

Easyjet
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Die zweitgrößte europäische Billig-Airline Easyjet kassierte bereits die Prognose für das laufende Quartal. Wegen des Brexit könnten sich weniger Menschen im Sommer für eine Flugreise entscheiden. Zudem dürften gestiegene Treibstoffpreise und ungünstige Wechselkurse das Ergebnis im Ende September endenden Geschäftsjahr mit etwa 25 Millionen britischen Pfund (31 Millionen Euro) zusätzlich belasten. Easyjet-Chefin Carolyn McCall (Foto) versucht nun, an anderen Stellen im Unternehmen zu sparen. Laut Medienberichten vom Freitag erwägt der Billigflieger auch, den Firmensitz in ein anderes EU-Land zu verlagern. Das Unternehmen habe mit Luftfahrtbehörden mehrerer Länder bereits Sondierungsgespräche aufgenommen, meldet der Sender Sky News.

IAG
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Die Entscheidung der Briten zum Austritt aus der EU durchkreuzt die Gewinnpläne der Fluggesellschaft British Airways und ihres Mutterkonzerns IAG. Schon in den Wochen vor dem Referendum habe sich der Ticketverkauf schwächer entwickelt als erwartet. Angesichts des Votums für den Brexit und der daraus entstandenen Marktturbulenzen werde der operative Gewinn in diesem Jahr zwar immer noch deutlich steigen, aber nicht mehr so stark wie im Jahr 2015. Zu IAG gehören neben British Airways auch die spanischen Fluglinien Iberia und Vueling sowie die irische Gesellschaft Aer Lingus.

Virgin
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Der Brexit wird das Land nach Einschätzung des britischen Milliardärs Richard Branson (Foto) in eine Rezession stürzen und zum Verlust Tausender Arbeitsplätze führen. „Wir steuern auf ein Desaster zu. Ich glaube nicht, dass die Bürger schon begriffen haben, was für einen Schlamassel ihr Votum auslösen wird“, sagte der Gründer der Virgin-Gruppe . Seine Fluggesellschaft habe nach dem Brexit-Entschluss bereits einen „sehr großen“ Deal abgesagt, der etwa 3000 Arbeitsplätze geschaffen hätte. Sein Unternehmen habe seit der überraschenden Brexit-Entscheidung etwa ein Drittel an Wert eingebüßt. Tausende und Abertausende Stellen würden dadurch verloren gehen.

Airbus
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Der Flugzeugbauer stellt seine Investitionspläne in Großbritannien auf den Prüfstand. Vorstandschef Tom Enders (Foto) sagte, Großbritannien werde sich jetzt „noch mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft gegenüber der EU und der gesamten Welt fokussieren. Aber natürlich werden wir unsere Investitionsvorhaben in Großbritannien überdenken, so wie jeder andere auch.“ Er hoffe, dass der wirtschaftliche Schaden durch den Brexit klein bleibe.

Siemens
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Der deutsche Industriekonzern Siemens friert seine Investitionspläne im Windkraftgeschäft in Großbritannien ein, bis es mehr Klarheit über die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU gebe. Siemens hatte 2014 zugesagt, 160 Millionen Pfund in zwei Werke bei Hull zu investieren. „Die Regierung muss jetzt schnell handeln und die Natur der britischen Handelsbeziehungen zu der EU und anderen Handelspartnern festlegen, damit es klare Aussichten gibt, um künftige Investitionen zu ermutigen“, erklärte das Unternehmen.

Nach Bekanntwerden des Brexit-Ergebnisse hatte die SNP-Vorsitzende und Regierungschefin Schottlands, Nicola Sturgeon, die Möglichkeit eines neuen Unabhängigkeitsreferendums ins Spiel. Es sei unfair, dass Schottland gegen seinen Willen nur wegen der vielen englischen Stimmen aus der EU gedrängt werde, sagte sie zur Begründung.

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